Kultur-Missverständnisse

Das listige China und der Westen: „Störe deinen Feind nie, wenn er Fehler begeht“

Pekings Rückkehr an die Weltspitze folgt alten Weisheiten: Wie eine Allegorie den Weltkrieg verhindern kann und Sprichwörter helfen, Kultur-Codes zu knacken.

9 Min
Kampfkunst in der Verbotenen Stadt in Peking: Der Begriff Kung-Fu fasst mehrere Stile zusammen und bedeutet „hart erarbeitete Fertigkeit“.

Kampfkunst in der Verbotenen Stadt in Peking: Der Begriff Kung-Fu fasst mehrere Stile zusammen und bedeutet „hart erarbeitete Fertigkeit“.

© Blue Jean Images LLC/imago

Das kann ja nichts werden mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas – ohne Demokratie, Menschenrechte, Liberalismus. So dachte der Westen im Vollgefühl seines Sieges im Kalten Krieg nach 1990. Da waren die Effekte der von Deng Xiaoping 1978 eingeleiteten Reformen aus zehntausend Kilometern Entfernung und mit einem Brett vor dem Kopf noch nicht zu erkennen.

China hatte die starren Plan-Strukturen in der Landwirtschaft gelockert, Bauern Eigenverantwortung gegeben, dann Wirtschaftssonderzonen errichtet, in die ausländisches Kapital fließen konnte. Chinas Partei- und Staatsführung machte kein Spektakel um die Erfolge, sie folgte Dengs Rat: „Verstecke deine Talente und warte deine Zeit ab.“

Diese Taktik hatte sich der Reformer nicht ausgedacht, vielmehr wandte er eines der vielen chinesischen Sprichwörter (Chengyu) an – eigentlich Lehrstücke, in diesem Fall ein Klassiker aus dem alten China: König Goujian (496–465 v.u.Z.) hatte nach einem Krieg sein Reich Yue an den Nachbarherrscher verloren, lebte an dessen Hof wie ein Sklave, schlief in einer ärmlichen Hütte auf Heu.

„Bitterkeit essen“ – die Tugend der Leidensfähigkeit

Demütig und mit Gleichmut pflegte er die Pferde, seine Frau putzte die Toiletten. Täglich leckte er an einer Gallenblase. „Bitterkeit essen“, so lautet ein weiteres Sprichwort. Es erhebt Leidensfähigkeit zur Tugend, um mit Selbstdisziplin und Zähigkeit wieder nach oben zu kommen. Goujian durfte tatsächlich nach Hause, baute eine Streitmacht auf und rächte die Niederlage.

Für das heutige China war 180 Jahre nach dem Beginn der demütigenden Kolonialisierung durch imperiale Mächte die Zeit reif, wieder selbstbewusst auf der Weltbühne aufzutreten. Xi Jinping, seit 2013 Präsident Chinas, erinnerte mehrfach daran, dass sein Land keinen Aufstieg an die Weltspitze erlebe, sondern eine Rückkehr zum viele Jahrhunderte währenden Normalzustand.

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Angela Merkel, die wissbegierige, zugleich skeptische Kanzlerin, ließ vor ihrer zwölften China-Reise im September 2019 prüfen, was der britische Ökonom und Wirtschaftshistoriker Angus Maddison aus historischen Daten errechnet hatte, nämlich: China war über Jahrhunderte hinweg die größte Volkswirtschaft der Welt. Um 1820 erwirtschaftete China knapp 30 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Sokrates und Konfuzius im Dialog: Skulpturen in der chinesischen Nationalgalerie
              in Peking.

Sokrates und Konfuzius im Dialog: Skulpturen in der chinesischen Nationalgalerie in Peking.

© Maritta Tkalec

Tradiertes Wissen bestimmt in nicht zu unterschätzendem Maße chinesische Politik wie auch das Alltagsverhalten, wahrscheinlich stärker als in Europa, dessen Volksweisheit ja auch voll von lehrreichen Sprichwörtern, Fabeln, Parabeln und Gleichnissen ist. Man denke nur an: „Wer einem eine Grube gräbt …“ Der listige Fuchs ist allseits bekannt, verwandt mit David, der den Riesen Goliath besiegt, und dem trickreichen Odysseus, der das Trojanische Pferd erfand.

Nebenbei: Ist es nicht erstaunlich, dass die chinesische Antike etwa in dieselbe Zeit fällt wie die Blüte Athens, als die Grundlagen europäischer Ideenwelten entstanden? Perikles (490 v.u.Z. bis 429 v.u.Z.) lehrte als Staatsmann in Athen, dass ein Staat am stärksten ist, wenn die Macht nicht bei einer Elite, sondern beim gesamten Volk (Demos) liegt.

Konfuzius lebte etwas früher (551 v.u.Z. bis 479 v.u.Z.) und lehrte Mitmenschlichkeit als Fundament aller Tugenden, also gegenseitige Achtung, Güte und empathisches Handeln im Alltag. Der chinesische Meister verlangte die Einhaltung von Regeln, die das Zusammenleben ordnen und Respekt ausdrücken. In seiner Staatsphilosophie sah er die Bauern als Fundament der Gesellschaft.

Mit Konfuzius lässt sich auch erklären, warum westliche Interpreten die kulturellen Grundlagen Chinas so häufig missverstehen. Kommt man nach einer China-Reise beeindruckt zurück und berichtet von Hightech und sauberen Straßen, pünktlichen Hochgeschwindigkeitszügen oder Armutsbekämpfung oder der Großen Grünen Mauer mit bislang fast hundert Milliarden gepflanzten Bäumen, dem größten Projekt der Weltgeschichte gegen Wüstenbildung – kommt unweigerlich die Belehrung: „Aber die Menschenrechte!“

Tatsächlich verstehen westlich Sozialisierte unter Menschenrechten allein die westliche Norm. Hier stehen das Individuum und seine Freiheit im Zentrum. Dieses Modell wird als „universal“ deklariert. Das aber sieht die chinesische Gesellschaft anders – und zwar aus langer kultureller Erfahrung.

Reis-Theorie erklärt den Kollektivismus

Während der westliche Universalitätsanspruch ein Echo des imperial-kolonialen Habitus ist, hat das chinesische, auf das Kollektiv, soziale Harmonie und gegenseitige Abhängigkeit und auf das Gemeinwohl orientierte Menschenrechtsverständnis eine uralte, durchaus materielle Grundlage: Die moderne Kulturpsychologie hebt hervor, wie sehr der jahrhundertelange Reisanbau in China zu Kooperation und Fokussierung auf die Gemeinschaft zwang.

Die sogenannte Reis-Theorie von Thomas Talhelm, Verhaltensforscher an der Universität Chicago, geht davon aus, dass der Anbau von Nassreis – anders als die Kultur von Weizen oder Roggen – extrem aufwendige, koordinierte Bewässerungssysteme (Kanäle, Dämme, Terrassen) erfordert. Ein einzelner Bauer konnte dies nicht bewältigen. Dörfer mussten Pflanz- und Erntezeiten exakt aufeinander abstimmen und das Wasser gerecht teilen. Egoismus führte unweigerlich zu Hungersnöten.

Die Kultur Chinas ist aus dem Nassreisanbau geboren. Die Komplexität dieser Landwirtschaft erfordert bis heute Kooperation, aber es geht inzwischen mit Reispflanzmaschine wie hier in der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang.

Die Kultur Chinas ist aus dem Nassreisanbau geboren. Die Komplexität dieser Landwirtschaft erfordert bis heute Kooperation, aber es geht inzwischen mit Reispflanzmaschine wie hier in der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang.

© Wang Jinbin/dpa

So sah es auch Konfuzius, der seine Lehren in einer Zeit wachsender Instabilität und kriegerischer Auseinandersetzungen entwickelte. Ihm zufolge wird Stabilität erreicht, wenn jeder Einzelne seine ihm zugewiesene Rolle einnimmt und seine Pflichten erfüllt. Individualismus gilt im Konfuzianismus als Bedrohung für das Gemeinwohl – das passt perfekt zu den Anforderungen des gemeinschaftlichen Reisanbaus. Folglich gelten in China als primäre Menschenrechte die auf Nahrung, Wohnen, Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung. Das Kollektiv (Staat und Gesellschaft) hat Vorrang vor dem Einzelnen. Individualrechte, die der Westen so sehr betont, treten in die zweite Reihe.

Von den großen Fragen abgesehen, gelten Spielregeln, die man beim Deuten von Verhaltensweisen kennen sollte. Die wichtigsten hat ein chinesischer Kriegsstratege vor 500 Jahren in dem Buch „36 Strategeme“ zusammengefasst. Der Unternehmer Bernhard Weßling, der einige Jahre in China lebte und bewusst ein aus Chinesen bestehendes Umfeld wählte, berichtet in seinem Buch „Mein Sprung ins kalte Wasser. Mit offenen Augen und Ohren in China leben und arbeiten“ (verlag am park), wie er diese Handlungs- und Denkmuster für Taktik, List und Konfliktlösung in seinen Geschäftsverhandlungen benutzt hat – offenbar mit einigem Erfolg. Einige Beispiele:

– Im Osten Lärm schlagen, im Westen angreifen: Ein Scheinmanöver (Ablenkung) durchführen.

– Das Feuer am gegenüberliegenden Ufer beobachten: Abwarten, bis sich der Gegner selbst schwächt.

– Einen Pflaumenbaum opfern, damit die Pfirsichbäume überleben: Einen kalkulierten Verlust hinnehmen.

– Auf das Gras schlagen, um die Schlangen aufzuscheuchen: Den Feind durch eine Aktion zur Preisgabe seiner Pläne bewegen.

– Will man etwas fangen, muss man es zuerst loslassen: Dem Gegner einen Fluchtweg lassen, um seinen Widerstand zu brechen.

Xi erklärt Trump die Thukydides-Falle

Von dem chinesischen General und Philosophen Sun Tzu, der im 6. Jahrhundert v.u.Z lebte, soll die geniale Empfehlung stammen: „Störe deinen Feind niemals, wenn er dabei ist, einen Fehler zu begehen.“ Dieser Satz beschreibt einen Kern der chinesischen Haltung zu Donald Trump, zur EU und auch zu Putin.

Als Donald Trump im Mai 2026 Peking besuchte, griff Staats- und Parteichef Xi Jinping auf Wissen aus der griechischen Antike zurück. Nach dem Peloponnesischen Krieg zwischen Sparta und Athen 431 bis 404 v.u.Z. bilanzierte der Historiker Thukydides: „Der Aufstieg Athens und die Angst, die dieser Aufstieg in Sparta auslöste, machten den Krieg unvermeidlich.“

2012 veröffentlichte der US-Politologe Graham Allison seine Untersuchung von 16 ähnlichen Fällen der vergangenen 500 Jahre, in denen ein Aufsteiger eine etablierte Macht störte: Zum Beispiel forderte das aufstrebende Frankreich im 16. Jahrhundert die Habsburger heraus oder das Deutsche Reich Großbritannien vor dem Ersten Weltkrieg. In zwölf der untersuchten Fälle war tatsächlich ein Krieg ausgebrochen. Allison prägte den Begriff „Thukydides-Falle“.

Xi Jinping führte Donald Trump in den Himmelstempel in Peking, erbaut 1406–1420. Eine Botschaft Xis: Es ist Platz für alle unter dem Himmel. Auch für zwei Großmächte.

Xi Jinping führte Donald Trump in den Himmelstempel in Peking, erbaut 1406–1420. Eine Botschaft Xis: Es ist Platz für alle unter dem Himmel. Auch für zwei Großmächte.

© Shen Hong/imago

Genau darauf bezog sich Xi Jinping bei der Begrüßung des US-Präsidenten, als er sagte, die beiden Länder könnten „die Thukydides-Falle überwinden und ein neues Modell für die Beziehungen zwischen Großmächten entwickeln“. Hier geht es um die Vermeidung eines Weltkrieges! Hoffentlich wusste jemand aus dem US-Tross etwas mit der Botschaft anzufangen und hat dem Chef erklärt, was der Chinese mit dem Hinweis auf den alten Griechen sagen wollte.

Die Warnung vor der Thukydides-Falle unterstellt zunächst keine böse Absicht, sondern konstatiert einen Spannungsaufbau, denn in der neuen Position will der stärker Werdende mitreden, die Ordnung womöglich umgestalten. Xi stellte die Frage zur Debatte: Wie kann es gelingen, dass die etablierte Macht nicht in jedem Schritt des anderen eine Aggression erkennt? Nicht nur an Trump gerichtet sagte er: „Es ist genug Platz für alle unter dem Himmel.“

Ein weiteres Gleichnis half dem Unternehmer Bernhard Weßling, für seine Chemie-Firma mit einem chinesischen Partner eine gute Lösung zu finden: In seinem Buch erzählt er, welches Chengyu (Sprichwort) da seine Wirkung entfaltete, nämlich: „Nüwa füllt die See.“

Die kluge und wissbegierige Nüwa, Tochter von Kaiser Yan, ging eines Tages segeln auf der Östlichen See. Ein Sturm kam auf, das Boot kenterte. Doch Nüwas Geist akzeptierte den Tod nicht und verwandelte sich in einen kleinen Vogel. Der flog über das Meer und rief „Jingwei, Jingwei“ – sie gab sich selbst den Namen, der in ihrem eigenen, klagenden Schrei lag.

Erfüllt von Zorn und Trauer, schwor sie feierlich, das Meer aufzuschütten, damit niemand mehr so ertrinken würde wie sie. Tag für Tag flog sie als Vogel von den Westlichen Bergen zum Östlichen Meer, einen Zweig oder Kieselstein im Schnabel, und ließ ihn ins Wasser fallen. Sie wiederholt ihr Werk – endlos und unermüdlich –, während das Meer ihren beharrlichen Einsatz verspottet, und sie antwortet: „Eines Tages werde ich das Meer aufgefüllt haben.“

Die See füllen, eine Menschheitsaufgabe

Der US-Amerikaner Josef Gregory Mahoney, Professor für Politik und internationale Beziehungen an der East China Normal University in Shanghai, trug diese Geschichte anlässlich der Konferenz zum 105. Gründungstag der KP Chinas am 24. Juli 2026 vor, mit Blick auf den Menschheitsalbtraum Klimawandel. Er beschwor einen „Neuen Internationalismus“. Mahoneys Lektion aus der Geschichte „Jingwei/Nüwa füllt die See“: Wer den Sturm mit entfacht hat, muss helfen, ihn zu beenden. Und sei es noch so mühsam.

Wenige in Deutschland verstehen die in solchen Texten aufgehobene Sprache Chinas. Ein Projekt versucht, wenigstens die gebräuchlichsten Begriffe zu entschlüsseln. Das „Decoding China Dictionary“, zu finden unter https://decodingchina.eu/, erläutert, wie die chinesische Regierung und ihr nahestehende Akteure zentrale Begriffe interpretieren und verwenden. Das Lexikon leuchtet in historische und politische Winkel – ein Anfang, um den leidigen Missverständnissen zu entkommen. Und es ist ein Vergnügen, in die chinesischen Weisheiten einzutauchen.

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