Das größte Problem der Handballer vor der WM ist die Verletzungsmisere

"Fahrt vorsichtig!"

Jochen Arntz
4 Min

KIEL. Er ist wieder da. Zum ersten Mal seit 25 Jahren befindet sich der Weltmeisterschaftspokal der Handballspieler wieder in Deutschland. Am Mittwochabend wurde er zur Präsentation in die Kieler Ostseehalle gebracht, wo die deutsche Nationalmannschaft sich noch einmal gegen Schweden übte und 33:25 gewann; mittlerweile aber ist die Trophäe schon auf dem Weg nach Berlin, dorthin, wo die Handballweltmeisterschaft am 19. Januar eröffnet wird. Spätestens beim Finale in Köln, am 4. Februar des kommenden Jahres, wird sich dann entscheiden, ob der Pokal in Deutschland bleiben kann, ob die deutschen Handballer bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land dafür gesorgt haben, dass sie das wuchtige Kunstwerk am Ende des Turniers überreicht bekommen.Die Plastik, die ein wenig so aussieht, als habe Käthe Kollwitz versucht, einen Handballer im Sprungwurf zu modellieren, ist schwer und sperrig. So schwer und sperrig, dass ein Manager des Versicherungskonzerns, der für den Pokal einsteht, beim Länderspiel in Kiel sagte, allein Gewicht und Ausmaße seien gute Argumente, dafür zu sorgen, dass er nach der Weltmeisterschaft nicht wieder aus Deutschland abtransportiert werden muss.Heiner Brand, der deutsche Handball-Nationaltrainer, hat den kleinen Witz des Versicherungsmanagers ganz sicher gemocht. Manchmal hilft so etwas ja auch in einer Situation, in der der Druck, der auf einem lastet, noch deutlich schwerer ist als die Trophäe, die man gerne hätte. Denn obwohl die deutsche Mannschaft nicht der Favorit bei der kommenden Weltmeisterschaft ist, wird von einem Nationaltrainer bei einem solchen Turnier im eigenen Land irgendwie doch der Titel erwartet.Sicher, Brand ist mit seiner Mannschaft Europameister geworden. Aber das war 2004, und seine aktuelle Mannschaft hat mit den Europameistern nicht mehr viel zu tun. Und die aktuelle Mannschaft, die Brand am Mittwoch in der Kieler Ostseehalle gegen Schweden präsentierte, hat auch nur bedingt etwas mit jenem Team zu tun, das der Trainer aus Gummersbach bei der Weltmeisterschaft aufbieten will. Denn beim letzten Testspiel in diesem Jahr musste er auf sechs Stammspieler und den Ersatztorwart verzichten. Kapitän Florian Kehrmann ist nach seinem Mittelhandbruch noch nicht wieder richtig fit, Pascal Hens und Torsten Jansen haben Oberschenkelprobleme, bei Oleg Velyky ist es das Knie, und Michael Kraus hatte sich noch beim Abschlusstraining die Hand verletzt. So viel zu den Versehrten im Nationalteam. Und dann gab es noch Terminprobleme. Oliver Roggisch und Johannes Bitter, der zweite Torwart, kamen nicht nach Kiel, weil sie mit Magdeburg im DHB-Pokal antreten mussten.So war das Testspiel denn auch eigentlich kein Testspiel, weil Brand die zweite Reihe spielen ließ. Und weil die Schweden, die nicht für die Weltmeisterschaft qualifiziert sind, in der zweiten Halbzeit demonstrierten, wieso sie es nicht sind.Heiner Brand zeigte nach dem 33:25-Sieg jedoch eine Gefühlsregung, die man nicht allzu oft bei ihm registriert: eine gewisse Zufriedenheit über den Gang der Dinge. Die er allerdings gleich wieder einschränkte - mit dem Verweis darauf, diese Partie und dieses Ergebnis nicht überzubewerten.Sicher hat er recht, aber am Ende war der Abend in Kiel für die deutschen Handballer tatsächlich kein schlechter. Und das nicht nur wegen des hohen Sieges. Am Ende stand die Erkenntnis, dass die Deutschen auch in der zweiten Reihe Spieler haben, die in der Lage sind, ein sehr, sehr schlecht gestartetes Spiel - zeitweise waren es vier Tore Rückstand - noch deutlich zu gewinnen. Spieler wie der Wetzlarer Lars Kaufmann, der für sechs Treffer sorgte und den Brand nach dem Spiel ausdrücklich erwähnte.Man sah auch, dass die Deutschen mit einer 5:1-Taktik in der Deckung überhaupt nicht klar kamen, die befohlene Umstellung auf 6:0 dann aber sehr schnell sehr gut beherrschten. "Mit 5:1, das vergessen wir jetzt mal", erkannte Brand.Und man sah an diesem Abend einen Bundestrainer, der sich doch ein wenig freute, als der schwedische Coach die Chancen der Deutschen, den sperrigen Pokal im Land zu behalten, nicht eben kleinredete. Als sich die Spieler auf den Heimweg machten und sich bei Brand verabschiedeten, war der allerdings wieder bei den Sorgen der Gegenwart angelangt. "Fahrt vorsichtig!", sagte Brand. Und das war keine Floskel. Noch einen Verletzten, noch einen Ausfall kann sich diese Nationalmannschaft nicht leisten.------------------------------"Ich bin mit dem Spiel sehr zufrieden." Bundestrainer Heiner Brand nach dem Sieg gegen Schweden------------------------------Foto: Befreiungsschlag: Nationalspieler Sebastian Preiß im Griff der schwedischen Abwehr beim Testspiel in Kiel.

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