Die Beauftragte für Migrationsfragen im Erzbistum Berlin, Schwester Cornelia Bührle, hält die massenhafte Abschiebung von Kriegsflüchtlingen aus Ex-Jugoslawien derzeit für verfrüht. Mit Cornelia Bührle, die am vergangenen Wochenende von einer Bosnienreise zurückgekehrt ist, sprach Marlies Emmerich.Berliner Zeitung: Sie haben erstmals das einstige Kriegsgebiet besucht. Wie sind Ihre Eindrücke?Cornelia Bührle: Ich war unter anderem in Zagreb, Sarajevo, Konjic und in einigen schwer zugänglichen Bergdörfern. Mein Eindruck: Es ist alles viel schlimmer, als ich ursprünglich befürchtet habe. Als besonders schrecklich empfinde ich das Ausmaß der Zerstörungen bei Häusern und Verkehrswegen. Als katastrophal empfinde ich auch, daß es im Augenblick nicht so aussieht, als könnte es einen dauerhaften Frieden geben. Es stimmt mich nachdenklich, daß nur die SFOR-Gruppen die Sicherheit gewährleisten können. Auffällig ist vor allem auch ein Klima der Angst. Ein nicht geringer Teil der Bevölkerung des ehemaligen Jugoslawiens ist katholisch, andere moslemisch. Können diese Menschen noch zusammenleben?Die katholische Kirche will auf Vergebung und Versöhnung hinwirken. Wir glauben - theologisch begründet - an das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Wir müssen aber in Rechnung stellen, daß viele Gläubige dazu noch nicht im Stande sind. Ist es dann überhaupt möglich, daß in diesem Jahr Kriegsflüchtlinge aus Berlin in größerer Zahl in ihre Heimat zurückkehren?Massenabschiebungen sind wohl zu befürchten. Ich setze aber darauf, daß es aufgrund noch besserer Ortskenntnis nicht so weit kommt. Der jetzt bekanntgewordene vertrauliche Bericht des Auswärtigen Amtes über die Menschenrechtssituation bestätigt das, was ich gesehen habe. Da mahne ich nicht nur die Wahrheitspflicht unter Christen, sondern auch die Wahrheitspflicht der Politik an. In einer Demokratie dürfen entscheidende Informationen der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden. Eine Rückkehr halte ich derzeit nur dann für möglich, wenn sie sorgfältig vorbereitet wird - und zwar nicht nur in Deutschland, sondern vor allem vor Ort. Allein schon aus Sicherheitsgründen müssen zurückkehrende Flüchtlinge bis zur Ankunft in ihrer Heimat begleitet werden und zumindestens eine Anlaufstelle haben, die ihnen weiterhilft. Erst in Zukunft wird sich zeigen, ob und wie dies Erfolg hat. Insgesamt neige ich dazu, massenhafte Abschiebung als verfrüht zu betrachten. Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) will nach Ostern weitere Kriegsflüchtlinge ausweisen. Können Sie die harte Linie billigen?Christen müssen dafür Sorge tragen, daß ein Mensch nicht in Gefahr gerät. Auf politische Mechanismen umgesetzt, bedeutet dies: Jede einzelne Abschiebung entscheidet über ein Schicksal. Der Mensch ist kein Postpaket. Der Innensenator hat die Diskussion um die Sicherheitsfrage in einem Interview der Berliner Zeitung als Scheinargumentation bezeichnet. Auch in Berlin könne er nicht für die Sicherheit eines Bürgers garantieren. Ärgern Sie solche Worte?Ich fahre abends selbst viel mit der U-Bahn und der S-Bahn. Als Katholikin habe ich keine Angst. Auf mich werden aber keine Steine geworfen. Ich erhalte - anders, als in Sarajevo - keine Bombendrohungen. Die Situation ist meines Erachtens überhaupt nicht vergleichbar. Die Abschiebungen betrachte ich als ein politisches Signal seitens der Regierung, daß nunmehr nachdrücklichst auf freiwillige Rückkehr hingewiesen werden soll. Dabei darf es auf keinen Fall zu Pannen oder Irrtümern kommen. Meine Fragen richte ich aber vor allem an das Bonner Innenministerium, dem es bis heute nicht gelungen ist, eine koordinierte Rückkehr vorzubereiten und zu organisieren. Der Bund läßt an dieser Stelle die Länder im Stich. Meine Fragen gehen zudem an Europa. Es gibt, entgegen dem Dayton-Abkommen, bislang das festgeschriebene Rückkehrkonzept nicht, mit dem das Hochkommissariat für Flüchtlinge beauftragt wurde. +++
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]