Das Akademische Theater Nowosibirsk zeigte Alfred Schnittkes "Leben mit einem Idioten" in der Deutschen Oper

Alles in der Welt ist Narretei

Klaus Georg Koch
4 Min

Am Freitagabend führte das Akademische Theater Nowosibirsk Alfred Schnittkes "Leben mit einem Idioten" in der Deutschen Oper Berlin auf. Das Gastspiel war eine Überraschung in zweifacher Hinsicht: Viele Leute waren gekommen, um das Stück zu sehen; das Publikum war eigenartig aus Russlanddeutschen (wie auch der Komponist Schnittke einer war), Russen, Schnittke-Verehrern und Freunden neueren Musiktheaters gemischt. Die Deutsche Oper war nicht ausverkauft, aber voll.Die andere Überraschung lag in der Qualität der Produktion. Im letzten Herbst hatte das Gastspiel des Petersburger Mariinskij-Theater im Rahmen der Berliner Festwochen ein überholtes, nur konventionelles Opernspielen vorgeführt. Das weniger bekannte Haus aus dem weitaus abgelegeneren Nowosibirsk dagegen zeigte jetzt ein Musiktheater, das an Modernität und darstellerischem Ernst viele Produktionen auch deutscher Bühnen übertrifft. Das russische Kulturministerium und das deutsche Auswärtige Amt, die als Veranstalter dieser Kulturbegegnung auftreten, haben einen Fund gemacht. Das ist einmal ein Kulturaustausch, bei dem nicht Tauschware feilgeboten wird, sondern bei dem man von der Arbeit und den Erfahrungen ferner Leute profitiert. Dass die Reflektion über das Verhältnis von Kunst und Welt, dass auch das darstellerische Extrem in dem Stück von Alfred Schnittke und dem Autor Viktor Jerofejew begründet liegen, nimmt dem Respekt gegenüber den Darstellern nichts - denn wie oft weichen nicht Aufführungen dem Anspruch ihrer Stücke aus?Mit ihrem satirischen Tonfall und der Kritik an den Mächtigen steht Schnittkes Oper unüberhörbar in der Tradition der "Nase" von Schostakowitsch. Was den grundsätzlichen Zweifel an den Grundlagen einer zivilisierten Existenz anbelangt, knüpft "Leben mit einem Idioten" darüber hinaus an das Ende von Verdis "Falstaff" an. Verdi hatte sein Fazit, alles in der Welt sei Narretei, zur Musik einer burlesken Fuge gesetzt. Schnittke macht nun dieses Prinzip des gleichermaßen Übereinanderstürzenden wie Verflochtenen Anfang der 90er-Jahre zum Prinzip gleich einer ganzen Oper. Märsche und Tangos, sinfonische Partien und Geräuschkompositionen sind hier zu einer einzigen Musik verarbeitet; Bachs Matthäuspassion, das Baikallied und die Internationale sind gleichberechtigte Teile dieser musikalischen Welt.Das Irrenhaus, in dem "Leben mit einem Idioten" spielt, hat der Regisseur Heinrich Baranowsky folgerichtig auch als gesellschaftlichen Raum in Szene gesetzt. Der korrupte Aufseher und die beiden pfauenhaft marschierenden Gardesoldaten scheinen direkt der russischen Wirklichkeit entliehen. Die papierenen Wände der Bühne bestehen aus Seiten der Prawda - ein schönes Bild für ein Leben in Wahrheit und Unwahrheit. In den Zeitungswänden selbst öffnen sich immer wieder verborgene Tapetentüren - nicht ins Freie, sondern in kleine, gelegentlich rot schimmernde Kabinette, in denen die Welt des Bürgertums auftritt, aber auch eine merkwürdige Reihe von Potentaten, Lenin (oder war es Stalin?), Hitler, Arafat; das Brüderpaar George Bush und Saddam Hussein.Der Irre selbst, den sich der Dichter namens "Ich" zur eigenen Läuterung ins Haus holt, trägt im Stück den Namen "Wowa", den Kosenamen Lenins, und wie Macht, Rohheit und Verführung zusammengehören, das führt Wowa unabweisbar vor. Vielleicht ist es ein Zufall für deutsche Hörer, dass der Name des Dichters, "Ich", und die einzige, aber virtuos variierte Äußerung des Idioten, "äch", so ähnlich klingen. Die Ähnlichkeit ist jedenfalls erhellend. Der Dichter endet selbst im Irrenhaus, nachdem ihn Wowa verführt und sein Leben zerstört hat, im Irrenhaus rekonstruiert er die Geschichte vom Leben mit dem Idioten. Und an keinem anderen Ort, in keiner anderen Instanz als eben dem "Ich" gelänge die Verbindung von Verführung und Zerstörung besser, mit obligatorischer Unterdrückung der Frau. Woher der Gedanke kommt, das macht die Inszenierung aus Nowosibirsk sehr deutlich. Sie setzt Ich und dem Idioten nach ihrer Vereinigung auch noch Lorbeerkränze auf, der Irrenhaus-Chor singt dazu wie ein Haufen von Bacchanten. Neben den eindringlich skurrilen Bildern blieben nach der Aufführung vor allem die Sänger in Erinnerung: Ioanna Wos, die Eleganz und Verrenkung stimmlich und spielerisch virtuos verband, in der Rolle der Ehefrau, Juri Komow als Wowa, wie er das Lustgeführte aus dem Automatenhaften ableitete, Andrej Isakow, wie er im Normalbürgerhaften auch die Kräfte zur Selbstzerstörung fand, die sprechenden Gesichter der Choristen.Besetzung // Musikal. Leitung Eugen Wolynsky, Regie Heinrich Baranowsky, Bühne David Borowsky, Kostüme Nina Lepilina.Darsteller Andrej Isakow (Ich), Ioanna Wos (Ehefrau), Juri Komow (Wowa), Iwan Patrizajew (Wärter), Sergej Sacharow (Marcel Proust). Chor (Leitung: Wjatscheslaw Podjelsky), Orchester, Tänzer des Staatl. Akademischen Theaters Nowosibirsk.Foto: Eine Geschichte von Verführung und Zerstörung, tapeziert mit Zeitungsseiten aus der Prawda.

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