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„Follow the Science“ – während der Corona-Pandemie mutierte dieser Spruch zum Schlachtruf. Er suggerierte, dass „die Wissenschaft“ im Besitz „der Wahrheit“ sei, der man eben folgen müsse. Ein Blick in die Geschichte könnte helfen, sich zu vergegenwärtigen, dass „die Wissenschaft“ nicht immer und nicht zwangsläufig „der Wahrheit“ verpflichtet ist. Erst recht nicht die medizinische Wissenschaft.
So entwickelte sich beispielsweise während der Protestbewegung 1968 im Westen eine alternative Gesundheitsbewegung. Als Gegenveranstaltung zum Ärztetag der Bundesärztekammer fand im Mai 1980 in Berlin der erste alternative Gesundheitstag mit mehr als 10.000 Teilnehmenden statt. Hauptthema waren die NS-Verstrickungen von Ärztinnen und Ärzten – von Menschenversuchen bis hin zur Beteiligung an der effizienten Vernichtung. Während die Standesorganisationen beschwichtigten, wiesen Engagierte aus der Bewegung nach, dass die Täter auch nach 1945 weiterhin ungebrochen Karriere im Medizinbereich machen konnten.
Aber es ging nicht nur um die NS-Vergangenheit. Es wurde auch das gesamte Gesundheitssystem kritisiert: die Profitinteressen der Pharmaindustrie und die Apparatemedizin mit einem zunehmend technischen Verständnis, das den ganzen Menschen kaum noch wahrnehmen könne, sowie die Macht der „Halbgötter in Weiß“.
Bereits damals, vor 44 Jahren, wurde auf dem Gesundheitstag auf die Gefahren hingewiesen, wenn die Gesellschaft „die lebenswichtigen Entscheidungen kleinsten Gruppen von ‚Experten‘ überlässt, deren Funktionieren darauf fußt, dass das Gesamte für den Einzelnen nicht mehr überschaubar ist, damit der Wahnsinn einer auf Umweltvernichtung und Krieg ausgerichteten Politik nicht deutlich wird“.
In dieser Gesundheitsbewegung spielte die Frage nach den ökonomischen Interessen eine zentrale Rolle, die häufig doch sehr stark beeinflussen, was als „wahr“ und „wissenschaftlich“ gilt und was nicht.
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Die Hochschulen sind inzwischen Wirtschaftsunternehmen
Leider hatte diese Bewegung damit keinen nachhaltigen Erfolg. Die Hochschulen wurden inzwischen zu Wirtschaftsunternehmen transformiert. Selbst der Bund Freiheit der Wissenschaft – 1970 als Reaktion auf die vermeintliche Bedrohung der Wissenschaft durch revoltierende Studierende gegründet – konstatierte anlässlich seiner Auflösung 2015, dass die Freiheit der Wissenschaft heute durch Drittmittel-Einwerbung gefährdet sei. Wissenschaft werde „durch die Wünsche des Auftraggebers beeinflusst“, und diese „Unterwanderung“ habe verheerende Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Der eher linke Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) fragte schon 2011, wie viel „Freiheit in den durchökonomisierten Hochschulen von heute noch übrig“ bleibe und forderte, die Freiheit von Forschung und Lehre müsse „gegen den Versuch einer kompletten Unterwerfung unter die Interessen von Privatwirtschaft und Banken“ verteidigt werden.
Zu einer Corona-Aufarbeitung könnte also auch ein Blick in die Geschichte gehören und eine Revitalisierung vergessener, verdrängter oder zu Unrecht geschmähter Ideen und Konzepte.
Elisabeth Voß, Dipl. Betriebswirtin (FH), arbeitet publizistisch und beratend u.a. zu solidarischem Wirtschaften, Genossenschaften, Selbstorganisation und Digitalisierung.
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