Das frühere Sperrgebiet ums einstige Stasi-Gefängnis soll politisch akzeptabel markiert werden. Darum gibt es Streit

Linkspartei will nicht von "kommunistischer Diktatur" reden

Claudia Fuchs
4 Min

HOHENSCHÖNHAUSEN. Wer mit dem Auto die Genslerstraße von Süd nach Nord entlang fährt, spürt kurz vor der Hausnummer 66 ein Rumpeln - hier endet der Asphalt, und Kopfsteinpflaster beginnt. Doch die Stelle ist mehr als nur ein Wechsel des Straßenbelags: Sie deutet auf ein Stück DDR-Geschichte hin, über das noch heftig diskutiert werden wird.Wo heute das Kopfsteinpflaster beginnt, verlief 45 Jahre lang eine Mauer quer über die Straße. Das rund um die Uhr bewachte Bauwerk umschloss einen Stasi-Komplex, zu dem das zentrale Untersuchungsgefängnis des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), ein Arbeitslager, Werkhöfe und verschiedene Dienststellen des MfS gehörten. Mit dem Ende der Stasi im Januar 1990 verschwand auch die Mauer. Nun aber soll das etwa zwei Kilometer lange Bauwerk wieder entstehen - zumindest in der Erinnerung.Große Tafeln zur InformationSowohl die PDS-Mehrheit im Bezirk Lichtenberg als auch die Kulturverwaltung des Landes Berlin wollen, dass der einstige Sperrbezirk für die Öffentlichkeit wieder erkennbar ist - der Verlauf der Mauer soll im Stadtraum markiert werden, wie es offiziell heißt.Die Anregung dafür lieferte die Gedenkstätte Hohenschönhausen, die ihren Sitz im früheren Sperrgebiet hat - direkt auf dem Gelände der einstigen Untersuchungshaftanstalt. Die Gedenkstätte beschäftigt sich zwar hauptsächlich mit der Geschichte der Haftanstalt, hat aber auch das große Sperrgebiet und seine Geschichte unter die Lupe genommen. "So entstand die Idee, mit vier großen Tafeln über wichtige Gebäude im Sperrgebiet zu informieren", sagt Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte. Das Geld dafür könnte die Gedenkstätte dieses Jahr bekommen: Die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hat 5 000 Euro bewilligt.Fehlt nur die Zustimmung des Bezirks, dessen Kulturausschuss bei Tafeln auf öffentlichem Straßenland mitzureden hat. Dort aber hat die Linkspartei eine absolute Mehrheit - und Probleme mit dem Text der Tafeln, auf denen unter anderem von "kommunistischer Diktatur" die Rede ist. "Der Text ist nicht sehr einladend", so formuliert es Lichtenbergs Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (Linkspartei).Die anderen Parteien im Bezirksparlament wiederum unterstützten die Gedenkstätte. FDP, CDU und SPD forderten in einem Antrag, dass mit Tafeln auf das frühere Sperrgebiet aufmerksam gemacht werde - Bezirk und Gedenkstätte sollen "eng" zusammen arbeiten. Die Linkspartei jedoch intervenierte, im Beschluss ist nun von Tafeln keine Rede mehr - jetzt soll "das ehemalige Sperrgebiet in geeigneter Weise gekennzeichnet" werden.Hubertus Knabe ist über diese Wendung nicht glücklich: Er befürchtet, dass während der Debatte über eine mögliche Markierung das eigentliche Anliegen der Stiftung - die Tafeln - in den Hintergrund treten und das für dieses Jahr zugesagte Geld verfällt. "Ich will nicht, dass das eine langwierige Angelegenheit wird und unser Projekt insgesamt gefährdet wird." Zudem ist Knabe überzeugt, dass eine Markierung schwierig zu verwirklichen ist: Der einstige Mauerverlauf berührt heute an vielen Stellen Privateigentum.Solche Schwierigkeiten sieht man in der Kulturverwaltung nicht. "Das Ganze kann sehr schnell gehen", versichert Dominique Krössin, Referentin von Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei). Zunächst werde die Öffentlichkeit über das Vorhaben informiert, dann könnten Gestalter aufgerufen werden, Vorschläge für eine Markierung zu entwickeln.Knabe indes bleibt skeptisch. "Natürlich haben wir nichts dagegen, dass die Außenmauern des Sperrbezirks sichtbar gemacht werden." Er hätte sich eine engere Zusammenarbeit zwischen Bezirk und Stiftung gewünscht. Etwas ist ihm aufgefallen: Auf der Postkarten-großen Einladung zur Podiumsdiskussion über "Die Situation des ehemaligen Sperrgebiets Berlin-Hohenschönhauen" taucht ein Wort gar nicht auf: Staatssicherheit.------------------------------Wo Bürgerrechtler weggesperrt wurdenFabrikant Richard Heike errichtete 1910 in Hohenschönhausen eine Fleischmaschinenfabrik. Später kaufte er weitere Grundstücke hinzu und verpachtete sie.Die NSDAP erwarb 1938 ein großes Gelände an der Genslerstraße und ließ eine moderne Großküche für das Winterhilfswerk bauen. Im Krieg entstanden zwei Zwangsarbeiterlager.Im Sommer 1945 errichtete der sowjetische Geheimdienst NKWD dort das "Speziallager Nr.3". Das Gelände wurde abgesperrt. Das sowjetische Ministerium für Staatssicherheit übernahm 1946 das Lager und betrieb dort bis 1951 das zentrale Untersuchungsgefängnis für Deutschland. Das berüchtigte Keller-Gefängnis entstand - das so genannte U-Boot.Von 1945 bis 1951 waren schätzungsweise 25 000 Menschen inhaftiert, bis 1946 kamen 3 000 Gefangene ums Leben. Ihre Leichen wurden in der Umgebung verscharrt.Am 1. März 1951 übernahm die Stasi das Sperrgebiet. Im zentralen Untersuchungsgefängnis des MfS waren bis 1989 schätzungsweise 20 000 Personen gefangen, darunter viele DDR-Bürgerrechtler. 1990 wurde das Lager geschlossen, seit 1995 ist es Sitz der Gedenkstätte.Podiumsdiskussion übers Sperrgebiet und die Markierung: 14. März, 18 Uhr, Große-Leege-Str. 103, u.a. mit Kultursenator Thomas Flierl, Bürgermeisterin Christina Emmrich und dem Leiter der Gedenkstätte Hubertus Knabe.------------------------------Karte: Sperrgebiet der DDR-Staatssicherheit: Die Mauer, die bis 1990 um das Stasi-Sperrgebiet herum führte, war etwa zwei Kilometer lang.------------------------------Foto: Das Stasi-Untersuchungsgefängnis wurde mit einer Mauer und Wachtürmen gesichert. Beides steht noch auf dem Gelände der Gedenkstätte.

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