Wladimir Wissotzky kam nicht. Man wollte keine aufmüpfigen Liedermacher nach Ost-Berlin schicken. "Wir hatten wegen Wissotzky in Moskau angefragt. Aber sein Auftritt wurde vom sowjetischen Kulturministerium und vom Komsomol geblockt." Lutz Kirchenwitz musste das "Festival des politischen Liedes" 1978 ohne den russischen Star veranstalten.Heute sind die ideologischen Konstrukte aus der Zeit der sozialistischen Bruderstaaten obsolet; manche der politisch engagierten Künstler sind tot, anderen ist die Basis ihrer Arbeit weggebrochen. Das Fehlen eines definierten ideologischen Gegners stellt neue Fragen an das künstlerische Arbeiten derer, die an klaren Fronten operierten. "Damals reichte eine antikapitalistische Grundhaltung aus, um sich zu verständigen. Heute geht es um die Wirksamkeit politischer Musik überhaupt, und darum, wie man mit verblödender Spaßkultur umgeht." Vorsitzender Kirchenwitz und sein Verein "Lied und soziale Bewegungen e.V." reanimierten im letzten Jahr das in den frühen Neunzigern abgesunkene Festival, und feierten dreißigjähriges Jubiläum. "Da gab es ein starkes Echo, und viele offene Fragen. Deshalb machen wir es noch einmal."Das "Festival Musik und Politik 2001" präsentiert an vier Tagen Konzerte, Gesprächsrunden, Vorträge und Filme. Der argentinische Liedermacher Len Gieco tritt auf, Kai und Franz Josef Degenhardt, André Herzberg, Juli Kim. Neben dem "engagierten Lied" traut man sich nun auch an zeitgeistige Musikformen: Die Band Knarf Rellöm stellt sich mit Diskursrock vor, die HipHopper von Torch mit Rhymes und Wiglaf Droste mit giftigen Lyrics. Am ersten Abend findet ein Wettbewerb junger Berliner Nachwuchsbands statt, die sich zwischen Crossover und Crossunder politisch verorten. Das "Festival des politischen Liedes", 1970 vom "Oktoberklub", dem Flaggschiff der FDJ-Singebewegung, initiiert, hatte mit der politischen Wende von 1989 ausgedient. Nun wird das Fossil entstaubt, die Position neu bestimmt, und der Spaßfaktor erhöht, aller Spaß-kultur zum Trotz.Festival Musik und Politik 2001 von Do an bis So in der Wabe, im Club Voltaire, im Café Zwiet (Danziger Str. 101) und in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Karten unter Tel.: 55 77 15 55, das ausführliche Programm im Internet unter: www.concertidee.de/festival oder www.songklub.dePROMO (2) Deutsche Rapkultur mit Anspruch und Gesellschaftskritik mit MC Torch am Freitag um 20 Uhr in der Wabe.Unbequem und populär: Der Argentinier León Gieco (Do, 20 Uhr, Volksbühne).
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