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Warum es Berliner Originale wie Schrippenmutti oder Harfenjule heute nicht mehr gibt

Berliner Typen wie die Schrippenmutti und die Harfenjule wurden durch ihre ungeschönte Echtheit zu Legenden. Im Zeitalter sozialer Medien bleibt davon wenig übrig.

Volker Kleinmichel
7 Min
Ein Berliner Original, wie es sie nicht mehr gibt: „Schrippenmutti“ Inge Schulze bei ihrer nächtlichen Verkaufstour durch Berlin, 2007.

Ein Berliner Original, wie es sie nicht mehr gibt: „Schrippenmutti“ Inge Schulze bei ihrer nächtlichen Verkaufstour durch Berlin, 2007.

© Joachim Schulz/imago

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Am 6. September jährt sich der Geburtstag der legendären Harfenjule zum fast 200. Mal. Ein Anlass, darüber zu reflektieren, was Berlin heute schmerzlich vermisst: Menschen, die aus purer Existenznot heraus authentisch wurden, statt aus kalkulierter Selbstvermarktung.

Stellen wir uns vor, Harfenjule würde heute durch die Stadt ziehen. Die fast blinde Straßenmusikantin, die im kaiserlichen Berlin mit ihrer rostigen Harfe, barfuß und in Lumpen ihr Geld verdiente, würde doch binnen Minuten auf Instagram landen. #StreetArt #BerlinVibes #Authentic. Irgendein Influencer würde sie „entdecken“, ein Crowdfunding starten und binnen einer Woche hätte Luise Nordmann einen Manager, einen Spotify-Deal und eine Netflix-Dokumentation. Das Problem: Sie wäre keine Harfenjule mehr, sondern nur noch Content.

Straßenmusiker im Mauerpark

Straßenmusiker im Mauerpark

© T. Seeliger/imago

Echte Originale gibt es nicht mehr

Berlin feiert seine historischen Originale wie Reliquien einer versunkenen Zeit: Harfenjule (1829-1911), die aus purer Not zur Straßenmusikantin und dabei zur Legende wurde; Strohhut-Emil (1875-1965), der Artist mit dem mechanischen Hut, der jahrzehntelang Berlins Straßen unterhielt; Wasserminna (1883-1959), die talentierte Schwimmerin, die es vom „Mädchen für alles“ im städtischen Flussschwimmbad an der Ebertsbrücke bis zur Wasserakrobatin im „Circus Busch“ brachte; oder Eisrieke, die es sogar als tragische literarische Figur „Friederike Sandbohm“ und ihre unglückliche Liebe zu einem adligen Offizier aus einem Roman Erdmann Graesers bis in die Herzen der Berliner schaffte.

Was diese Menschen gemein hatten: Sie wurden nicht zu Originalen, weil sie es werden wollten. Sie wurden es, weil das Leben sie dazu zwang. Authentizität war keine Lifestyle-Choice, sondern Überlebensstrategie.

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Heute ist das Gegenteil der Fall. Berlin ist voller Menschen, die verzweifelt versuchen, originell zu sein – und dabei alle in gewisser Weise gleich aussehen. Die Paradoxie der inszenierten Individualität. Kreuzberg-Code: Queere Ästhetik zwischen Vintage-Shop und Antigentrifizierungsgraffiti, dazu nachhaltige Sneaker für 200 Euro. Prenzlauer-Berg-Standard: Familien-Hipster mit Cargo-Bikes, Bio-Jutebeuteln und Brillen, die gleichzeitig intellektuell und entspannt wirken sollen. Friedrichshain-Dresscode: Fine-Line-Tattoos neben Traditional-Sleeves, als wäre jeder Körper eine kuratierte Ausstellung – perfekt abgestimmt auf die nächste Clubnacht.

Das Problem: Selbst die Rebellion ist standardisiert. Die „Fck Capitalism“-Shirts kosten 60 Euro, die konsumkritische Haltung wird auf Instagram zelebriert, und jeder zweite Designer verkauft „authentische“ Upcycling-Mode an Touristen, die echte Berliner Originalität kaufen wollen.

Heute gäbe es die Schrippenmutti GmbH

Schauen wir uns dagegen Schrippenmutti Inge Schulze an, die in den 90er- und 2000er-Jahren nachts vor Clubs Schrippen und Buletten verkaufte: eine echte Berliner Type, die aus der Not eine Tugend machte und dabei zum sozialen Gewissen der Partyszene wurde. Sie half Obdachlosen, war Kummerkasten und Anlaufstelle. Heute würde so eine Figur wahrscheinlich binnen Tagen zu einer Marke werden – „Schrippenmutti GmbH – authentic Berlin street food“ – oder an der digitalen Beantragung einer Gewerbeerlaubnis nebst Gesundheitspass scheitern.

Das ist das Dilemma unserer Zeit: In einer Gesellschaft, die Originalität vergöttert, wird alles Originelle sofort kommerzialisiert und verwaltet. Instagram kann aus jedem Straßenkünstler einen potenziellen Star machen – und tötet damit irgendwie die echte, um die nackte Existenz kämpfende Straßenkunst.

Auf den Flohmärkten suchen die Menschen nach dem nächsten authentischen Vintage-Teil, um ihre Persönlichkeit zu untermalen.

Auf den Flohmärkten suchen die Menschen nach dem nächsten authentischen Vintage-Teil, um ihre Persönlichkeit zu untermalen.

© Stephanie Steinkopf/Ostkreuz

Berlins heutige „Originale“ sind oft Mittzwanziger aus gutbürgerlichen Familien, die sich ein paar Jahre lang arm spielen, bevor Papa sie in die Anwaltskanzlei übernimmt. Sie fahren Fixie-Räder, die mehr kosten als Harfenjules Jahreseinkommen, und posten Selfies aus der „authentischen“ Eckkneipe, während sie heimlich die Yelp-Bewertungen checken.

Wo bleibt der Mut zur Hässlichkeit?

Was den historischen Berliner Originalen eigen war: Sie hatten Mut zur Hässlichkeit, zur Unperfektheit, zum Scheitern. Strohhut-Emil war kein durchtrainierter Influencer-Artist, sondern ein schrulliger Typ mit einer abstrusen Idee. Harfenjule war nicht „fotogen“, sie war eine fast blinde, verarmte Frau, die sich durchs Leben zu kämpfen hatte.

Heute ist alles kuratiert, optimiert, gefiltert. Berlins neue „Authentizität“ ist eine Industrie. Alle reden von „echter Verbindung“ und „authentischen Erfahrungen“, während sie ihr Leben nach Algorithmen optimieren.

Die sozialen Medien haben aus Individualität einen Wettbewerb gemacht. Jeder will der originellste, authentischste und interessanteste Typ sein. Das Ergebnis: Tausende Menschen, die alle verzweifelt versuchen, anders zu sein, interessant für neue Follower, dabei aber alle gleich sind. Die Ironie: Je mehr jemand über seine Authentizität redet, desto unechter wirkt er.

Soziale Medien haben Berlins Kulturszene rasant transformiert – ein Segen und ein Fluch zugleich. Instagram, TikTok oder YouTube bieten Künstlern heute Möglichkeiten, die früher undenkbar waren: Wer Talent, Timing und die richtigen Hashtags hat, erreicht ein breites Publikum ohne Gatekeeper, Plattenfirmen oder Feuilletons. Der Hand Lettering Artist aus Neukölln wird via Instagram zum gefragten Designer, die queere Performerin aus dem Wedding baut sich ihre Community auf TikTok auf – und der neue Club in Moabit ist nach dem richtigen Reel binnen Wochen „place to be“.

Diese Demokratisierung ist ein Gewinn: Endlich haben auch Nachwuchs, Migranten, queere Stimmen und Subkulturen eine reale Chance auf Sichtbarkeit. Berlins berühmte Diversität wird digital multipliziert – kreative Nischen werden Feeds, kleine Projekte können groß werden, und jeder kann Schöpferin und Publikum zugleich sein. Noch nie waren der kulturelle Austausch und die Sichtbarkeit von Minderheiten in Berlin so niedrigschwellig erreichbar.

Doch die Schattenseiten sind ebenso spürbar. Das Prinzip „pics or it didn’t happen“ führt dazu, dass viele Kulturevents nicht mehr primär für ein echtes Publikum, sondern für den perfekten Stream produziert werden. Die Clubnacht, einst Ort gelebter Spontaneität, wird zur instagramtauglichen Kulisse mit maximalem Story-Potenzial. Kunst wird Content und performt für Likes. Die Folge: Inszenierung, Oberflächlichkeit und ein einheitlicher Berlin-Look, den Touristen weltweit selfiegenau nachstellen.

Der Teufelsberg

Der Teufelsberg

© Jürgen Held/imago

Was früher subversiv war, ist heute Selling Point. Die East Side Gallery, einst authentische Wendekunst, steht heute in jedem „Most Instagramable Spots“-Guide. Der Teufelsberg wurde vom illegalen Lost Place zur kommerziellen Street-Art-Galerie mit zwölf Euro Eintritt. Das RAW-Gelände mutierte vom autonomen Kulturraum zur Touristenattraktion, und selbst Underground-DJs planen ihre Releases nach Instagram-Metriken statt nach musikalischen Visionen. Gleichzeitig verschärfen sich ökonomische Zwänge – wer Reichweite will, muss performen, ständig liefern, sich inszenieren. Viele originelle Ideen verkommen zu Mainstream-Memes, künstlerische Prozesse geraten unter Dauerverfügbarkeit und Publikumsdruck.

Berlins historische Originale redeten nicht über Authentizität – sie lebten sie einfach. Genau deshalb sehnen wir uns nach diesen Figuren. Deshalb werden sie musealisiert, verklärt, zu Symbolen stilisiert. In einer Zeit, in der alles verfügbar und austauschbar ist, schätzen wir die Menschen, die einzigartig waren.

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Nun könnte man sich fragen: Wann habe ich zuletzt etwas getan, was wirklich ich selbst war – ohne Rücksicht auf Likes, Trends oder die Meinung der Peergroup? Die Antwort darauf verrät mehr über uns und die Klischeefallen unsere Zeit als tausend Authentizitätsworkshops.

Volker Kleinmichel, Jahrgang 1960, ist Pädagoge an einer Montessorischule. Er interessiert sich für Politik, darstellende und bildende Kunst, Natur, Geschichte, Literatur, Psychologie und Zeitgeist.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit
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