Was kürzlich noch ganz vertrocknet aussah, droht jetzt in der Feuchte zu verfaulen. Ganz zu schweigen von den Kleinpilzfamilien und den gefräßigen Untoten mit ihren winzigen Sichelrüsseln, die sich des Nachts über jedes Blatt hermachen, das die Witterung übrig gelassen hat. Wer einen Garten hat, weiß, was Ohmacht ist. Und trotzdem: Gärtnern ist in. Nicht nur auf der Dachterasse oder um das Landhaus in Kleinmachnow herum - auch in der Laubenpieperkolonie. Der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde verkündet zum morgigen Tag des Gartens das Ende des Methusalem-Komplotts auf deutscher Scholle: Das Durchschnittsalter der Pächter sei innerhalb von 6 Jahren von 56 auf 47 gesunken. Die Beliebtheit des Schrebergartens bei jungen Leuten hätte zum radikalen Sprung in der Statistik geführt.Gartenzeitschriften haben sich unterdessen zu Lifestyle-Magazinen entwickelt. Stars lassen sich in Gummistiefeln und mit der Rosenschere in der Hand fotografieren. Der Zeitgeist hat nach der Ökologie die Natur entdeckt. Wie immer steckt hinter solchen Entwicklungen mehr als "bloße Mode". Im Garten begreift der Mensch die Grenzen der Politik. Als Gärtner lernt man das Wachsen lieben, aber auch das Verblühen. Dem Gärtner zeigen die Pflanzen, dass er nur dann erfolgreich sein kann, wenn er ihren Eigenarten folgt. Was er zum Blühen bringen will, dessen Wesen muss er sich unterwerfen. Die Natur verzeiht keine Kommandowirtschaft. Gestalten heißt im Garten auch immer Sich-Fügen. In diesen Grenzen man nach Herzenslust rupfen und herausreißen, umgraben und anbauen, wühlen und kämpfen. Und warten.Als Gärtner erlebt der Mensch das Ende der Ideologie von der Naturbeherrschung - und zwar nicht als Niederlage, sondern als Erholung. Gegen den Eigensinn von Hortensie, Clematis oder Magnolie geht gar nichts. Umso mehr die Pflanzen einem das klar machen, desto mehr liebt man sie. Der gute Gärtner gewinnt als gewiefter Kompromissler. Er hört dem Gras zu, beim Wachsen. Über heroische Anwandlungen kann ein Gärtner nur lächeln. (Deshalb triumphiert in der Literatur immer der Gärtner über seinen Dienstherrn, was die Zuneigung der Herrin angeht.)In der Freizeit hat man schon immer soziale Prozesse nachgespielt. Der Reformismus, wie man ihn in der Politik als Qual erlebt, wird im Garten zum Ausdruck von Weisheit - und zum Quell der Freude.
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