COMPUTER - Microsoft bringt heute sein neues Betriebssystem Vista auf den Markt. Verbraucherschützer fürchten Pannen und warnen vor einem vorschnellen Kauf. Die Börse aber jubelt - so wie Firmengründer Bill Gates.

Taktgeber

Thomas H. Wendel
7 Min

BERLIN. Niedlich sieht er aus. So harmlos zwischen all den revolutionären Wuschelköpfen und Rauschebärten. Ganz links, am unteren Bildrand, hat er sich damals platzieren lassen, am 7. Dezember 1978 in Albuquerque, New Mexico. Selbst seine jungen 23 Jahre sieht man William "Bill" Henry Gates auf dem legendären Gruppenfoto der frühen Microsoft-Belegschaft nicht an: Er wirkt darauf wie ein braver Pennäler. Ein Computerfreak, der programmiert. Ein Typ, der anderen zu Diensten ist und nicht selber kommandiert.Heute wird es andere Fotos von Gates geben: Dann wird der Gründer des weltgrößten Softwarekonzerns in New York das wichtigste der vielen tollen Feste eröffnen, die Microsoft heute weltweit feiert. Anlass ist der Verkaufsstart der neuen Version des erfolgreichsten Betriebssystems aller Zeiten, Windows. Auf 90 Prozent der rund eine Milliarde PC auf der Welt läuft Windows. Damit das so bleibt, bringt Microsoft erstmals nach sechs Jahren eine neue Version des Programms heraus - "Vista".Das klingt angenehm. Und nach guten Aussichten. Mit Vista und dem zeitgleich in den Verkauf gehenden Büro-Softwarepaket Office 2007 verbindet Microsoft große Hoffnungen. So wie auch Bill Gates. Rund 53 Milliarden Dollar, so das US-Magazin Forbes, hat er an Privatvermögen angehäuft. Über 60 Milliarden Dollar Kapital verfügt seine Gates-Stiftung, die tödliche Krankheiten ausmerzen will: Polio etwa, Aids oder Malaria. Bill Gates ist längst nicht mehr nur der reichste Erdenbürger. Er ist auch der größte Wohltäter auf dem Globus.Viele anfällige ProgrammeDie Fähigkeit, die Welt zu verändern, verdankt Gates, 51, aber kaum seinen Programmierkünsten. Sicher, der Anwaltssohn aus Seattle hat schon mit 13 Jahren an einem Computer seiner Schule Software geschrieben. Gates wollte die Stundenplanung vereinfachen, dann aber stürzte der Zentralrechner ab. Im Rückblick wirkt dies wie ein frühes Omen für die vielen anfälligen Programme, die nach der Gründung von Microsoft 1975 Millionen von Menschen in die Verzweiflung getrieben haben.Bei Microsoft kamen Gates' andere Talente zum Tragen: die eines gerissenen Geschäftsmannes und Strategen. Am 6. November 1980 leistete der jugendliche Chef von Microsoft die Unterschrift seines Lebens: Der Computerbauer IBM beauftragt ihn, ein Betriebssystem für die neuen IBM-Kleinrechner, sogenannte Personal Computer (PC), zu schreiben. Den Basis-Code kauft Gates für 50 000 Dollar ein und lässt ihn an die PC-Technik anpassen.Als "Microsoft Disk Operating System" (MS-DOS) verkauft er Lizenzen an IBM - gleichzeitig behält er sich aber das Recht vor, auch anderen Firmen MS-DOS anzubieten. "Unser Ansatz war es, Programme bereitzustellen, die auf allen Hardware-Plattformen laufen", sagt Gates. Aber wichtiger sei etwas anderes gewesen: "Wir erkannten die Kraft von Software, ihr unendlich großes Versprechen." Gates' Kalkül geht auf: Durch die Marktmacht von IBM steigt MS-DOS schnell zum Standard auf. Andere Hersteller betteln um die Lizenz. Fünf Jahre später hatten sich die Verhältnisse gedreht: IBM ist in der Defensive; stattdessen bestimmen Microsoft und der US-Prozessorhersteller Intel mit aufeinander abgestimmten Produkten den Takt auf dem Computermarkt. Gates steigt auf. 1987 ist sein 45-Prozent-Anteil an Microsoft schon mehr als eine Milliarde Dollar wert.Selbst technologisch überlegene Konkurrenz fegt Microsoft hinweg. So revolutioniert 1984 Steve Jobs mit seiner Firma Apple den PC - statt über kryptische Befehle und umständliche Menüs lässt sich Jobs neuer Mac-Computer mit Maus und Fenster-Bildschirmoberfläche leicht bedienen. Doch Gates kopiert die Fenster und nennt das neue Betriebssystem frech "Windows".Die Verzahnung von Windows und Microsofts Büro-Software schützt vor lästiger Konkurrenz - bis heute: Zum gewaltigen Jahresgewinn von 12,6 Milliarden Dollar tragen Windows und Office fast 90 Prozent bei, so Experten. Es scheint, als sei Microsoft eine uneinnehmbare Festung.Doch zeigen sich Risse. Verursacht werden sie durch den Aufstieg des Internets. Software-Entwickler schließen sich im Web über Kontinente hinweg zusammen und entwickeln Alternativen zu Windows. Die Vernetzung von Millionen von Computern legt auch Schwachstellen im Programmcode offen: Windows zeigt sich anfällig für Viren und Trojaner. Auch Gates' Erzrivale Jobs ist zurück: Mit dem Musikspieler iPod und dem Webstore iTunes beherrscht Jobs den digitalen Musik- und Filmmarkt.Google nimmt die Herausforderung anDie stärkste Bedrohung aber ist Google. "Die sind fantastisch", erkennt selbst Gates an. Der Strategie der Suchmaschinenfirma, immer mehr Funktionen des PC als kostenlosen Dienst ins Netz zu verlagern, droht Microsoft allmählich die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Bill Gates und sein Freund Steve Ballmer, der seit 2000 Microsoft führt, nehmen die Herausforderung an: Sie kopieren erfolgreiche Webangebote sowie Software und koppeln sie an Windows. Zudem planten sie unter der Ägide des Chef-Software-Architekten Gates eine Neuentwicklung von Windows: Vista.Die Konkurrenz fand jedoch Hilfe: Die Verdrängung des Netzpioniers Netscape durch Microsofts Internet-Explorer mündete in einem Prozess. Microsoft entging nur knapp einer Zerschlagung durch US-Behörden. Straf- und Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe nagten an der Bilanz. Auch die EU verhängte Bußgelder. Mit Vista hatte Gates zunächst ebenfalls wenig Glück: In den 50 Millionen Zeilen Programmcode wurden stets neue Sicherheitslecks entdeckt. Entnervt gab Gates die Leitung des Projekts an Ray Ozzie ab.Mit zwei Jahren Verspätung geht Vista heute in den Verkauf. 8 000 Mitarbeiter haben dafür gearbeitet, sechs Milliarden Dollar hat die Entwicklung gekostet. Heraus kam ein deutlich sichereres Betriebssystem mit tausend neuen Funktionen.Dennoch besteht die Gefahr, dass Gates dieses Mal mit Windows erstmals nicht viel Geld verdienen wird. Die Stiftung Warentest etwa rät vom baldigen Kauf ab: "Warten statt ärgern", lautet die Devise der Verbraucherschützer. Auch die Konkurrenz ätzt: Mit Vista setze Microsoft seine von der EU verurteilte Praxis der Wettbewerbsbehinderung fort, erklärt zum Beispiel die einflussreiche Lobbygruppe Ecis.Ihr gehören Firmen an wie IBM, Nokia und Sun. Ihr Vorwurf: Mit Vista wolle Microsoft ein eigenes Dokumentenformat zum Austausch von Daten über das Web durchsetzen. Ziel: Die marktbeherrschende Stellung ins Internet ausdehnen. Das klingt nach neuen Klagen. Und teuren Strafen.------------------------------Der Software-CheckLäuft Windows Vista auch auf älteren Computern?Zwar soll Vista selbst auf betagten Rechnern laufen. Doch dann drohen Funktionseinschränkungen. Vor allem die neue Bedienoberfläche Aero gilt als rechenkrafthungrig. Wer Vista voll nutzen möchte, sollte einen gut ausgerüsteten PC haben: nicht älter als zwei Jahre, Prozessor mit einem Gigahertz Taktfrequenz, ein Gigabyte Arbeitsspeicher, schnelle Grafikkarte sowie eine Festplatte mit 40 Gigabyte.Worin unterscheidet sich Vista von Windows XP?Vista ist ein komplett neu entwickeltes System. Am auffälligsten ist die Bedienoberfläche: Die halbtransparenten Fenster der Aero-Oberfläche sorgen für besseren Überblick auf dem Bildschirm. Hilfsprogramme, sogenannte Gadgets, lassen sich aus der Seitenleiste öffnen. Wie diese Gadgets wurde auch die neue Dateisuche beim Apple-Betriebssystem Mac OS X abgeschaut: Bereits während der Eingabe erster Buchstaben sucht Vista die Festplatte und - falls gewünscht - auch das Web ab.Wie sicher ist Vista?Alle Experten sind sich einig: Auf jeden Fall viel sicherer als alle Vorgängerversionen. Mehr Sicherheit vor Viren, Würmern und Trojanern sowie Passwortklau war oberste Priorität bei der Entwicklung. Zudem gibt es Kindersicherungen und Festplatten-Verschlüsselungsfunktionen. Dennoch gibt es erste Berichte über ein baldiges Sicherheits-Update. Wer es mit Vista nicht so eilig hat, sollte abwarten.Es gibt mehrere Vista-Versionen. Welche ist die Beste?Vista wird in vier Versionen angeboten. Die billigste nennt sich "Home Basic" und kostet als Vollversion bei preiswerten Anbietern rund 230 Euro (Upgrade: 120 Euro). Die teuerste mit kompletten Funktionsumfang ist "Ultimate" für 500 Euro (Upgrade: 330 Euro). Wer alle Multimedia-Funktionen nutzen will, sollte 300 Euro (Update: 200 Euro) ins "Home Premium"-Vista investieren. Für Büro-Funktionen wie Fax-Versand wird "Ultimate" benötigt.Was versteht man unter Systembuilder-Versionen?Das sind erheblich günstigere Vista-Versionen, die eigentlich nur an PC-Hersteller gehen. Doch Systembuilder-Versionen sind längst auch frei erhältlich - die "Ultimate"-Version etwa für 190 Euro. Nachteil: Gibt's Ärger oder Fragen, hilft niemand kostenlos.Kann ich alte Programme und Daten übernehmen?Das lässt sich für die meisten Programme unter Windows XP mit dem "Vista Upgrade Advisor" klären, der sich bei www.microsoft.de herunterladen lässt. Viele Software-Pakete werden aber erst in einigen Monaten Vista-tauglich sein - die Hersteller müssen erst die neuen Vista-Parameter einarbeiten. Die Datenübernahme aus den gebräuchlichsten Büro-, Kommunikations- und Multimedia-Programmen dürfte ebenso klappen. Vor der Vista-Installation sollte aber eine Komplettkopie der Festplatte gezogen werden - sicher ist sicher.Was bringt Office 2007?Auch die neue Büro-Software Microsofts präsentiert sich in besserer Optik und mit Zusatzfunktionen. Bei Upgrade-Preisen von bis zu 400 Euro lohnt sich aber zuvor ein Blick auf zum Teil kostenlose Alternativen im Web.------------------------------Foto: Die Pioniere: Das Microsoft-Team im Jahr 1978 mit den späteren Milliardären Bill Gates (erste Reihe links) und Paul Allen (erste Reihe rechts). Die anderen Mitarbeiter der ersten Stunde brachten es immerhin zum Millionär. Keiner der Microsoft-Gründer fiel unter diese Vermögensschwelle.

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