Heute soll ein Fahrer vom Finanzministerium zu Martin Ziegler nach Schildow kommen, um dort fünf Aktenordner abzuholen. Ziegler wird sie ihm übergeben, eine Quittung erbitten, "und dann ist Schluss", sagt er. Es klingt erleichtert.Zwölf Jahre sind vergangen, in denen sich Ziegler um eine Sache gekümmert hat, die nicht nur fünf Aktenordner füllte, sondern ihm auch viel Ärger brachte, wo sie doch eigentlich viel Gutes tun sollte: Nach dem Fall der Mauer sollten die großen Mauersegmente verkauft, das Geld an Behinderteneinrichtungen und an Denkmalpflege-Projekte verteilt werden. Dazu gründete der DDR-Ministerrat das "Kuratorium zur Verwendung der Erlöse aus dem Verkauf von Segmenten der Berliner Mauer" mit zwölf Mitgliedern. Ziegler, Oberkirchenrat und Moderator des Runden Tisches in Wendezeiten, wurde Vorsitzender. "Aus dem Bauwerk, das viel Unglück über die Menschen gebracht hatte, sollte zum Schluss noch etwas Gutes sprießen", sagt der 71-Jährige. Vor ein paar Wochen hat ihm das Bundesfinanzministerium, das das Geld verwaltet, einen Brief geschickt: "Eine weitere Auszahlung ist nicht möglich", stand dort. Daraufhin hat Ziegler die Presse informiert: "Das Kuratorium beendet nach fast zwölf Jahren ermüdender und frustrierender Auseinandersetzungen seine Arbeit mit der kleinen Genugtuung, durch seine Beharrlichkeit wenigstens einen Teilerfolg in einer einmal sinnvoll angelegten Aktion am Rande der deutschen Einigung erzielt zu haben. " Ziegler sitzt in seinem Haus in Schildow am Rande von Berlin. Seine Frau kocht Kaffee und schenkt reichlich nach; im Gartenteich schwimmt ein Entenpärchen, das jedes Jahr im Frühjahr zurückkehrt, die Amseln zwitschern und scharren im Laub. Es ist eine traurige Geschichte, auf die Ziegler zurückblickt. Er hat noch einmal alle Briefe hervorgeholt, die die Arbeit über all die Jahre dokumentieren. Es sind Dokumente des Scheiterns, auch wenn 20 Einrichtungen mit dem Geld geholfen wurde.Die Firma Limex aus dem Schalck-Golodkowski-Imperium verkaufte die Mauerteile, zu den Hauptabnehmern gehörte die Galerie LeLé. Sie versteigerte bei einer Auktion in Monte Carlo rund 80 bemalte Segmente. Der Erlös aus dem Verkauf durch Limex, damals etwas über zwei Millionen Mark, wurde auf ein DDR-Regierungskonto überwiesen.Die Idee war gut. Bald meldeten sich mehr als 60 Interessenten: Kirchen, Krankenhäuser, Behindertenheime. Es hätte losgehen können, doch die Sache geriet ins Stocken.Mit der Wiedervereinigung wurden alle DDR-Konten von der Bundesrepublik eingezogen, das Geld des Kuratoriums landete beim Bundesfinanzministerium. Theo Waigel, damals Minister, wollte das Geld nicht herausgeben: Es sei schon so viel Geld in den Osten geflossen, habe er gesagt, erinnert sich Ziegler. Aber es gab ja noch Helmut Kohl. "Der hatte ein Gespür dafür, was eventuell schlecht ankommt", sagt Ziegler. Kohl intervenierte, und das Geld wurde für die Zwecke des Kuratoriums bereitgehalten.Aber die Sache geriet zum zweiten Mal ins Stocken. Sie verfing sich im Gestrüpp von Behörden, Gerichten und gegensätzlichen Interessen. "Plötzlich kamen die Maler und klagten", sagt Ziegler. Kiddy Citny und Thierry Noir hatten in den achtziger Jahren auf hundert Metern Länge Herzen, Gesichter und Comics auf die Mauer gepinselt. Man hatte ihr Kunstwerk verkauft, sie wollten Geld. Die Sache ging von Gericht zu Gericht. Der Bundesgerichtshof entschied, dass Citny und Noir eine Beteiligung an dem Mauergeld zusteht. Das Gericht folgte der Argumentation des Künstler-Anwaltes: Wenn der französische Bildhauer Auguste Rodin einen Schneemann gebaut hätte, wäre der im Frühling geschmolzen. Hätte jemand den Schneemann eingefroren und verkauft, dann hätte Rodin Anspruch auf Gewinnbeteiligung gehabt, das sei "unerwarteter Zweitnutzen". Genau so sei es Citny und Noir ergangen.Sie forderten von der Galerie LeLé ihren Anteil, 1996 sprach ihnen das Berliner Landgericht 1,6 Millionen Mark zu. LeLé reichte die Forderung ans Bundesfinanzministerium weiter, wo das Geld darauf wartete, verteilt zu werden. Das Kammergericht sprach Citny und Noir schließlich 500 000 Mark zu, das Finanzministerium überwies. "Das hat uns sehr frustriert", sagt Ziegler. Heute kann er darüber lachen, aber es ist das Lachen von jemandem, der bis heute nicht versteht, was an diesem Urteil gerecht gewesen sein soll. Es ist auch das Lachen von einem, der weiß, dass er bald die Akten schließen kann.Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt: 1997 überwies das Ministerium dem Kuratorium 250 000 Mark, im Jahr 2000 noch einmal 500 000. Im Januar 2001 ging Ziegler ins Ministerium und fragte nach dem Rest des Geldes, "es müssten noch zirka 650 000 Mark da gewesen sein". Er machte einen Vorschlag: Das Geld sollte geteilt werden. Er wollte endlich einen Schlussstrich ziehen. Das Ministerium ging darauf ein, kürzlich kamen noch einmal rund 128 000 Euro mit dem Hinweis, dass das alles sei. "Die rechnen wohl damit, dass noch weitere Maler Geld wollen, deshalb haben sie noch etwas behalten", vermutet Ziegler.In einem Abschlussbericht hat Ziegler alle Einrichtungen aufgeführt, die Geld bekommen haben, darunter das St. Elisabeth-Krankenhaus in Berlin, die Zionskirche und der Behindertensportverein in Mitte. Rund 523 000 Euro hat das Kuratorium verteilt."Es ist eine Farce am Rande des Einigungsgeschehens", sagt Ziegler und schließt den Aktenordner. Bald will er im Garten das Laub wegharken, das er für die Amseln den Winter über liegen gelassen hat.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Vor dem Verkauf: Zwischenlagerung der Mauerteile in Bernau.
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