Cottbusser Studenten planten die Gropiusstadt um: Das Wohnviertel braucht Arbeitsplätze

"Hier muss Leben rein"

Tobias Schneider
3 Min

Sie hatten Klischee-Bilder in den Köpfen: Szenen aus "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", Christiane F.s Kindheitserinnerungen aus der Gropiusstadt. Hochhäuser, zwischen denen es nach Kot und Urin stinkt. Keiner, der mit dem Nachbarn etwas zu tun haben will. Schon, als sie ihre Quartiere bezogen, änderte sich die Sicht der neun Architektur- und Städtebaustudenten von der Cottbusser Universität. "Es roch frisch geputzt, wie nach Desinfektionsmittel", sagt Anne Krause. "Die Leute grüßen nett, wenn man sie auf dem Flur trifft", erzählt Susan Müller. Die beiden und sieben weitere Kommilitonen haben in der vergangenen Woche in drei leer stehenden Wohnungen an der Lipschitzallee und am Sollmannweg kampiert. Sie sollten "neue Konzepte für ein verbessertes Wohnumfeld" in Gropiusstadt liefern. Ein Werkstatt-Seminar, initiiert vom Neuköllner Kulturamt. Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland hoffte auf Ideen, wie die Siedlung baulich verbessert, wie sie attraktiver werden könnte, ehe noch mehr Menschen dort wegziehen.Bewohner sind zufriedenVor allem Gespräche mit Bewohnern und Vertretern der drei größten Wohnungsbaugesellschaften sollten den Studenten Ansätze liefern, an welchen Stellen des Stadtteils Verbesserungen durch Umbauten oder Abriss möglich wären. Doch die Ansprechpartner waren wenig hilfreich. "Sie fühlen sich eigentlich nur von Kleinigkeiten gestört, wie sie überall vorkommen", sagt Gregor Schneider, der im sechsten Semester Stadtplanung studiert. "Bellende Hunde, lärmende Kinder.""Dass die Struktur der Gropiusstadt Probleme vorgibt, mussten die Studenten erst selbst herausfinden", sagt Heinz Nagler, Professor für Städtebau und einer der Seminarleiter. "Plätze sind falsch angeordnet, liegen abseits der Kreuzungen - oder sind, wie am Lipschitzplatz, vom Postgebäude verdeckt", sagt Nagler. Das haben die Studenten erkannt und daraus ihre Vorschläge entwickelt."Hier muss Leben rein, eine Mischung von Dienstleistung und Freizeitangeboten", sagt Anne Krause. Sie tat sich mit den Studenten Nils Wenk und Jan Wiese zusammen, um einen eigenständigen Stadtteil zu entwickeln. "Das Prinzip Schlafstadt funktioniert nicht", sagt Anne Krause. Zwischen Wohnungen müssten auch Arbeitsplätze entstehen, architektonisch individuelle Ecken. Sonst fühlten sich die Bewohner hier nicht zu Hause. Die Studenten würden die drei Zentren der Siedlung stärken und deutlicher verbinden. Gemeint sind die Gropius-Passagen, der Bereich um den Lipschitzplatz und um das Wutzky-Center. Ein Grüngürtel oberhalb der U-Bahn-Trasse der Linie 7 verbindet die drei Bereiche. Diese Anlage wollten alle Cottbusser Studenten umgestalten - nur unterschiedliche Modelle gab es dafür.Neue GrünanlageDie Dreiergruppe um den Studenten Gregor Schneider meint, Wiesen, Wald und Plätze sollten sich abwechseln und - eine Maßnahme gegen die Langeweile - unterschiedliche Lampen und Bänke erhalten. Die dritte Gruppe mit Susan Müller würde die Grünanlage zum Park machen und eine Straße am Rand neu anlegen. "Der Blick über den Grünstreifen soll nicht verstellt sein", sagt sie. "Büsche weg, gläserne Häuschen an den U-Bahn-Stationen und zwischendrin vielleicht ein Biergarten." Außerdem würde die Gruppe einen breiten Rad- und Fußweg anlegen, der sich durchs gesamte Viertel zieht.Im September will das Kulturamt die Pläne der Studenten im Gemeinschaftshaus am Bat-Yam-Platz 1 ausstellen. Leiterin Dorothea Kolland ist zufrieden und hofft, einzelne Ergebnisse mit weiteren Studentengruppen präzisieren zu können. "Das sind alles gute Ideen. Die wollen wir mit Landes- und Bezirkspolitikern und den Wohnungsbaugesellschaften diskutieren."GROPIUSSTADT 37 000 Bewohner in 19 400 Wohnungen // 1960 legte Architekt Walter Gropius einen Plan für eine Wohnsiedlung zwischen Buckow und Rudow vor. Sein Konzept wurde nie realisiert.Von 1963 bis 1975 wurde die Gropiusstadt mit 19 400 Wohnungen gebaut. Drei viertel des Bestandes wurden mit Geld aus dem Sozialwohnungsbau gefördert. Heute leben etwa 37 000 Menschen dort. Die größten Vermieter sind die Wohnungsbaugesellschaften Gehag, Degewo und die Hilfswerksiedlung. // Pläne für die Gropiusstadt: die Cottbusser Studenten für Städtebau Nils Wenk, Jan Wiese und Anne Krause (v. l. ).

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