LEVERKUSEN. Wie ein Lehrer, der gelegentlich Schläge mit dem Stock verteilt, umgibt sich Uli Hoeneß an manchen Tagen mit einer Furcht erregenden Autorität. In der Regel geschieht das nach schmerzhaften Rückschlägen. Seine Opfer: Spieler, Schiedsrichter, Journalisten. Überraschend trat der Manager von Bayern München auch nach dem 2:0-Sieg seines Klubs bei Bayer Leverkusen mit dünnen Lippen und feurigen Augen vor die Mikrofone. Adressat seiner strengen Ausführungen war der unterlegene Gegner.Dabei gab es keinen Anlass für Münchner Strafmaßnahmen, Rudi Völler, der Leverkusener Sportdirektor, nannte den Auftritt seines Teams sogar "einen Tick zu anständig". Doch davon ließ Hoeneß sich nicht bremsen. "Es war schon unter Daum so, dass Leverkusen nicht mit der Favoritenrolle klar kommt", stichelte er. "Die hatten immer den Makel, dass sie gut spielen, bis es ernst wird. Dann fehlt ihnen was." Der Mann genoss seine Hiebe.Die achte Niederlage in SerieEs sei ihm gegönnt, musste er doch Monate lang fürchten, dass Jürgen Klinsmanns Modernisierungsprozess das gute alte Münchner Gewinner-Gen verschüttet hat. Es muss beruhigend sein zu wissen, dass zumindest das Verhältnis zwischen Bayer und Bayern unverändert geblieben ist. Die Münchner spielten kühl, effektiv und im tiefsten Glauben an die eigene Größe, während Bruno Labbadia - wie schon so viele seiner Vorgänger - eingestehen musste, dass Leverkusen "nicht annähernd an das herangekommen ist, was die Mannschaft zuletzt so stark gemacht hat". Es war die achte Niederlage gegen den Rekordmeister in Serie. Nichts hat sich geändert.Dabei sind sowohl Jürgen Klinsmann als auch Bruno Labbadia vor der Saison mit dem Ziel angetreten, entscheidende Verbesserungen einzuführen. Leverkusens Trainer will das Selbstwertproblem seines Klubs lösen, und Klinsmann hat den großen Plan, den Hochgeschwindigkeitsfußball der europäischen Spitzenteams in München anzusiedeln. Diese Partie nährte nun den Verdacht, dass beide Projekte erst am Anfang stehen. Leverkusen war zwar in der ersten Halbzeit überlegen, hatte die besseren Chancen, wenn riskantere Aktionen gefragt waren, fehlten jedoch Selbstvertrauen und Präzision. Die Münchner warteten zunächst einfach ab. Die Intensität eines Spitzenspiels ergab sich daher nie, und nachdem Luca Toni die Münchner in Führung gebracht hatte (59.), legte sich eine Gewissheit über die Arena: Diese Partie war entschieden. Offenbar ist die Leverkusener Neigung zur Unterwürfigkeit gegenüber den Bayern vererbbar. So wie die Münchner Neigung, Gegner mit dem simplen Mittel einer demonstrativen Autorität einzuschüchtern. Fast scheint es, als habe "der Prozess", von dem Klinsmann so gerne spricht, eine umgekehrte Richtung eingeschlagen.Statt die Bayern nach seinen Vorstellungen zu verändern, passt sich Klinsmann dem traditionellen Wesen des Münchner Edelklubs an. Nach den torreichen Partien der ersten Saisonphase spielen sie mittlerweile effektiv, aber längst noch nicht so rasant wie Europas Spitzenteams. Klinsmann musste lächeln, als er mit dieser These konfrontiert wurde, er sprach von einer "normalen Entwicklung" und erklärte, dass es in München eben "ein bisschen windiger zugeht", wenn es nicht sofort rund läuft. Allerdings räumte er ein, dass "noch viel Arbeit" bevorstehe. Wie der künftige Fußball der Bayern aussehen könnte, bleibt also ein Rätsel, vielleicht auch für Hoeneß, der von all dem Gerede über Taktik und Ästhetik nichts wissen wollte. Solche Dinge seien nicht entscheidend, er schwärmte vom "Stil einer Klassemannschaft" und erklärte, dass am Ende immer das Format der Spieler ausschlaggebend sei. "Es gibt nur eine Qualität: Nicht jünger oder älter, nicht teurer oder billiger, sondern besser oder schlechter. Und natürlich sind wir besser." An diesem Tag lag er damit richtig. Besonders die linke Seite mit dem großartigen Franck Ribéry, mit Philipp Lahm und Zé Roberto agierte wieder einmal beeindruckend. Ribéry, der Miroslav Kloses 0:2 vorbereitete (82.), hebt das Niveau dieser Mannschaft, wie es nur selten ein Einzelner im Kollektiv vermag."Er ist wieder in Bestform, das ist ein toller Trumpf", sagte Klinsmann, der sich nun auf das nächste Spitzenspiel freut. Am kommenden Freitag gastiert Hoffenheim in München. Die Bayern haben Leverkusen "auf den Boden der Tatsachen zurück geholt" (Hoeneß), dasselbe soll nun mit dem Aufsteiger gelingen. Und gewiss hat der Münchner Manager auch dann wieder ein paar kleine psychologische Hiebe für den Gegner parat.------------------------------Gerüchte um TimoschtschukDer Termin: Die Spekulationen um einen Wechsel des ukrainischen Nationalspielers Anatoli Timoschtschuk von Zenit St. Petersburg zum FC Bayern gehen weiter. Laut Bild am Sonntag war der defensive Mittelfeldspieler am Wochenende bei einer sportärztlichen Untersuchung in München.Der Preis: Es sollen "abschließende Gespräche" zwischen dem 29 Jahre alten Spieler und den Bayern-Verantwortlichen geplant gewesen sein. Timoschtschuk hat in St. Petersburg einen Vertrag bis 2011. Er könnte Mark van Bommel ersetzen. Als Ablöse sind 15 Millionen Euro im Gespräch.------------------------------Foto: Ist es nett von Franck Ribéry, vier Leverkusener gleichzeitig zu verwirren? Nö.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]