Droht ein neuer Fall von Schiller Theater? Das Gespenst geht um - Finanzsenator Elmar Pieroth (CDU) hat es wieder auf den politischen Marktplatz gescheucht: Um Berlins Milliardenschulden zu decken, soll die Kultur, wie alle anderen Ressorts auch, ihren Zehnt in den Opferstock einbringen. Es geht um stattliche 100 Millionen (genau die Summe, die Bonn der Hauptstadtkunst vorenthielt). Und da ein solcher Betrag scheinchenweise nicht einzutreiben ist, erwägt Pieroth "das Schließen einer großen Einrichtung".Um die Landesschatulle aufzufüllen, hat der Schatzmeister schon immer mal etwas von der kulturellen Habe Berlins versetzen wollen - und ist damit nicht durchgekommen. Die Wannsee-Villa des Literarischen Colloquiums sollte unter den Hammer. Im dramatischen Schiller-Theater-Sommer 93 hielten die CDU-Senatoren Maxim Gorki Theater und Volksbühne am Luxemburgplatz für eher verzichtbar. Bereits im September dieses Jahres ließ Pieroth das Gespenst vom Schließen eines weiteren großen Hauses auftauchen; doch bekam es vom kulturbewußten CDU-Bürgermeister und anderen Parteifreunden gleich einiges mit der Klatsche: Die Metropole in der Mitte Europas könne es sich nicht leisten, ihr Kunstleben weiter zu drosseln. In dieser Woche schickt Pieroth seinen Droh-Würgerich neu in den Verteilungskampf. Welche Sparopfer ihm vorschweben, erfährt man erwartungsgemäß aus seinem Hause nicht. Sprecher Gustav Gayda: Der Finanzsenator habe nur die "allgemeine Marschrichtung" deutlich machen wollen, "in welchen Dimensionen jetzt strukturelle Änderungen anstehen und daß die Kultur fürs Sparen nicht tabu ist". Ob taktische Gebärde oder geplanter Handstreich - SPD-Fraktionschef Klaus Böger erklärte, daß seine Partei die Schließung einer großen Kulturstätte entschieden ablehnt. "Vollkommen unverantwortlich" nannte gestern Kultursenator Ulrich Roloff-Momin (parteilos) das Ansinnen Pieroths, der Berliner Kultur das von ihr unverschuldete 100-Millionen-Mark-Defizit aufzubürden. Man müsse sich schützend vor die Kulturinstitutionen stellen.Rein numerisch ließen sich viele Schreckens-Szenarios entwickeln, welche dramatischen Verluste die Berliner Kunstlandschaft erlitte, ginge es nach Elmar Pieroths Marschplan: Selbst der Verzicht auf eines der drei Opernhäuser - von Rotstift-Politikern immer wieder herbeigeredet - könnte das 100-Millionen-Loch nicht stopfen. Man müßte etwa zur Komischen Oper mindestens noch ein Haus von der Größe des Maxim Gorki Theaters preisgeben, um auf eine solche Etatsumme zu kommen. Und bekanntlich würden aufgrund der längerfristigen Verträge die Einsparungen in nächster Zeit ohnehin nicht zu Buche schlagen. Nicht nur in diesen beiden Häusern sorgt die Spar-Debatte für neue Unruhe.Dagegen reagiert man in den angesprochenen "großen" Berliner Kunsttempeln eher gelassen als verschreckt. "Unsere Angst hält sich in Grenzen", sagt Georg Vierthaler, geschäftsführender Direktor der Deutschen Staatsoper. Seine Zuversicht wird auch in anderen national repräsentativen Kulturstätten von Berlin geteilt, die sich der besonderen Zuwendung durch die Bundesregierung erfreuen. So sieht auch Prof. Günter Schade, stellvertretender Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, die Pierothschen Pläne "mit Abstand". Prof. Christoph Stölzl, Direktor des Historischen Museums, merkt an, daß "Finanzpolitik nun mal eine Politik mit Gebärden" sei.Alle drei Befragten betonten, daß Kultur als Lebenselement und tragende Säule der Demokratie nicht mit dem Rechenschieber geregelt werden kann. Keine Frage, daß man sparen müsse - und könne. Doch dürfe es nicht wieder zu "politischen Nacht-und-Nebel-Aktionen von oben herab" kommen wie beim K. o. für das Schiller Theater. Als Mitglied des Rates für die Künste, der sich bei Politikern in Berlin und Bonn als "Selbsthilfe-Parlament" Ansehen und Einfluß erworben hat, plädiert Christoph Stölzl für einen Runden Tisch der Kultur. "Dort sollten Politiker und Kulturleute auch über völlig neue Wege der Kulturfinanzierung nachdenken." Fürwahr, dort könnten auch die kleinen und wirtschaftlich schwachen Kunstmacher ihre Lobby haben - ohne Gespenster. +++
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