Sie schreit ihn an, sagt ihm, dass sie ihn so liebt, dass es wehtut. Und auch sonst kann man sich kaum vorstellen, wie man selbst eskalieren würde und seine Welt zusammenbrechen sähe, würde man vor genau derselben Anschuldigung stehen, die Lucy Weiss (Léa Seydoux) dort verkraften muss: Der abgöttisch geliebte Ehemann der französischen Pianistin wird von der Polizei abgeholt, er soll sich des Dealens mit kinderpornografischen Inhalten schuldig gemacht haben.
Nicht des Herstellens, darauf wird Wert gelegt in diesem Drama, sondern nur des Herumschickens. Dass beides scheußliche Untaten sind, die höchstens vor Gericht unterschiedlich behandelt werden, kaum aber im Furor einer aufgebrachten Gesellschaft, die kaum noch hinterherkommt mit dem Abarbeiten aller auf den Tisch gelegten Missbrauchsfälle, wird in Marie Kreutzers Familienstudie sehr gut sichtbar.
Da bleibt nur der kalte, harte Schnitt
Denn auch die Gründe fürs Verdealen sind am Ende so armselig und hässlich, dass man und vor allem Lucy diesem Ehemann nie mehr über den Weg trauen wird – da kann er noch so viel beteuern. Bei aller Liebe: Da bleibt nur der kalte, harte Schnitt. Auch wenn Philip (Laurence Rupp) selbst nie ein Kind angefasst hat. Auch den eigenen kleinen Sohn Johnny nicht.
Die Regisseurin Kreutzer interessiert sich dabei ausdrücklich nicht für den Kriminalfall als Thriller-Stoff. Vielmehr erzählt sie von den Erschütterungen, die eine solche Nachricht bei den Menschen auslöst, die zurückbleiben: bei einer Ehefrau, einer Familie und einem sozialen Umfeld, das plötzlich jede Erinnerung und jede Gewissheit infrage stellen muss: Was soll man noch glauben, wenn selbst ein geliebter Mensch nicht der ist, für den man ihn gehalten hat?
Dass Kreutzer diesen Blick gewählt hat, erklärte sie dem Spiegel jüngst in einem Interview. Ausgangspunkt war für sie eine große Missbrauchsermittlung in Nordrhein-Westfalen, über die sie 2020 las. Besonders erschütterte sie dabei die Erkenntnis, dass Täter eben meist keine fremden Monster sind, sondern Menschen aus dem eigenen Umfeld – Freunde, Kollegen oder Bekannte. Eine unbequeme Einsicht, die den eigentlichen Kern von „Gentle Monster“ bildet. Der Film fragt nicht, wie das Böse aussieht, sondern wie es möglich ist, dass es sich hinter einem vertrauten Gesicht verbirgt.
Eine Realität, die Kreutzer auch vor dem Film schon selbst erfahren musste: Nach „Corsage“ wurde bekannt, dass der damalige Hauptdarsteller Florian Teichtmeister wegen Delikten im Zusammenhang mit Missbrauchsdarstellungen verurteilt wurde. Kreutzer beschwört zwar, das Drehbuch bereits zuvor entwickelt zu haben, doch sagt sie auch, dass diese Erfahrung ihre ursprüngliche Recherche aufs Schmerzlichste bestätigt habe: Wahrscheinlich kennt und schätzt und liebt jeder von uns einen Täter, ohne es zu wissen. Das bitte einmal langsam auf der Zunge zergehen lassen. Und dann: weiteratmen.
Man möchte – verdammt noch mal – nicht in ihrer Haut stecken
Bemerkenswert ist außerdem die Sorgfalt, mit der der Film recherchiert wurde. Kreutzer sprach mit Ermittlern, Juristen und Kinderschutzorganisationen, die das Drehbuch begleiteten. Dass die von Jella Haase gespielte Polizistin ihren Beruf als den sinnvollsten ihres Lebens bezeichnet, geht sogar auf diese Gespräche zurück.
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Dennoch bleibt „Gentle Monster“ in erster Linie ein Schauspielerfilm. Léa Seydoux trägt ihn mit ihrer wunderbar uneitlen Darstellung. Große Gefühlsausbrüche sind nicht ihrs, wenn man mit Blicken viel mehr Verstörung ausdrücken kann. Ihre komplette Mimik reicht, um das Gefühls-Auf-und-Ab, das diese Lucy durchmacht, eindringlich abzubilden. Man möchte – verdammt noch mal – nicht in ihrer Haut stecken.
„Gentle Monster“ ist also kein leichter Film – aber leider auch keiner, der noch lange nachhallt. Im Vergleich zum formal mutigeren „Corsage“ fehlt hier stellenweise die Wucht, mit der man angesichts eines solchen Themas selbst zu kämpfen hat. Doch entspricht diese Nüchternheit ganz dem Anliegen der Regisseurin. Wie sie selbst sagt, wollte sie keine Botschaften verkünden, sondern einfach „nur ehrlich erzählen“. Das ist ihr in jedem Fall gelungen.
„Gentle Monster“: ab 17. September im Kino, 114 Minuten
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