Ehemalige DDR-Bausoldaten wollen sich am Mittwoch, 4. November, im Gemeindehaus der Trinitatiskirchgemeinde in Chemnitz-Hilbersdorf treffen. Sie wollen miteinander den 40. Jahrestag ihrer Einberufung begehen – und noch besser verstehen, wie ihre zu DDR-Zeiten doch recht besondere Einheit überwacht wurde.
Um 11 Uhr will Organisator Christoph Mike Dietel die „Genossen Bausoldaten“ begrüßen und mit ihnen „ein oder zwei Bier trinken“, wie er sagt. Danach ist eine Andacht mit Pfarrer Dr. Ilgner in der nahe gelegenen Trinitatiskirche geplant. Der endgültige Programmablauf des Gedenktags steht laut Dietel aber noch nicht fest. Sicher ist für ihn nur der Schluss: Um 20 Uhr soll die Truppe mit „Zapfenstreich und Kehraus“ verabschiedet werden.
Der Ort passt zu einem Tag, an dem persönliche Erinnerung und öffentliche Geschichte zusammenkommen. Das 115 Jahre alte Gemeindehaus der Trinitatiskirchgemeinde steht im Stadtteil Hilbersdorf; die Kirche befindet sich an der Frankenberger Straße und wurde 1866 geweiht. Es ist ein passender Ort für jene Menschen, die mutig schon zu DDR-Zeiten den Dienst an der Waffe verweigerten – zumeist aus christlich-pazifistischen Gewissensgründen. Was heute Normalität ist, war damals ein Affront gegen die Partei- und Staatsdoktrin.
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Fast 100 Zusagen ehemaliger Bausoldaten
Die Wege des Tages beim Bausoldaten-Treffen, zu dem sich fast 100 Ehemalige angesagt haben, führen weit zurück. Geplant ist unter anderem ein Spaziergang zu einer ehemaligen Lehrlingsunterkunft der Reichsbahn, in der nach Dietels Erinnerung zwei Züge der ersten Baukompanie rund neun Monate untergebracht waren. Er möchte über die Tätigkeit der Staatssicherheit unter den Bausoldaten sprechen. Die Historikerin Anke Silomon soll zu hören sein; ihre Forschung befasst sich unter anderem mit der Frage, wie der Umgang der SED mit Bausoldaten deren Lebenswege und oppositionelle Netzwerke beeinflusste.
Drei der Bausoldaten (erkennbar an den Schulterklappen mit dem Spatensymbol) zu Beginn ihrer „Karriere“ beim Spatentrupp der NVA. Sie sind heute noch befreundet.
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Vor zehn Jahren gab es das letzte Treffen der Spatensoldaten – hier wurde das Foto noch einmal nachgestellt.
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Besonders gespannt blickt Dietel auf den ehemaligen Oberleutnant Andreas Krawietz, der sein Kommen zugesagt hat. Die Fragen in den Köpfen der einstigen Spatensoldaten sind dennoch unbequem: Wie sah der Offizier die Männer, die den Dienst mit der Waffe verweigerten? Misstrauten die Offiziere einander? Fragten sie sich selbst, wer in der Einheit für die Stasi berichtete? Auch das gehört zur Geschichte der Bausoldaten: Sie dienten ohne Waffe, blieben aber Teil der Nationalen Volksarmee und wurden für militärische Bauvorhaben eingesetzt.
Wie eng Gewissensentscheidung und politischer Konflikt beieinanderlagen, zeigt eine Eingabe der zweiten Baukompanie des Straßenbauregiments „Robert Siewert“ an die Volkskammer. Die vorliegende Abschrift trägt das Datum 28. Januar 1988. Ihr Vorschlag: Neben dem bewaffneten Wehrdienst und dem Dienst als Bausoldat sollte ein gleichwertiger Sozialdienst möglich sein – 24 Monate beim Deutschen Roten Kreuz der DDR, mit Ausbildung und Arbeit vor allem im Gesundheitswesen.
Eine Eingabe ließ die Stasi hellhörig werden
Schon die Wortwahl war kalkuliert. Die Verfasser verzichteten auf die Bezeichnung „Sozialer Friedensdienst“, um den Wehrdienstleistenden nicht abzusprechen, ebenfalls dem Frieden dienen zu wollen. Zugleich benannten sie den Kern ihres Problems: Für viele sei der Dienst in den Baueinheiten ein „halbherziger und gewissensverletzender Kompromiß“, besonders wegen des geforderten Gelöbnisses. Ihr Entwurf war kein Ruf nach einer bequemeren Ausnahme. Urlaub, Ausgang und Besoldung sollten den Regeln der NVA entsprechen; bei Pflichtverletzungen sollte sogar eine Verlängerung des Dienstes möglich sein.
Dietel beschreibt die Eingabe rückblickend als „ehrlichen Vorschlag mit provozierender Absicht. Wir wussten, niemand in der Volkskammer würde sie zu lesen bekommen“, schreibt er in seiner Erläuterung. Dennoch, so seine Überzeugung, würde ein solches Papier die Sicherheitsorgane beschäftigen. Die Stasi an der Wirksamkeit ihrer Mittel zweifeln zu lassen sei der Zweck solcher Eingaben gewesen. Seine Schilderung der erhofften Wirkung ist eine persönliche Rückschau, kein Beleg dafür, wie die Behörden gerade auf dieses Schreiben reagierten.
Die Eingabe ist heute selbst ein Stück Überlieferungsgeschichte. Dietel hat den Text seiner Stasiakte entnommen; ihm liegt nach eigener Darstellung eine Abschrift mehrfacher Abschriften vor, nicht das handschriftliche Original, das laut Dietel bereits aus dem Januar 1987 stamme.
Beim Treffen, das um 11 Uhr beginnt und zu dem gern auch andere frühere Bausoldaten spontan dazukommen können, soll für Fragen Platz sein – aber ebenso für Gespräche, Lachen und ein Buffet. Gerade darin liegt die Pointe dieses Gedenktags: Die Männer, die einst als unsozialistische Quasi-Staatsfeinde diffamiert wurden, können heute offen und fröhlich miteinander umgehen – ohne die ganz große Sorge, bespitzelt zu werden.
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