Die Schimpansin war bis auf die Knochen abgemagert, in ihrem Unterleib nisteten Würmer. Von Tag zu Tag wurde sie schwächer und lethargischer, dann starb sie - nur drei Jahre, nachdem sie sich mit dem Simianen Immundefizienz-Virus (SIV) angesteckt hatte. "Sie hatte Aids", berichtet Beatrice Hahn, Mikrobiologin an der University of Alabama in Birmingham, in der Fachzeitschrift Nature.Das Weibchen gehörte zu einer Gruppe wildlebender Schimpansen im Gombe-Nationalpark in Tansania. Die Tiere sind an Forscher gewöhnt: Seit fast fünfzig Jahren treibt die Primatenforscherin Jane Goodall in dem Nationalpark ihre Studien und seit immerhin neun Jahren sind Beatrice Hahn und ihr Team schon dabei, Daten über SIV-positive Schimpansen zu erheben."Das Überraschende war, dass SIV die Schimpansen tatsächlich krank machen kann", sagt Hahn. Das Virus, mit dem sich Schimpansen infizieren - es heißt SIV cpz - gilt als Vorläufer der menschlichen Virusvariante HIV 1. In den Dreißigerjahren ist es wahrscheinlich auf den Menschen übergesprungen. Doch während Menschen ohne die entsprechenden Medikamente an der Immunschwäche Aids erkranken und sterben, bleiben Schimpansen gesund. Davon sind Forscher zumindest bislang ausgegangen.In der Tat haben sich viele Affenarten, Meerkatzen, Mandrille, mit SIV arrangiert und leben problemlos mit dem Virus im Blut; nur Makaken erkranken an der Infektion. Untersuchungen an Schimpansen hat es bislang jedoch kaum gegeben: "Dafür sind die Tiere zu selten", sagt Hahn. "Außerdem blieb der einzige Schimpanse, der sich in der Natur mit SIV infiziert hat und danach in Gefangenschaft geriet, während einer jahrelangen Beobachtungszeit gesund."Im Gombe-Nationalpark waren im Untersuchungszeitraum 17 der 94 bekannten Schimpansen mit SIV infiziert. Das konnten die Wissenschaftler mit hochempfindlichen SIV-Tests im Kot und Urin der Tiere nachweisen. "Das Virus wird über sexuelle Kontakte und wahrscheinlich auch von der Mutter auf das Kind übertragen", sagt Hahn. Diese Ansteckungswege gibt es auch beim Menschen.Das Sterberisiko für infizierte Tiere ist nach Erkenntnissen der Forscher zehn- bis sechzehnmal höher als für Tiere, die das Virus nicht in sich tragen. So sind in den zehn Studienjahren 7 von 17 infizierten Affen gestorben, aber nur 11 von 77 nicht-infizierten Tieren. SIV-positive Schimpansenweibchen bekamen zudem weniger Nachwuchs und nur wenige Junge überlebten.Nach diesen Beobachtungen untersuchten Epidemiologen aus Beatrice Hahns Team Gewebeproben von drei toten, SIV-positiven Schimpansen. Sie wollten herausfinden, ob das Immunsystem der Schimpansen ähnlich geschädigt war wie bei aidskranken Menschen. Das HI-Virus zerstört Zellen des menschlichen Immunsystems, die CD4-T-Helferzellen. Diese aktivieren andere Abwehrzellen, um Krankheitserreger im Körper effektiv zu bekämpfen. Ohne CD4-Zellen bricht das Immunsystem zusammen, die Folge ist Aids."Auch bei den drei Schimpansen war die Zahl der CD4-Zellen extrem niedrig", berichtet Hahn. Allerdings sei nur das Schimpansenweibchen tatsächlich an einer Immunschwäche gestorben. Die beiden anderen Tiere waren Verletzungen erlegen. "Bei Menschen dauert es im Schnitt zehn Jahre, bis Aids ausbricht", sagt Hahn. Wie lange es bei Schimpansen dauere, sei noch unklar."Dass Schimpansen auch an einer Immunschwäche erkranken können, ist für die Forschung hochinteressant", sagt Joachim Denner, HIV-Forscher am Robert-Koch-Institut in Berlin. Schimpansen als Versuchstiere für Medikamententests einzusetzen, werde nicht erwogen. Für diesen Zweck arbeiten Forscher seit Jahren mit SIV-infizierten Makaken. "Aber wir haben jetzt die Chance, den Krankheitsverlauf in einem weiteren Organismus zu beobachten", sagt Hahn. Möglicherweise reagiere das Immunsystem der Schimpansen anders auf das Virus und vielleicht habe es sogar schon bessere Mechanismen entwickelt, um mit dem Virus fertig zu werden. Hahn: "Daraus könnten neue Ideen für Medikamente entstehen."Nature, Bd. 460, S. 515------------------------------Foto: Schimpansen, die sich mit dem Immunschwächevirus SIV anstecken, können schwer erkranken. Infizierte Weibchen haben weniger Nachwuchs als gesunde Artgenossinnen und oft sterben die Jungen früh.
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