Das eingebildete Opfer: Binjamin Wilkomirski und die Erinnerung an den Holocaust

Da wurde es meine Geschichte

Arno Widmann
6 Min

In einer Synagoge in Beverly Hills schlossen Laura Grabowski und Binjamin Wilkomirski 1997 einander in die Arme. Beide hatten das KZ Birkenau überlebt und sich nach mehr als fünfzig Jahren wieder gefunden. Die Anwesenden waren ergriffen. Sie weinten und applaudierten. Sie wussten nicht, dass Binjamin Wilkomirski ein Schweizer war und KZs erst nach dem Kriege als Besucher gesehen hatte. Sie hatten auch keine Ahnung, dass Laura Grabowski keine osteuropäische Jüdin, sondern eine Amerikanerin war, die einige Jahre zuvor unter dem Namen Lauren Stratford einiges Aufsehen durch eine Autobiografie erregt hatte, in der sie schilderte, wie sie als Kind von Sexualtätern und Satanisten missbraucht wurde.Ein paar Jahre lang galten Laura Grabowski und Binjamin Wilkomirski als überlebende Zeugen der Gräuel der Vernichtungslager. Sie berichteten vor Wissenschaftlern und Frauenvereinen. Sie halfen Gelder zu beschaffen für das Holocaust Memorial und die Shoah Foundation. Sie waren Teil der von Norman G. Finkelstein so genannten "Holocaust-Industrie". Binjamin Wilkomirskis vorgebliche Erinnerungen an seine Kindheit in Krakau und Majdanek wurden unter dem Titel "Bruchstücke" im "Jüdischen Verlag" veröffentlicht und anschließend in neun Sprachen übersetzt. Beide haben nachweislich ihre Märtyrer-Viten erfunden.Zwei gerade erschienene Bücher analysieren "das Wilkomirski-Syndrom". Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie sehr die Erinnerung an den Holocaust sich von den Geschehnissen gelöst und zur Religion geworden ist, der muss diese Bücher lesen. Der Journalist Daniel Ganzfried hat im August 1998 durch einen Artikel in der Zürcher "Weltwoche" dem gespenstischen Treiben des Bruno Doessekker, der zu Binjamin Wilkomirski mutierte, ein Ende gemacht. In "...alias Wilkomirski" trägt Ganzfried noch einmal die Ergebnisse seiner Recherchen zusammen, dazu Stellungnahmen von Claude Lanzmann, Imre Kertesz, Ruth Klüger und anderen. Irene Diekmann und Julius H. Schoeps dokumentieren in "Das Wilkomirski-Syndrom" eine Tagung, die das Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum zum Thema veranstaltete. Hier ging es nicht nur um den Fall des Schweizer Holocaust-Transvestiten, sondern auch um ähnliche wie den von Laura Grabowski.Unsere Beschäftigung mit dem Holocaust hat neurotische Züge. Das fängt vergleichsweise harmlos an. Junge Menschen benennen sich um in Lea und Sarah, in Jacob und Benjamin. Und es endet bei der Errichtung eines neuen Kultes, einer Holocaust-Religion, die festlegt, wie über die Vernichtung der europäischen Juden gesprochen werden darf. Im Laufe des Historikerstreites wurde die unsinnige Formel von der "Unvergleichlichkeit des Holocaust" durchgesetzt. Sie ist einer der zentralen Glaubensartikel dieser Religion. Er nimmt die von den Nazis industriell organisierte Vernichtung - übrigens nicht nur von Juden - aus der Geschichte heraus, sakralisiert sie. Sie ist jetzt nicht mehr zu analysieren, zu verstehen, sondern sie steht da als ein einziges großes jede Diskussion, jedes Argument, alle Rationalität erschlagendes Tremendum. Der Holocaust ist zum Fetisch geworden.Bruno Doessekker, der, wenn er nicht auf Podien Jiddisch stammelte, feinstes Zürichdeutsch sprach, ist die Parodie der neuen Religion. Er übertreibt sie bis zur Kenntlichkeit. Er karikiert uns. Die wenigstens hatten es freilich gemerkt. Sie glaubten ihm, schon um sich weiter glauben zu können. Daniel Ganzfried hat dem den Garaus gemacht. Er hat Kirchenbücher und Gemeindeakten gewälzt, hat Zeugen befragt und uns so die Chance gegeben, den "Holocaust-Zirkus" - so nennt er das - zu begreifen. Die Szene in der Synagoge von Beverly Hills, in der zwei Gojim wie im Kasperletheater das Wiedersehen zweier jüdischer Holocaust-Überlebender aufführen, mag manchen infam vorkommen. Aber ist sie nicht auch von einer Komik, wie wir sie allenfalls Mel Brooks oder Philip Roth zugetraut hätten? Viele Experten sind auf Wilkomirski hereingefallen. Unter anderen der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz. Er wird am Mittwochabend im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann mit Daniel Ganzfried über die Holocaust-Travestie, über das Wilkomirski-Syndrom sprechen. Wo freilich die Rollen so klar definiert sind, wo jeder schon seinen Text hat, wo jede Geste festgelegt ist, da ist leicht fälschen und da ist noch leichter auf Fälschungen hereinfallen. Je genauer wir wissen, was und wie wir glauben sollen, desto einfacher wird die Herstellung entsprechender Scripts. Man wird davon ausgehen müssen, dass es neben den bisher bekannten Fällen eine große Zahl noch unaufgedeckter Erinnerungsaneignungen gibt. Aus den unterschiedlichsten Motiven werden sie begangen und aus eben so unterschiedlichen von Menschen, die es besser wissen, gedeckt. Für einen der berühmtesten Fälle ist - wie bei Wilkomirski - Siegfried Unselds Jüdischer Verlag verantwortlich (nicht zu verwechseln mit dem Jüdischen Verlag Berlin, in dem Ganzfrieds Buch erscheint). Als der 1992 gegründet wurde, da legte er ein Buch vor "Wolfgang Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch". Es war die um ein Vorwort bereicherte, ansonsten unveränderte Wiedergabe des 1948 erschienenen Buches: "Jakob Littner: Aufzeichnungen aus einem Erdloch." Barbara Breysach erinnert in ihrem Beitrag zum "Wilkomirski-Syndrom" daran, dass Koeppen ein 180 Seiten umfassendes, ausformuliertes Manuskript des jüdischen Briefmarkenhändlers Jakob Littner vorlag, das er lektorierte und 1948 unter Littners Namen veröffentlichte - dessen Existenz er aber im Vorwort der Neuausgabe 1992 verleugnete. Vielmehr verstieg sich Koeppen zu der wilkomirskiartigen Behauptung, er habe "die Leidensgeschichte eines deutschen Juden" geschrieben; "Da wurde es meine Geschichte". Der Jüdische Verlag setzte dem dann im Klappentext die Krone auf und behauptete, Koeppen habe das Werk 1948 "unter dem Pseudonym Littner" veröffentlicht. In diesem Jahr soll endlich das Littner sche Manuskript im Berliner Metropol-Verlag erscheinen. Man mag über die Wilkomirskis spekulieren, ob sie verrückt, publicitysüchtig, geldgierig oder alles zusammen sind, aber man sollte bei all dem nicht den zum Suhrkamp-Verlag gehörenden Jüdischen Verlag und seinen Chef Siegfried Unseld vergessen. Er hat nicht nur die Enteignung Littners zu verantworten. Er hat auch gegen frühe Warnungen die Fälschung Wilkomirskis veröffentlicht. Er hat als die Beweise für die Fälschung vorlagen an ihr festgehalten. Er hat bis heute nichts zur Aufklärung des Falles getan. Die letzte Äußerung von ihm lautete: "Bruchstücke" sei ein gutes Buch. Die Frage, ob authentisch oder fiktional interessiere ihn nicht. Das ist eine verlegerische Bankrotterklärung. Man mag als Verleger die Entscheidung über gut oder schlecht suspendieren und sie dem Publikum überlassen. Die Entscheidung aber, ob ein Buch in die Roman- oder in die Sachbuchabteilung gehört, die muss der Verleger - schon aus juristischen Gründen - selbst fällen. Koeppen und Wilkomirski haben sich beide jüdische Geschichte angeeignet. Ihr gutes Recht. Sie haben sie aber als eigene Geschichten verkauft. Das ist Betrug. Siegfried Unselds Jüdischer Verlag hat diesen Betrug gefördert. Er machte mit beim Holocaust-Zirkus, stattete eine der erfolgreichsten Travestie-Nummer aus, bei der die Täter und deren Nachkommen die Opfer überzeugender spielen sollten als die wirklichen das können.Daniel Ganzfried: . alias Wilkomirski. Die Holocaust-Travestie. Hrsg. von Sebastian Hefti. Jüdischer Verlag Berlin, Berlin 2002. 270 S. , 12,90 Euro.Irene Diekmann und Julius H. Schoeps (Hrsg. ): Das Wilkomirski-Syndrom. Eingebildete Erinnerungen oder Von der Sehnsucht, Opfer zu sein. Pendo, Zürich/ München 2002. 367 S. , 24 Euro.Foto: PWE KINOARCHIV Wilkomirski, wie er sich selbst sah - und wie wir ihn sehen wollten (Szene aus Roberto Benignis "Das Leben ist schön").

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