Energie

Genug für ganz Mexiko: Chinas Ökostrom-„Verschwendung“ steigt – Peking kontert westlicher Darstellung

China regelte laut einem Bericht im ersten Halbjahr 360 TWh Ökostrom ab. Das sind 49 Prozent mehr als 2025. Fachleute sehen strukturelle Gründe.

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Schwimmende Solarmodule in der chinesischen Provinz Shandong

Schwimmende Solarmodule in der chinesischen Provinz Shandong

© CFOTO/imago

China hat im ersten Halbjahr 2026 riesige Mengen Wind- und Solarstrom ungenutzt gelassen. Rund 360 Terawattstunden erneuerbarer Strom wurden abgeregelt – genug, um Mexiko ein Jahr lang mit Strom zu versorgen, wie die Nachrichtenagentur Reuters vorrechnet. Das entspricht einem Anstieg der Ökostrom-Abregelung in China um 49 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Das geht aus einem im August veröffentlichten Bericht der Denkfabriken Global Energy Monitor und Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) hervor. Weil die Stromnetze an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, wird verfügbare grüne Leistung abgewiesen. Betroffen von diesem Umstand sind nach den vorliegenden Daten längst nicht nur chinesische Netze.

Was Abregelung bedeutet – und warum sauberer Strom verloren geht

Als Abregelung, im Fachjargon „Curtailment“, bezeichnet man das vorsorgliche Abweisen von Wind- oder Solarstrom, sobald ein Netz seine Aufnahmegrenze erreicht. Der Strom ließe sich erzeugen, findet aber keinen Abnehmer und geht damit verloren.

Reuters ordnet die zunehmenden Abregelungen als wachsende Hürde für die weltweite Energiewende ein.

26 oder 17 Prozent? Der Streit um die wahren Zahlen

Wie groß das Problem ist, hängt davon ab, wen man fragt. Die chinesische Energiebehörde National Energy Administration gab zuletzt an, im ersten Halbjahr 2026 seien 8,6 Prozent des Solar- und 9,1 Prozent des Windstroms abgeregelt worden.

Global Energy Monitor und CREA kommen dagegen auf 26,1 Prozent der gesamten Wind- und Solarproduktion – berechnet mit wetterbereinigten Daten, um auch nicht gemeldete Abregelungen zu erfassen.

Seit März veröffentlicht die Behörde keine monatlichen Abregelungsdaten der Provinzen mehr. Eine Anfrage von Reuters ließ sie unbeantwortet.

Warum die Ökostrom-Abregelung in China so stark steigt

Fachleute nennen vor allem zwei Ursachen: fehlende Übertragungsleitungen und Verträge, die den Betrieb neuer Kohlekraftwerke absichern.

„Die Abregelung in China ist strukturell, kein vorübergehender Engpass. Wir gehen davon aus, dass der Abregelungsdruck bis zum Ende dieses Jahrzehnts anhält“, sagte Yuan Ren, Analyst der Beratungsfirma Wood Mackenzie, laut Reuters.

Kohlekraft wächst trotz strengerer Vorgaben weiter

Parallel baut China seine Kohlekraft weiter aus. Laut dem Bericht von CREA und Global Energy Monitor gingen im ersten Halbjahr 2026 mit 30 Gigawatt so viele neue Kohlemeiler ans Netz wie in keinem ersten Halbjahr des vergangenen Jahrzehnts – 43 Prozent mehr als im Vorjahr, bei nur 2,7 Gigawatt Stilllegungen.

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Die Kohleverstromung legte um 3,4 Prozent zu. Langfristverträge reservieren für die Kohle weiterhin 60 bis 70 Prozent der im Vorjahr gelieferten Strommenge.

„Chinas Kohle-Ausbau ist eine Warnung vor Überkapazitäten, keine Blaupause für Energiesicherheit“, sagte Qi Qin, China-Analystin bei CREA.

Folgen für Investoren: Einbruch bei neuen Solaranlagen

Die Abregelung schlägt auf Investitionen durch. Zusammen mit einer neuen Regelung, die den garantierten Festpreis für Ökostrom abschafft, trug sie laut Reuters dazu bei, dass die neu installierte Solarleistung in China im laufenden Jahr um 66 Prozent einbrach.

Es werde schwieriger, „die finanzielle Tragfähigkeit von Projekten im Vorfeld einzuschätzen“, sagte Shawn Shuwei Zhang, Chefökonom des Draworld Environment Institute, laut Reuters. Investoren setzten deshalb verstärkt auf Solarparks mit angeschlossenen Speichern statt auf reine Solaranlagen.

Nicht nur China: Abregelung steigt weltweit

Das Muster zeigt sich auch anderswo. In Australiens nationalem Strommarkt stieg die Abregelung im ersten Halbjahr 2026 um 37 Prozent auf 2,93 Terawattstunden, Japans Netz wies 2,35 Terawattstunden ab – ein Plus von 34 Prozent.

Indien, weltweit die Nummer drei bei der Solarstromerzeugung, regelte im Quartal bis Ende Juni 8,13 Terawattstunden Solarstrom ab, nach Angaben des indischen Ministers für erneuerbare Energien rund 14 Prozent der Solarproduktion.

Ember-Analystin Kostantsa Rangelova sieht in Batteriespeichern einen Ausweg: „Chile hat 2025 vier Gigawattstunden an Batterien hinzugefügt und damit seine installierte Kapazität mehr als verdoppelt. Der Großteil dieser neuen Speicher wurde direkt an Solaranlagen angebunden, was die Abregelung verringert“, sagte sie laut Reuters.

China weist Kritik zurück

Chinesische Staatsmedien widersprechen der westlichen Einordnung des Reuters-Berichts als „Verschwendung“. Ein Meinungsbeitrag der Zeitung Global Times bezeichnete die Berichterstattung als voreingenommen und stellte die Auslastung in den Vordergrund.

Nach Angaben der National Energy Administration lag die Nutzungsquote der Windkraft im ersten Halbjahr 2026 bei 90,9 Prozent, die der Photovoltaik bei 91,4 Prozent – mehr als 90 Prozent des Ökostroms würden also genutzt.

Der Beitrag verwies zudem auf 46 fertiggestellte Ultrahochspannungsleitungen und auf die neue Speicherkapazität, die bis Ende Juni 2026 um 61 Prozent auf 153 Millionen Kilowatt gestiegen sei.

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