Das Hans-Otto-Theater hat einen neuen Intendanten und bald ein neues Haus

Auf den letzten vielen Metern

Katja Oskamp
5 Min

Man hat sich das Hans-Otto-Theater als ein speditionsähnliches Unternehmen vorzustellen. Tapfer bewegen sich ungefähr 150 Mitarbeiter Tag für Tag im Zickzack durch die Stadt. Eine Kantine, in der man verschnaufen, sich sammeln oder einfach bloß Mittag essen könnte, haben die Potsdamer schon lange nicht mehr. Seit Jahren spielt das Ensemble in provisorischen Behausungen - im Theaterhaus am Alten Markt, treffend Blechbüchse genannt, in der Reithalle A oder im Schlosstheater in Sanssouci. Unter dem Motto "Hans-Otto-Theater unterwegs" treibt der frisch berufene Intendant Uwe Eric Laufenberg den Zustand der Zerstreuung nun auf die Spitze. Morgen beginnt die Spielzeit. Innerhalb von drei Wochen finden sieben Premieren an sieben Orten statt. Zusätzliche Spielstätten wie die Französische Kirche oder die Villa Arnim wurden aufgetan. Es ist eine Übergangsflucht nach vorn. Die Vorfreude soll gesteigert werden. Denn im Sommer 2006 soll das neue Theater fertig sein. Theater mit SeeblickAm Kulturstandort Schiffbauergasse, einer wüsten Mischung aus Verfall und Aufbruch, aus Off-Kultur, Industrie und Natur, steht der Rohbau. Noch schwebt über jenem Dach, unter dem in zwei Jahren alle vereint sein sollen, der Arm eines Krans. Auf imposanten, muschelförmigen Windungen, die der Architekt Gottfried Böhm entworfen hat, kraxeln vergleichsweise winzige Bauarbeiter. Gläserne Wände werden den Blick auf den Tiefen See und die Havel freigeben, an deren Ufer das 470 Plätze fassende Gebäude entsteht. Gesamtkosten: 26 Millionen Euro. Es ist der erste realisierte Theaterbau seit 1795. Damals ließ Friedrich Wilhelm II. das bürgerliche Theater Am Kanal errichten. Im zweiten Weltkrieg wurde es komplett zerstört. Ab 1949 diente eine umgebaute Tanzgaststätte dem Theater als Domizil. Diese wurde 1991 wegen Sanierungsunfähigkeit geschlossen. Am Alten Markt baute man ein Theater halb auf und riss es wieder ab. Als Trostpreis wurde die Blechbüchse hingestellt. Nach einer jahrzehntelangen, absurden Abfolge von Substanzverfall, Standortdebatten und Finanzeinbrüchen ist das neue, eigene Haus in greifbare Nähe gerückt. Vor einigen Wochen war Richtfest."Ich hab die beste Zeit erwischt", freut sich Uwe Eric Laufenberg. Den Theaterbau beschlossen und vorangetrieben haben vor ihm andere. Aber dank seines Fünfjahresvertrages hat der 44-jährige noch richtig was von davon. Der gelernte Schauspieler stammt aus Köln, war in Darmstadt, Frankfurt am Main, Zürich als Regisseur fest engagiert. Von 1997 bis 2000 leitete er als Oberspielleiter das Maxim-Gorki-Theater. Nach der Berufung zum Intendanten blieben ihm fünf Tage für fristgemäße Kündigungen. Laufenberg wählte die harte Variante und entließ das ganze Ensemble. Hinterher stellte er es zur Hälfte wieder ein. Dazu engagierte er Absolventen und gestandene Schauspieler. Nun habe er sich eine Truppe geschaffen, mit der man die gesamte dramatische Literatur bestreiten könne. "Bei mir spielen alle ohne Ende, auch die Alten!" Außerdem arbeite er gern mit Gästen. In dieser Spielzeit mit Christine Schorn, Katharina Thalbach, Katja Riemann.Am 22. Oktober bringt Laufenberg im Schlosstheater Markus Hilles "Lina - es wird sie töten, du Ärmster", ein modernes Kammerspiel um Karoline von Günderode, heraus. Die Bühne, ein museales Zuckerstückchen, wurde bisher für Opernaufführungen genutzt. Ahnungsvoll tut der Regisseur Einiges dafür, der Uraufführung den Geruch von Risiko und Anstrengung zu nehmen: mit der Wahl des historischen Stoffes und der traditionellen Spielstätte in Sanssouci, mit einem Bühnenbild, das die lieblichen Elemente des Barocksaals fortsetzt, mit einem Ensemble aus fünf jungen, neuen Schauspielern. Moritz Führmann spielt im Stück Clemens Brentano. Der 27-jährige hat soeben sein Studium an der Theaterhochschule in Leipzig abgeschlossen. Zum Vorsprechen in Potsdam hat er sich selber eingeladen. "Wo Sie nun schon mal da sind", habe Laufenberg gesagt, "sprechen Sie halt vor." Er tat's und wurde auf der Stelle genommen. Für den Beginn dieser Spielzeit hat Führmann parallel in zwei Inszenierungen geprobt. Dass er von Anfang an richtige Rollen bekommt, weiß der Spielwütige zu schätzen. Berge in der BlechbüchseIn der Blechbüchse türmen sich begehbare Berge aus Erde. Mit der Spielstätte, die unter Auslastungsproblemen litt, solle nun offensiver umgegangen werden, erklärt Dramaturg Hans Nadolny. Der Ort dient von Zeit zu Zeit Großprojekten. Es wird en bloc gespielt, das erspart Umbauten und erlaubt aufwändigere Ausstattungen. In Kleists "Hermannsschlacht" wirkt das Grobgewaltige der Halle regelrecht mit. "Während der Pause", so Nadolny, "dreht sich das Zuschauerpodest um 180 Grad, und dann sehen die Leute das hier." Hinter einem bleigrauen Vorhang erstreckt sich eine Schneelandschaft, ein Wald aus Kiefernstämmen ragt hoch hinauf, als wüchse er durch das Blechdach.Hans-Jochen Röhrig spielt in der "Hermannsschlacht" mit. Seit 28 Jahren steht der Schauspieler, inzwischen unkündbar, auf den Bühnen des Hans-Otto-Theaters. Die besten Zeiten habe er unter dem Regisseur Rolf Winkelgrund mitgemacht, in den Siebzigern seien poetische Inszenierungen von politischer Tragweite gelaufen. Fünf Intendanten hat Röhrig schon erlebt, einen vor, vier nach der Wende. "So drastisch wie jetzt wurde das Ensemble noch nie ausgewechselt". Die Abschiede von langjährigen Kollegen seien schmerzhaft, aber es kämen ja immer wieder neue, gute Leute. "Ich hab keine Lust, mich zu beklagen." Zur Eröffnung der Spielzeit ist Röhrig in einer zweiten Inszenierung dabei, darin spielt er Albert Einstein. Mit Perücke? Na klar! Den Schnurrbart habe er ja selbst, aber bei der Kopfbehaarung müsse nachgeholfen werden.Die Potsdamer ziehen wieder los, mit dem Fahrrad zur Probebühne, mit dem Auto zur Intendanz, mit dem Transporter in die Kirche. Die logistische Mühe, die es braucht, um der Zerstreuung Herr zu werden, leisten sie mit Demut und Humor. Der Blick bleibt stoisch und fest auf die Eröffnung des neuen, eigenen Theaterhauses gerichtet.------------------------------Sieben Premieren in drei Wochen // Paulas Paul (Melanie Peter), R: Yücsel Yolcu - UA 21. OktoberLina (Markus Hille), R: Uwe Eric Laufenberg - UA 22. OktoberDie Hermannsschlacht (Heinrich von Kleist), R: Tobias Sosinka - 23. OktoberBedeutende Leute (Terry Johnson), R: Guntram Brattia - 29. OktoberKrieg und Frieden (Lew Tolstoi), R: Gisbert Jäkel - 30. OktoberHerz schlägt Tod (Colleen Murhy), R: Yücsel Yolcu - 5. NovemberWinterreise (Franz Schubert/Wilhelm Müller), R: Uwe Eric Laufenberg - 12. NovemberInformationen und Termine unter 0331-98 11 8 oderwww.hot.potsdam.de------------------------------Foto: Nicht aufgeben, die Illusion ist in Sichtweite - eine Szene aus "Lina".

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