Chinas Regierung sieht das Internet als Bedrohung. Online-Patrouillen kontrollieren das Netz

Angriff der Fotohandys

Bernhard Bartsch
4 Min

SHANGHAI. Student Zheng ist ein Internetpolizist. Jeden Tag geht er auf Streife, derzeit noch im Intranet der Shanghaier Elitehochschule Fudan, nach dem Abschluss seiner Ausbildung im kommenden Jahr jedoch in der ganzen Cyberwelt. Bis dahin lernt der Computertechnikabsolvent, zulässige Webinhalte von unzulässigen zu unterscheiden, Online-Chats oder Foren in die richtige Richtung zu lenken und mit Chinas umfangreicher Kontrollsoftware umzugehen. Außerdem bekommt er beigebracht, wie man Internetkriminelle verfolgt, verhaftet und vor Gericht bringt. "Das Internet hat gute und schlechte Seiten", sagt der 23-Jährige. "Wir sind dafür verantwortlich, dass es in China eine gesunde Entwicklung nimmt." Das ist die Tonart, die er von seinen Seminarleitern gelernt hat, und obwohl er zugibt, dass er nach seinem ersten Abschluss gerne eine Anstellung in der Industrie gefunden hätte, ist er mit seinem Job zufrieden. Internetzensur gilt in China als eine Branche mit Zukunft.Denn die Pekinger Regierung sieht das Internet als die größte Bedrohung für ihr wichtigstes Herrschaftsmittel: das Informationsmonopol. Noch nie war es so schwer zu verteidigen wie heute. 132 Millionen Nutzer verzeichnet das Land. Die Regierung fördert den Breitbandzugang für Unternehmen, aber sie behindert den Zugang zu Internetseiten, die ihrer Ansicht nach staatsfeindliche Bestrebungen verbreiten. Besonders die Berichte über Proteste im Land machen der Zentrale Sorgen. Nach offiziellen Angaben kam es 2005 landesweit zu 87 000 Demonstrationen. Häufig entzündet sich der Volkszorn an Korruption und Kaderkriminalität, und Peking fürchtet, dass ein Funken eines Tages einen Flächenbrand auslösen könnte. Und seitdem die Blogger nicht mehr nur schreiben, sondern auch Bilder und Filme verbreiten, die Zuschauer mit ihren Fotohandys aufgenommen haben, hat die Macht des Mediums Internet eine neue Stufe erreicht.Mehrfach rückten die virtuellen Eingreiftruppen in den vergangenen Monaten aus, um Links zu Filmen von Krawallszenen zu löschen. So protestierten Ende Oktober an privaten Hochschulen in der Provinz Jiangxi mehrere tausend Studenten gegen eine neue Regelung des Bildungsministeriums, wonach ihre Abschlüsse nicht mit denen staatlicher Universitäten gleichgestellt werden. Nachdem die Studenten Autos und Gebäude angezündet hatten, rückten rund 5 000 bewaffnete Polizisten an, um sie mit Stockschlägen in ihre Wohnheime zu treiben. Auf aus den Fenstern gefilmten Videos ist zu sehen, wie ein am Boden liegender Student von Polizisten geschlagen und getreten wird. Später kann er jedoch alleine aufstehen und davongehen.Zu ähnlichen Szenen war es auch im September in Rui'an in der Provinz Zhejiang gekommen, nachdem eine Lehrerin namens Dai Haijing tot aufgefunden worden war. Die Polizei schloss auf Selbstmord, doch die Studenten sahen darin ein Vertuschungskomplott und gingen auf die Straße. Filmaufnahmen zeigen, wie mit Stöcken, Helmen, Schilden und Tränengas ausgestattete Polizisten prügelnd die Menschenmenge auseinander zu treiben versuchen. Diese Filme wurden im Internet veröffentlicht, auf einer Seite begleitet von dem Spruch: "Stellt diese Videos und Bilder auf internationale Webseiten und lasst die Welt die so genannte Demokratie in China sehen." Kurz darauf wurde der Blog geschlossen.Doch ganz lassen sich die Filme nicht aus der Welt schaffen, denn viele von ihnen landen auf internationalen Seiten, die auch von China aus zugänglich sind. So können Chinesen im Archiv des Filmforums Youtube nicht nur die Filme aus Jiangxi und Zhejiang finden, sondern auch ausführliche Berichte über das Tiananmen-Massaker oder Aufnahmen von der Erschießung tibetischer Flüchtlinge an der nepalesischen Grenze, die im September von einer westlichen Bergsteigertruppe gefilmt worden war.Die Online-Patrouille kommt nicht hinterher. Und auch viele der rund 19 000 internationalen Internetadressen, die nach Angaben des Berkman Center for Internet and Society an der Universität Harvard in China gesperrt sind, können Chinesen mit Hilfe von Proxyservern ansehen; Anleitungen zum Gebrauch der Umleitungen sind im chinesischen Web erhältlich.Allerdings leben Blogger, die sich mit den Zensoren anlegen, gefährlich. Von den weltweit 61 so genannten Cyberdissidenten, Häftlingen, die für freie Meinungsäußerung in Onlineforen oder E-Mails einsitzen, sind nach Angaben der Journalistenvereinigung Reporter ohne Grenzen 52 Chinesen. "Die Behörden überwachen den technischen Fortschritt sehr sorgfältig, damit sich kein neues Fenster für freie Meinungsäußerung auftut," so die Organisation.Um den virtuellen Raum besser kontrollieren zu können, sieht ein neuer Gesetzesentwurf vor, dass Chinas rund 17 Millionen Blogger sich künftig mit ihrem echten Namen anmelden müssen. Der "Great Firewall of China" soll so noch ein wenig höher werden.------------------------------Foto: Polizisten demolieren einen Friseursalon in Xiang: Regierungskritische Chinesen veröffentlichen zunehmend Bilder staatlicher Willkür im Internet. Spezielle Polizisten versuchen, die Aufnahmen ausfindig zu machen.

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