Wenn ein in Liebe und Poesie verbundenes Dichterpaar zu Abend isst, sitzt der Weltschmerz mit am Tisch. Und die Reflexion des Weltschmerzes. Ebenfalls immer mit dabei: das alerte Sensorium für Missstimmungen und das tiefe Gespür für die Unausweichlichkeit von Konflikten. Nicht fehlen dürfen die Leidenschaft für die Wahrheit, die Anfälligkeit für Konkurrenz sowie der Ekel vor dem Neid. Nicht zu vergessen die Herkömmlichkeiten, mit denen auch unkünstlerische Paare vertraut sind, zum Beispiel der Haushalt. Und dann wird Alkohol gereicht. Eine Frage der Zeit, bis das explodiert.
Der österreichische Dichter Ernst Jandl hat für sein Stück „Aus der Fremde“ (1978) ein Abendessen mit seiner Gefährtin Friederike Mayröcker in strenger Kühle protokolliert und ein so erschreckendes wie erheiterndes Muster für das absurde Dilemma geschaffen, in das man eingespannt ist, wenn man sein Leben mit jemandem zu teilen versucht. Das Stück ist im Konjunktiv und in der dritten Person geschrieben, um zu kennzeichnen, dass den beiden durch die Grübelei über das Sein dieses Sein zum Material geronnen und ihnen der direkte Bezug dazu verloren gegangen ist.
„Die Ruhe“ von Signa beim Theatertreffen: Von Aalen und Schnecken lernen
Wenn man zu viel richtig macht: Corona-Pleite beim Theatertreffen
Nichts geschieht ihnen oder sagen sie einfach so, alles wird sofort beobachtet, bewertet, in den großen Zusammenhang einer umfassenden Daseinsdepression gestellt und gehasst. Und auch der Hass kommt nicht ans Leben, sondern bildet neues Denk- und Dichtmaterial. Dieses Protokoll der Unentrinnbarkeit bildet den Hauptteil des Jandl-Abends, der in der Regie von Claudia Bauer am Volkstheater Wien unter dem Titel „Humanistää! Eine Abschaffung der Sparten“ herausgekommen ist und zum Theatertreffen eingeladen wurde. Die Gastspielpremiere am Donnerstag wurde mit stehendem Jubel gefeiert.
Nicht umbringen! Weiterspielen!
Das Paar ist in eine Zelle mit Tisch und Stühlen gesperrt, zwei mit A und B beschriftete Türen führen in die Miniarena. Um die beschriebene literarische Abgelöstheit von Denken und Sein weiter zu verdeutlichen, tragen die Spieler Masken, die sie weitergeben, und ihr Text wird von anderen live eingesprochen. So sägen sie nach einem Tag der Schreibschufterei auf den Tellern herum, kauen am Fleisch, kippen Drinks, sprechen dreizeilige Strophen, begreifen längst Begriffenes, verzweifeln, drohen mit Selbstmord, wobei ihnen die Drohung als Pose bewusst ist, gehen auseinander, telefonieren noch einmal, zwingen sich dann mit mehr Alkohol und Tabletten in den Schlaf. So geht das wohl jeden Abend.
Der Dialog – später kommt noch ein Kritiker zum Essen – wird angeheizt durch Livemusik von Peer Baierlein und aufgelockert mit anderen bitteren Sprachclownerien von Jandl, die man vorsichtig dosieren sollte. Das Ensemble nimmt die Nummern sportlich und spielt sie mit Lust und Freude aus, manchmal allzu gründlich, allerdings wiederum nicht so gründlich wie bei Herbert Fritsch, dessen Sinnlosigkeitsakrobaten Pate stehen, aber nicht erreicht werden. Dennoch ein befreiender Abend, der einen in einer für das Theater schweren Zeit an dessen unverbrauchte Gründe erinnert.
Theatertreffen noch bis 22. Mai, Programm, Karten und Informationen unter www.berlinerfestspiele.de
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]