Es gibt Geschichten, die enden mit "format c:". Das ist der Befehl, um eine Computerfestplatte neu zu formatieren und damit alle Daten auf ihr endgültig zu löschen. Mit "format c:" eliminiert der Programmierer Boyd seine gesamte Arbeit, nachdem er bei der Internetfirma gekündigt hat, für die er eine Website zum Thema Computerspiele gestaltet hatte. Und die sein Leben zu einer "dunklen, von Panikanfällen geschüttelten Hölle" machte. Überstunden, Wochenendarbeit, ein fieser Chef, der seine Angestellten vor versammelter Mannschaft fertig machte, Schlafstörungen und Depressionen - die Arbeit bei CPU Central hatte aus Boyd ein Wrack gemacht. Nachdem er mit einem Computerbefehl seine Dateien gelöscht hatte, fand er einen Job als Verkäufer in einem Sexshop. Nicht jeder, der in der Computerbranche arbeitet, ist ein Gewinner. Auf jeden Bill Gates kommen tausende von Programmierern, die endlose Schichten vor dem Rechner schieben, für jeden Jeff Bezos gibt es Armeen von Webdesignern, die für wenig Geld im Akkord HTML-Seiten basteln dürfen. "Die Geschichten von den 20-jährigen Internet-Millionären gehen mir auf den Geist", sagt der Amerikaner Bill Lessard. Obwohl er bei diversen Internet-Start-Ups gearbeitet hat, ist er bis heute nicht reich geworden, hat aber die meisten Pleite gehen gesehen. Zusammen mit dem Journalisten Steve Baldwin hat er seine Erfahrungen nun in dem Buch "Computersklaven" verarbeitet, das zu den raren Lichtblicken in der Berichterstattung über die Arbeit im Internet-Business gehört. "Computersklaven" beendet die Märchenstunde von den Millionen, die angeblich von Jungmenschen im Internet verdient werden. Das Buch beleuchtet die Bedingungen, unter denen die Mehrheit der Angestellten im Multimedia-Bereich tatsächlich arbeitet: schlechte Bezahlung für viel Stress bei windigen Firmen mit chaotischen Strukturen. Die beiden Autoren haben sich von zehn Dilberts aus dem wirklichen Leben über ihre Arbeit berichten lassen: da ist der Mitarbeiter einer Hotline, der die nicht enden wollenden E-Mails mit der "Delete"-Taste bearbeitet; der Chip-Ingenieur, den seine Arbeit krank gemacht hat und der darum von seiner Firma gefeuert wird; ein Versandhändler, der Millionen von Billigcomputern verkauft, die dazu neigen, in Flammen aufzugehen und die Navigation von Flugzeugen zu stören. Begonnen wurde das Buch übrigens im Netz: auf der Website "Netslaves", auf der die Autoren Geschichten von Scheitern im Internetgeschäft sammelten."Computersklaven" ist ein Sittenbild des Internet-Business, das mal komisch, mal bedrückend, aber immer spannend zu lesen ist. Lessard und Baldwin haben sich dabei ausdrücklich an dem amerikanischen Journalisten Studs Terkel orientiert, der in seinem Klassiker "Working" die Arbeitsbedingungen in der amerikanischen Industrie beschrieben hat; "Computersklaven" führt diese Erzählung für die post-industrielle Gesellschaft fort. Falls jemand wissen will, wie die Lage der arbeitenden Klasse im Internet aussieht, ist er mit diesem Buch gut bedient. Als Antidot zu der Jubel-Berichterstattung über die aufstrebende Internet-Branche ist es sehr empfehlenswert. Bill Lessard, Steve Baldwin: Computersklaven - Reportagen aus der Ausbeuterfirma Internet, DVA 2000, 39,80 Mark, 270 SeitenDie Netslaves-Websitewww.netslaves.com
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