Am Anfang war ein Krümel Mondgestein, gerade ein Gramm schwer. Es war ein Geschenk der USA an das chinesische Volk, mit dem die Supermacht dem weltgrößten Entwicklungsland 1978 ihre Freundschaft demonstrierte. Und ihre Überlegenheit. Sollte man in Washington jedoch gedacht haben, die Chinesen trügen das Körnchen mit gerührter Ehrfurcht in ihre Schatzkammer, hat man sich geirrt. "Wir haben sofort begonnen, das Gestein zu untersuchen", erzählt Ouyang Ziyuan, Geochemiker an der Akademie der Wissenschaften. Er erhielt damals die Hälfte der Probe und forderte prompt, China dürfe die Erschließung des Weltraums nicht den Amerikanern und Russen allein überlassen. Knapp drei Jahrzehnte später ist Ouyang, 72, Chefwissenschaftler des chinesischen Mondprogramms, das jetzt seine erste Sonde auf die 380 000 Kilometer lange Reise schickte.Aus einer Umlaufbahn in 200 Kilometer Höhe soll "Chang'e 1" eine dreidimensionale Karte des Erdtrabanten erstellen und natürliche Ressourcen aufspüren. In zehn Jahren will China dann eigene Gesteinsproben auf die Erde holen und um das Jahr 2020 den ersten Chinesen auf dem Mond landen lassen. Dahinter steckt eine Mischung aus Unternehmergeist, Forscherdrang, Nationalstolz und Verteidigungsstrategie. Als Entwicklungsnachzügler hat die Volksrepublik stets Angst, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, wirtschaftlich und technologisch, politisch und militärisch. "Chinas Mondflug ist ein Zeichen nationaler Stärke", erklärt Ouyang. Geboren im zentralchinesischen Jiangxi, studierte er in den frühen Mao-Jahren in Peking Geologie und Nuklearphysik und prüfte in den Sechzigern die Stollen für Chinas unterirdische Atomtests. Später arbeitete er am ersten Teilchenbeschleuniger des Landes. Seine eigentliche Leidenschaft galt jedoch der Astrochemie, er ließ in ganz China Meteoriten sammeln und stellte Theorien zu deren Entstehung auf.Für den umgerechnet 1,3 Milliarden Euro teuren Mondflug wirbt er heute jedoch nicht aus persönlichem Interesse. "Die Monderkundung wird Chinas Hightech-Entwicklung vorantreiben", ist er sicher und entwickelt die Vision einer Welt, die mit umweltfreundlicher Energie aus dem All betrieben wird. Denn auf dem Mond werden große Vorkommen von Helium 3 vermutet, einem Isotop, das als Treibstoff für Kernfusionsreaktoren genutzt werden könnte, ohne radioaktive Strahlung zu hinterlassen. "Auf der Erde gibt es nur rund 15 Tonnen Helium 3, auf dem Mond aber bis zu fünf Millionen Tonnen", erklärt Ouyang. Hundert Tonnen reichten aus, um die ganze Welt ein Jahr lang zu versorgen. "Man bräuchte also nicht mehr als drei Rundflüge mit einem Space- shuttle." Allerdings warnt er vor unvorsichtiger Euphorie. Ob der Verfolgungsjagd zum Mond dürfe China es nicht verpassen, bei der nächsten Entwicklung gleich ganz vorne mit dabei zu sein: beim Rennen zum Mars. Sein Traum wäre, noch mitzuerleben, wie China eines Tages einen Krümel Marsboden den Amerikanern schenkt.------------------------------Foto: Ouyang Ziyuan, Chef des chinesischen Mondprogramms
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