Hier spricht der Gärtner

Da kann Berlin noch was lernen: Öffentliches Grün, das dem Klima guttut

Verwahrloste Grünflächen, gepflasterte Seitenstreifen: So sieht es in Berlin und Brandenburg aus. Andere Städte und Länder sind weiter – und schonen das Klima.

Rainer Elstermann
4 Min
Die Prachtkerze (Gaura lindheimerii)

Die Prachtkerze (Gaura lindheimerii)

© Imago/imagebroker

Deshalb freue ich mich, dass ich auf meiner kleinen Reise derzeit Gegenden besuche, in denen Gemeinde, Kommune oder Land ein klein wenig informierter und verantwortungsvoller sind und längst damit begonnen haben, kleine Randstreifen und Brachflächen zu begrünen. Das tut dem Klima gut – wird in Berlin und Brandenburg aber trotzdem kaum gemacht. Hier und da werden solche Bepflanzungen (oder überhaupt irgendwelche öffentlichen Beete) zwar angelegt. Aber leider ist das Konzept der „Pflege“ offenbar noch nicht in die Köpfe der Verantwortlichen vorgedrungen. Deswegen sehen Grünflächen gerade in Berlin noch immer so verwahrlost aus.

Auf meiner Fahrt aber, durch Würzburg und auch durch Heilbronn, wo ich jetzt gerade weile, ist jede schmale Fläche (zum Beispiel zwischen Tram und Gehweg) fantasievoll bepflanzt, genauso in Schwäbisch Hall und Hohenlohe. Der Parkplatz zum öffentlichen Gemeindehaus in Würzburg zum Beispiel ist von Hochbeeten unterbrochen. Die wiederum sind noch einmal mit hohen Gräsern und Sträuchern bepflanzt – wohl auch, um den Boden zu schattieren und damit die Hitze zu unterdrücken. Bei solchen Bepflanzungen stößt man immer wieder auf die gleichen Verdächtigen: Wolfsmilch (Euphorbia), Prachtkerze (Gaura lindheimerii), Syrisches Brandkraut (Phlomis russelliana), Kartäusernelke (Dianthus carthusianum) – oft in neuen Kombinationen allerdings, sodass sich doch ein frisches Bild ergibt.

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Dazwischen stehen meist hohe Gräser wie Hirsen (Panicum) oder Lampenputzergras (Penisetum) und viele Sträucher wie der Perückenstrauch (Cotinus). Zusammen ergeben sie ein sehr schönes, beruhigendes, schattenspendendes Bild, das im Grunde auch gar nicht so viel Pflege braucht. Ein- oder zweimal im Jahr Unkraut jäten – und damit hat sich das. Gar nicht mal so schwer, sollte man meinen.

Die Streifen zwischen den Feldern und Straßen, auf denen ich derzeit unterwegs bin, sind so üppig bepflanzt, als wollten sie sich einen Preis verdienen. Überall bleibt Spontanvegetation erhalten und die Ufer von Main und Neckar sind meterhoch mit Echtem Mädesüß (Filipendula ulmaria) und Echtem Engelwurz (Angelica archangelica) eingefasst – dort eben, wo in Berlin an vergleichbaren Ufern bloß graue Pflastersteine liegen.

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Zugegebenermaßen gab es hier in den vergangenen Jahren Landesgartenschauen, die sicherlich viel verändert haben. Aber die gab es zum Beispiel auch im brandenburgischen Prenzlau! Und dort war einer der maßgebenden ästhetischen Eingriffe (als Teil einer ansonsten durchaus gelungenen Umwandlung des Stadtparks) leider nur Kiesel und Glasbruch in Quietschfarben, die als Abdeckung des Bodens dienen sollten.

An exponierteren Lagen in Würzburg, zum Beispiel einem etwa 80 Zentimeter breiten Streifen zwischen einer dicht befahrenen Schnellstraße und dem Gehweg, habe ich viele trockenresistente Wildblumen wahrgenommen. Heiligenkraut (Santolina) und Strohblumen (Helichrysum) stehen dort etwa. Das alles könnte man sich in Brandenburg abschauen, weil die Bedingungen für solche Bepflanzungen auch dort gegeben wären. Auch die Bepflanzungen der Baumscheiben hier auf meiner Reise wurden professionell durchgeführt – und sind zudem sogar geschmacklich angemessen für den öffentlichen Raum: Nichts zu sehen von infantiler Ringelblumen-Kita-Ästhetik, wie sie gerade in Berlin oft sichtbar wird.

Auf der Schattenseite des öffentlichen Gemeindehauses in Würzburg wurden große Hortensien (Hydrangea) gepflanzt, die dem Parkplatz etwas geradezu Festliches verleihen. Zusammen mit dem Chinaschilf (Miscanthus) verschönern sie die Fläche mit den Autos, sodass man sich beinahe in einem Dschungel wähnt. Hier wurde die Bepflanzung offensichtlich von der öffentlichen Hand geleitet – aber eben in die Hände eines Profis übergeben, der Geschmack mit Sachverstand verbindet.

Cassian Schmidt vom Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof, den ich hier vergangene Woche schon erwähnte, hat auf Instagram in den vergangenen Wochen mehrmals darauf hingewiesen, welche großartige Arbeit im Bereich der öffentlichen Begrünung geleistet werden kann. Am Beispiel von Harald Sauer im Raum Ludwigshafen zeigte er, wie eine solche Bepflanzung aussehen soll: Sauer hat in den vergangenen zehn Jahren aufwendige Bepflanzungen durchgeführt, die professionell gepflegt werden – und dadurch langfristig erhalten bleiben. Auf Straßen und Plätzen ebenso wie in Parks, zum Beispiel im Ebertpark der Stadt Ludwigshafen.

Diese Herangehensweise wünsche ich mir von allen Gemeinden und Kommunen in unserem Land. Sie sollen Verantwortung und Gelder in die Hand nehmen und mit solchen Maßnahmen der Überhitzung, den versiegelten Flächen und ähnlichen klimaschädlichen Entwicklungen entgegenwirken. Was sie nicht sollen: völlig überrascht dastehen, wenn die jahrzehntelange Untätigkeit schreckliche Folgen hat.

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