Festival

„Das geilste Dorffest Ostdeutschlands“: Wasted in Jarmen mit Marteria, Swiss und Feine Sahne

„Das hier ist Familie, das ist Liebe und alles, was wir in MV supported haben.“ Ein emotionaler Marteria beim Festival von FSF in Vorpommern.

Katja Frick
Katja Frick
6 Min
Sänger und Festivalmacher Monchi am Sonnabend auf der Bühne mit der Punkrockband Swiss und die Anderen aus Hamburg beim Wasted in Jarmen.

Sänger und Festivalmacher Monchi am Sonnabend auf der Bühne mit der Punkrockband Swiss und die Anderen aus Hamburg beim Wasted in Jarmen.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Für ein Dorffest ist die Hauptbühne in Jarmen an der Peene ganz schön groß. Und es stehen auch sehr viele Leute davor. Auf der Bühne performen an diesem Samstagabend gerade Swiss & Die Anderen aus Hamburg. Die Punkrockband spielt sonst vor sehr viel mehr Menschen.

Im Juli waren sie beim Deichbrandfestival mit 60.000 Besuchern. Doch das Festival Wasted in Jarmen ist ganz augenscheinlich kein normales dörfliches Volksfest. Sondern ein Festival, das Monchi und seine Band Feine Sahne Fischfilet 2016 im sonst ziemlich abgehängten Vorpommern auf die Beine gestellt haben.

Nicht nur der Frontmann von Feine Sahne Fischfilet (FSF) nennt es mittlerweile „das geilste Dorffest Ostdeutschlands“. Jan Gorkow alias Monchi kommt selbst aus der Peenestadt und lebt hier wieder mit seiner Familie. Seit seiner Premiere 2016 hat sich das Festival zu einem immer größeren und vor allem beliebteren Event entwickelt.

Die 5000 Festivaltickets für 2026 waren innerhalb einer Stunde ausverkauft. Ursprünglich sollte das alles eine einmalige Sache sein, ins Leben gerufen vor der Landtagswahl 2016 im Zusammenhang mit der Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch“.

Festival mit Bereichen ohne Eintritt

FSF will mit dem Festival Leuten etwas zurückgeben und etwas in einer Gegend machen, wo sonst eher nichts passiert und sich die Kids immer noch ihre Nachmittage an der Bushaltestelle vertreiben, erklärt Sänger Monchi immer wieder.

Alle Menschen aus Jarmen und der Umgebung können auch die eintrittsfreien Bereiche des Festivals besuchen. Dazu zählen etwa die Kieskulenbühne an der Badeanstalt und der Kinderbereich auf dem Sportplatz, wo auch der Skatepark ist und zudem Tischtennis gespielt werden kann.

Rapper Marteria mit Finch aus Berlin als Gast auf der Hauptbühne des Festivals Wasted in Jarmen in Vorpommern.

Rapper Marteria mit Finch aus Berlin als Gast auf der Hauptbühne des Festivals Wasted in Jarmen in Vorpommern.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Zudem ist den Machern wichtig, die lokalen Künstler zu unterstützen. Vor dem Festival konnten sich explizit Bands aus Mecklenburg-Vorpommern per E-Mail mit einem Video bewerben. Wer gewinnt, darf am Festivalsamstag die Hauptbühne eröffnen – in diesem Jahr war das Am Besten Morgen mit ihrem Neo-Psychedelic-Rock. Insgesamt stehen Bands aus der Region und Norddeutschland im Fokus.

Marteria ist lieber in Jarmen als am Hockenheimring

„Das hier ist Familie, das ist Liebe und alles, was wir in MV supported haben“, ruft ein sichtlich emotionaler Marteria am Abend des 5. Septembers dem Publikum in Jarmen zu. Und erzählt, dass er deshalb viel lieber in Jarmen auf der Bühne rappt als am Tag zuvor auf dem Glücksgefühle-Festival am Hockenheimring – mit 250.000 Besuchern das größte deutsche Musikfestival.

Beim Glücksgefühle-Festival am Hockenheimring hatte die Ausladung der Band Alphaville einen Eklat und eine Debatte über Meinungsfreiheit ausgelöst. Sänger Marian Gold hatte sich zuletzt bei Konzerten deutlich gegen rechtsradikale Tendenzen eingesetzt.

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Wasted in Jarmen 2026: Monchi auf der Bühne mit Marteria und den Kids von Hansa Rostock. Feine Sahne Fischfilet hatten ihren Auftritt schon am verregneten Freitag.

Wasted in Jarmen 2026: Monchi auf der Bühne mit Marteria und den Kids von Hansa Rostock. Feine Sahne Fischfilet hatten ihren Auftritt schon am verregneten Freitag.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Marteria zählt zu jenen Künstlern, die sich immer wieder klar politisch äußern – und stand damit sinnbildlich für den Widerspruch, dass ausgerechnet ein Festival wie das Glücksgefühle mit vielen haltungsstarken Acts eine Band wegen ihrer Positionierung ausschloss. Musiker wie Nura, Mia Julia und die No Angels thematisierten den Vorfall offen auf der Glücksgefühle-Bühne.

Marteria alias  Marten Laciny, der aus Rostock stammt und jetzt auf Rügen lebt, sagte im Vorfeld der Landtagswahl in MV in zwei Wochen, er habe „tatsächlich keinen Bock“, dass die AfD die Landesregierung stellt. Er wisse aber auch um die Probleme und Stimmung etwa auf Rügen. Er spüre die Inflation erstmals selbst deutlich, die Menschen gingen seltener essen, Hotels seien nicht ausgebucht. „Ich merke, es verändert sich gerade was, und die Leute sind unzufrieden.“ Er wünsche sich mehr Zusammenhalt und Politiker mit Rückgrat.

Jarmen will Festival für jedes Alter und Familien sein

Das Festival in Jarmen will aber den Zusammenhalt zwischen den Menschen stärken, egal welche politischen Ansichten sie vertreten und egal, wie alt sie sind, hatte Sänger Monchi im Interview mit der OAZ kurz vor dem Erscheinen seines neuen Buches „Jenseits der Brandmauer“ gesagt.

Und es ist tatsächlich ein Dorffest: Das Publikum kann bekannten Musikern wie Marteria – der sich für seinen Auftritt auch noch Rapper Finch als Gast auf die Bühne holte –, Feine Sahne oder Swiss & Die Anderen so nah kommen wie selten.

Das Festival in Jarmen ist ein Familienfest und zieht Besucher jeden Alters und mit verschiedenem Musikgeschmack an – hier vor der Palettenbühne bei Antitranspiranti.

Das Festival in Jarmen ist ein Familienfest und zieht Besucher jeden Alters und mit verschiedenem Musikgeschmack an – hier vor der Palettenbühne bei Antitranspiranti.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Wohl nirgendwo sonst gibt es zudem die Möglichkeit, sich mit einem Idol wie Monchi hautnah zu battlen. Er trat mit seiner Band am Freitag zur seit 2019 traditionellen Biberolympiade an. Bei diesem Mehrkampf aus teils schrägen Disziplinen kämpften die Musiker im strömenden Regen um Wiedergutmachung – denn 2025 hatten sie ihre Siegesserie an fünf junge Männer aus Niedersachsen verloren. Gegner war diesmal das Fan-Team „Karl Beer“, ein Quintett aus verschiedenen Regionen, das sich beim Festival 2025 als Zeltnachbarn kennengelernt hatte.

In Disziplinen wie Klappfahrrad-Slalom, Scharade, einer Cheerleader-Figur auf nur fünf Füßen, Sandburgbau und dem abschließenden „Biberkarussell“ lieferten sich beide Teams ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Ende sicherte der fulminante Schlussspurt von Trompeter Max Bobzin der Band den 3:2-Sieg.

Monchi und Marteria beim Crowdsurfen vor der Hauptbühne des Festivals Wasted in Jarmen.

Monchi und Marteria beim Crowdsurfen vor der Hauptbühne des Festivals Wasted in Jarmen.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Geprägt war das Festival 2026 vom Wetter: Vom Freitagmorgen bis weit in den Nachmittag zog teils strömender Regen über das Gelände, doch Organisatoren und Fans machten einfach weiter, Feine Sahne Fischfilet trat am Abend wie geplant auf. Gestartet war das Programm um 8.30 Uhr mit einem Bier-Yoga-Kurs in der Zarrenthiner Badeanstalt und einem anschließenden Morgenkonzert der Band Attic109 aus Demmin. Am Sonnabend gab es nur noch einige wenige Regenschauer.

Ein besonderer Gast unterstrich zudem den politischen Charakter des Festivals: Für den Punkrock reiste sogar der 100-jährige KZ-Überlebende Andrej Moiseenko aus Weißrussland nach Mecklenburg-Vorpommern an.

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