Glosse

Begegnung in Neukölln: Die Freundlichkeit erschreckte mich

Eine junge Frau spricht unsere Autorin vor dem Columbiabad an. Was sie will, ist nicht das, was man in Berlin erwartet.

3 Min
Sicherheitsleute im Columbia-Bad in Neukölln.

Sicherheitsleute im Columbia-Bad in Neukölln.

© Christian Schulz

Vor dem Neuköllner Columbiabad fragte mich heute früh eine junge Frau: „Darf ich Sie einladen?“ Eine derart freundliche Ansprache ist man in Berlin so wenig gewöhnt, dass man direkt erschrickt und auch misstrauisch wird.

Schnell aber wurde klar: Die freundliche Frau hatte noch so viele Eintritte auf ihrer Mehrfachkarte, dass sie davon ausging, sie nicht mehr selber abschwimmen zu können und wollte mir einfach etwas Gutes tun.

Ich erinnerte mich an vergangene Jahre, in denen mir so etwas im September vor diesem oder einem anderen Bad häufig passierte. Und das ist auch völlig legal, denn so eine Mehrfachkarte ist nicht personalisiert, man kann sie gleichzeitig auch zu mehreren nutzen.

Am Sonntag ist im Columbiabad alles vorbei

Früher war das Mehrfachticket auch im Jahr danach noch für einen bestimmten Zeitraum gültig, das haben die Berliner Bäderbetriebe beendet: Die Karte gilt jeweils nur für die laufende Sommersaison und nicht verbrauchte Eintritte verfallen an deren Ende. Und das Columbiabad ist nur noch bis Sonntag geöffnet.

Nur im Prinzenbad kann man dann noch draußen schwimmen. In früheren Jahren war es bis Ende Oktober geöffnet, manche kamen in Neopren-Anzügen zum Becken, viele immer noch im Badeanzug, Kreuzberger sind einfach hart im Nehmen. Kurz vor Schluss werden dann auch hier Eintritte verschenkt.

Wette auf das Wetter

Das Mehrfachticket hatten die Bäderbetriebe eigentlich vor Saisonbeginn abgeschafft. Der Protest war riesengroß, sodass die Berliner Sportsenatorin Iris Spranger von der SPD höchstpersönlich die Wiedereinführung anwies.

So ein Ticket ist eine Art Wette auf den Sommer oder es spricht daraus ein Vertrauen auf das eigene Abgehärtetsein, dass man auch bei acht Grad Lufttemperatur und oder Nieselregen schwimmen gehen würde, sollten sich Juni, Juli, August derart gestalten.

Ich überlegte, ob mir hier das Sprichwort „Lieber den Magen verrenkt, als dem Wirt was geschenkt“ in abgewandelter Form entgegentrat: Lieber anderen was schenken, Hauptsache nicht den Bäderbetrieben.

Wobei, bezahlt sind die Karten ja schon, ob man damit das Schwimmbad betritt oder nicht, das Wasser ist im Becken ja schon drin. Nur Duschwasser wird nicht verbraucht, wenn man die Eintritte verfallen lässt. Ich aber freute mich dann über die warme Dusche. Sie war kostenlos, jedenfalls für mich.

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