Das 1:1 gegen Werder Bremen zeigt: Der FC Bayern ist auch unter dem neuen Trainer Louis van Gaal ein FC Ribéry

Magnete an den Füßen

Michael Neudecker
4 Min

MÜNCHEN. Thomas Müller trieb den Ball jetzt nach vorne, bis zur Grundlinie, dann hob er seinen Kopf, ein kurzer Blick, er sah im Strafraum Mario Gomez und Franck Ribéry, Gomez war frei, Ribéry von zwei Mann gedeckt, und dann traf der 19-jährige Mittelfeldspieler Müller eine Entscheidung. Er passte den Ball zu Ribéry. Ribéry hatte keine Chance, vor den beiden Bremern an den Ball zu kommen, der Angriff war vorbei, Gomez beschwerte sich, kurz darauf war das Spiel des FC Bayern gegen Werder Bremen zu Ende.1:1, das Ergebnis stand ein bisschen belanglos auf der Anzeigetafel. 1:1, das war nicht das Thema an diesem Nachmittag. Franck Ribéry war das Thema, seine Rückkehr in die Mannschaft des FC Bayern. Er war eingewechselt worden, in der 62. Minute, der Stadionsprecher hatte noch einmal extra betont, dass Ribéry nun "für Bayern München" auflaufe, und die Zuschauer hatten ihn euphorisch gefeiert. An diesem Sonnabendnachmittag war Madrid verdammt weit weg von München.Wieses grandiose ParadeZu diesem Zeitpunkt lag der FC Bayern in Rückstand, weil er zwar anfangs ballsicher, aber auch ideenlos aufgetreten war. Die Zuschauer hatten schon nach 36 Minuten lautstark gepfiffen, und Bremens Mittelfeldspieler Mesut Özil hatte in der 39. Minute das 1:0 erzielt. Und dann kam Ribéry. War zwei Minuten auf dem Platz, bekam den Ball, dribbelte Clemens Fritz schwindelig, passte den Ball zu Ivica Olic, nur der grandios parierende Bremer Torhüter Tim Wiese verhinderte, dass die Rückkehr von Ribéry nicht noch heroischer wurde, als sie es ohnehin schon war."Wenn Franck reinkommt, ist es einfacher für uns, er bindet gleich zwei, drei Leute", sagte Miroslav Klose. Philipp Lahm fügte hinzu: "Er ist ein Spieler, der sich viel bewegt, der immer ein Anspielpunkt ist." Philipp Lahm wirkte ein wenig genervt von den ständigen Fragen nach Ribéry, aber die Mannschaft ließ den Reportern keine Wahl, dieses 1:1 gegen Werder Bremen unterstrich ja erneut eine Erkenntnis, die es in München schon so lange gibt: Der FC Bayern ist der FC Ribéry, seine Spieler bevorzugen Ribéry auch dann als Anspielpartner, wenn er eigentlich gerade gar kein Anspielpartner ist.Louis van Gaal, der Trainer des FC Bayern, wurde auch nach Ribéry gefragt. Er mag es nicht, wenn er über einzelne Spieler reden muss, weshalb er bei solchen Fragen stets antwortet, dass er nur die Mannschaft bewerte, Punkt. Aber sogar van Gaal hat nach dem Spiel gegen Bremen eine Ausnahme gemacht, er sagte: "Ich wollte ihn eigentlich nur 20 Minuten spielen lassen, jetzt sind es acht Minuten mehr geworden. Er hatte ein paar gute Aktionen, aber auch viele Ballverluste", was eine treffende Zusammenfassung von Ribérys Auftritt war. Aber van Gaal war wohl auch sauer, dass sich Ribéry nicht an die Idee des Trainers hielt, auf der Position des Spielmachers hinter den Spitzen die Fäden zu spinnen, im Gegenteil. Er war mal rechts, mal vorne, mal hinten, vor allem aber war er links, auf der Seite des Platzes, wo er am liebsten ist. Es gibt keine Statistik, die aufzeichnete, wie lange Ribéry sich im Zentrum aufhielt, aber nach Gefühl könnte man schätzen: circa zehn Sekunden.Natürlich ist gerade das auch eine Stärke Ribérys, das freie Spiel, losgelöst von Systemzwängen. Van Gaal sieht das auch so, allerdings hat der Niederländer eine ganz bestimmte Vorstellung von Fußball, nach der sich die Spieler automatisiert über den Platz bewegen sollen, weil sie ihre Aufgaben im System blind beherrschen. Der Spielmacher an der Spitze der Mittelfeldraute ist die wichtigste Position in diesem System, van Gaal spricht gerne von Passdreiecken, die sich in der Rautenformation ergeben. Ribéry sagte am Sonnabendnachmittag zwar immer wieder, er müsse und werde noch viel "travailler", arbeiten, auch, was seine Aufgabe als Regisseur betrifft. Aber sobald er auf dem Platz steht, will er nicht mehr die Rautenspitze sein, es zieht ihn nach links, als habe er Magneten an den Füßen und der Rasen dort drüben den Gegenpol im Grün.Erst kürzlich hat Louis van Gaal angekündigt, sein bevorzugtes System umstellen zu wollen, falls der Franzose nicht als Spielmacher funktioniert. Schon nach Ribérys ersten 28 Minuten scheint diese Entscheidung nur noch eine Frage der Zeit zu sein.------------------------------Foto: Und Tschüss: Der Bremer Fritz (l.) wird von Ribéry schwindelig gespielt.

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