Das Ballhaus Ost, Berlins neues Kunsthaus, eröffnet mit "Die Ehe der Maria Braun"

Aus der Hüfte kommen

Dirk Pilz
4 Min

Diese Stimme. Rauchig und von einem kecken Entrückungsflattern durchzogen. Und diese kleinen spöttisch-verlogenen Aufseufzer zwischendurch. Oder soll man sie Abseufzer nennen? Anne Tismer spricht weniger, sie zelebriert die Satzmelodien, kaut auf den Silben, lässt einzelne Worte und Geräusche aus dem Zusammenhang fallen. Das kennt man von ihrer Nora in Thomas Ostermeiers Inszenierung an der Schaubühne, wo sie noch spielt, obwohl sie zum Gründerteam jenes Ballhaus Ost gehört, das in der Pappelallee der Idee eines freien Künstlertums huldigt (Berliner Zeitung vom 11. Februar). Es ist dies ein überaus einnehmendes Unterfangen, bei dem sich Menschen zusammentun, um endlich und einfach das zu tun, wonach ihnen der Sinn steht. Theater machen zum Beispiel, ohne sich mit den hierarchischen Strukturen der subventionierten Bühneninstitute herumschlagen zu müssen.Das Ballhaus Ost hat ordentlich Aufmerksamkeit erregt. Die allgemeine Verblüffung ist groß, wenn heute eine Gruppe Entschlossener ein altes Gemeindehaus auf eigene Kosten und Gefahr zur Bühne umbaut, es zwei Wochen vor der Eröffnung noch keine Publikumspodeste gibt und wenige Tage vor ultimo alle zusammen die Dielen abschleifen und nächtelang bei Einheitsgage und ohne Kalkül schuften. So was gibt's in diesen durchökonomisierten Zeiten noch? Zur Eröffnungspremiere ist der schön hergerichtete Saal übervoll - und die Anspannung groß. Durch das Haus mit seiner reichhaltigen Geschichte als Gemeindehaus, Casino des Handwerks und Billardsalon weht der unwiderstehliche Charme des Aufbruchs. Und dazu passend wird auf der Bühne Rainer Werner Fassbinders unbestechliches Nachkriegs- und Neuanfangsfilm "Die Ehe der Maria Braun" gezeigt.In schnell geschnittenen Szenen wird vor einer Spiegelwand von der jungen Maria berichtet, die im Dickicht der Ereignisse ihr Fädelchen Glück sucht und sich wider Wollen und Wissen daraus einen Strick dreht. Im Krieg heiratet sie Hermann (Stephan Baumecker), den man später als verstorben ausgibt. Maria sucht Trost bei Bill (Nino Sandow), dem Amerikaner, den Hermann, der fälschlich Totgeglaubte, umbringt. Und während Hermann seine Strafe abbrummt, wurstelt sich Maria zur Geschäftsfrau hoch. Sie trifft Oswald (Uwe Preuss), eine Persönlichkeit mit Einfluss, und ist zu schlechter Letzt Hausbesitzerin und Opfer (Opfer?) einer Anpassungsgabe, die nichts als billige Einsamkeit und teure Leere produziert. Eine Gesellschaftslogik, mit der Fassbinder seinerzeit der westdeutschen Gründerrepublik die Defizite vorrechnete.Anne Tismer spielt diese Maria als eine Unnahbarkeitsperson. Umkost von Düsternissen, distanzgebietend und einnehmend zugleich. An der fahrbaren Gerüsteinheit führt sie elegante Turnübungen vor (Hüftabschwung, Spagat, Beinschaukel); mit der Kippe im Mundwinkel tanzt sie sehr lasziv und sehr gekonnt über vier Stühle hinweg; auf dem halbrunden Sofaelement lümmelt sie in einer Art von Vertrottelung, die vor tückischer Zerrissenheit strotzt. Maria ist das Energiezentrum dieser Inszenierung der Ballhaus-Mitbegründer Uwe Moritz Eichler und Philipp Reuter; aufgeladen durch die Tismer'sche Verwandlungskunst wird es zum Strudel, der rings um sie alle Figuren ins Straucheln geraten lässt.Eichler selbst spielt den Einfaltspinsel Senkenberg als Musterausgabe eines Buchhalterbürokraten; Ulrike Recknagel sucht mit ihren sechs Rollen von der Freundin Betti bis zur Sekretärsnudel Frau Ehmke ein Maria-Gegengewicht zu etablieren; Robert Krüger forscht in seinen sieben Figuren nach Typen und findet viel Typisiertes. An Maria aber perlt alles ab. Es fehlt diesem Abend, leider, etwas die konzeptionelle Schärfe. Weder Maria noch Anne Tismer allein können Stück und Inszenierung zu Triftigkeit verhelfen. Dass zum Schluss, anders als bei Fassbinder, das Haus der Maria nicht in die Luft geht, sie und ihr Hermann also nicht sterben, wirkt wie eine erzwungene Pointe, der die Vorgeschichte fehlt. Man sieht vor allem, dass hier eine Truppe in den letzten Wochen viel Energie auf die Bestellung des Spielortes und alle organisatorischen Untiefen verwendet hat, eine Energie, die für das künstlerische Bemühen womöglich gefehlt hat. Das wird sich in Zukunft ändern. Ein Anfang ist gemacht, die künstlerische Prägnanz darf noch wachsen.------------------------------Die EröffnungsinszenierungRainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" wurde 1979 auf der Berlinale uraufgeführt - mit Hanna Schygulla in der Hauptrolle. Der Film gilt als einer der zentralen kritischen Beiträge zur Seelenlage der westdeutschen Bevölkerung nach dem Krieg. Erschöpfung und Aufbruch - auch ein heutiges, gesamtdeutsches Thema?Regie Philipp Reuter, Uwe M. EichlerAusstattung Bettina PlesserEs spielen Okka Hungerbühler, Ulrike Recknagel, Anne Tismer, Henriette Schulz-Molon; Stefan Baumecker, Uwe M. Eichler, Burckhart Ellinghaus, Heinz Kreitzen, Robert Krüger, Uwe Preuss und Nino SandowVorstellungen 19., 26. Feb., 24.-26. März im Ballhaus Ost, Pappelallee 15Karten und Programminformationen unter Telefon: 44 04 92 50------------------------------Foto : Die Ballhaus-Ost-Mitgründerin Anne Tismer als Maria Braun im Einsatz

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