Christoph Miethkes Ventil hilft Hydrocephalus-Kranken

Wenn der Kopf entwässert werden muß

Nick Reimer
3 Min

Daß nicht nur Behörden, sondern auch alle Menschen einen "Wasserkopf" haben, ist nur wenigen bekannt. Zwischen den Hirnkammern zirkuliert Hirnwasser - Liquor genannt - das die "Denkzentrale" vor mechanischen Schäden schützt und Stoffwechselprodukte transportiert. Ein erwachsener Mensch produziert unter seiner Schädeldecke täglich etwa einen halben Liter Liquor und baut gleichzeitig einen verbrauchten halben Liter ab. So bleibt ein Gleichgewicht erhalten, der Liquor regeneriert sich ständig. Allerdings kann es passieren, daß der Abbaumechanismus durch Verstopfungen oder Blutungen gestört wird. Diese Krankheit - als Hydrocephalus bezeichnet - bewirkt, daß sich immer mehr Wasser im Kopf ansammelt und einen enormen Druck auf das Gehirn ausübt. Bei Kleinkindern, die noch keine wirklich feste Schädeldecke haben, bildet dieser Druck riesige Kopfverformungen. Bei Erwachsenen wird das Gehirn deformiert und abgebaut.Schon Ende der 50er Jahre suchte die Wissenschaft nach Möglichkeiten, diese Krankheit zu behandeln. Sie erfand ein Ventil, das - unter die Haut implantiert - an einen ins Gehirn und einen in den Bauch führenden Schlauch angeschlossen wird und überflüssiges Hirnwasser absaugt. Bislang gab es mit dem Mechanismus aber gravierende Probleme: Der gesunde Körper erkennt, ob ein Mensch steht oder liegt - beide Positionen führen zu unterschiedlichen Druckniveaus im Körper. Das Ventil aber erkennt diesen Unterschied nicht, pumpt deshalb entweder zu viel Flüssigkeit ab - Unterdruck entsteht im Gehirn und kann zu Blutungen führen - oder nicht genügend. Mit diesem Problem mußten in Deutschland bislang etwa 8 000 Patienten jährlich leben. Die Berliner Firma Miethke KG hat jetzt ein intelligentes Ventil entwickelt, das von ganz allein unterscheidet, ob ein Patient steht - dann muß ein größerer Druck ausgeglichen werden - oder ob er liegt. Die Grafik zeigt die Ventillage bei einem stehenden Patienten. Weil die Tantal-Kugel (1) aufgrund der Schwerkraft den einen Kanal verstopft, wird die Membran (2) gegen die starke Feder (3) gedrückt und gibt so den Ausflußkanal (4) frei. Wenn der Patient liegt, rollt die Kugel (1) ein Stück zurück und gibt den anderen Kanal (6) frei, wo eine schwächere Feder (5) einen geringeren Druck konstanthält. Der 35jährige Christoph Miethke begann 1992 mit drei Mitarbeitern, dieses System zu entwickeln. Mehr als eine Million Mark steckte er in seine Idee. Anfang dieses Jahres war es dann endlich soweit: Die Entwicklung hatte Produktionsreife erlangt und nach der klinischen Erprobungsphase auch die notwendigen Zulassungs-Zertifikate erhalten. Jetzt hat Miethke seine ersten "Dual-Switch-Ventile" verkauft. "Unser Ziel ist", sagt Christoph Miethke, "200 Stück in diesem Jahr abzusetzen." Das ist auch dringend notwendig. Nach der langen Entwicklungsphase ist die Firma theoretisch pleite. Denn Miethke muß ungefähr noch einmal soviel Geld in die Markteinführung stecken. Dennoch ist Miethke zuversichtlich: In wissenschaftlichen Publikationen bekam die Berliner Neuentwicklung mit Abstand die besten Noten. +++

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