Das hohe Gut Ruhe

Antje Lang-Lendorff
2 Min

Es gibt kaum einen Ort in Berlin, an dem die Ruhe so gut bewacht wird wie in der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz. Schon am Eingang hängen Handy-Verbots-Schilder. Wer sich doch einmal beim Telefonieren erwischen lässt, den schmeißt ein Stabi-Angestellter mit einem T-Shirt, auf dem "Bademeister" steht, auf der Stelle raus. Man soll hier ungestört lesen können.Das klappt nicht immer. Letztens, im Lesesaal: Frau A. sitzt neben einem älteren Herrn, der in seine Lektüre versunken ist. Der Kopf sinkt tiefer und tiefer ins Buch, der Mann beginnt zu schnarchen. "Krrr-rrr-ch-kr". Pause. "Krrr-rrr-ch". Was ist hier zu tun? Wecken und sagen: "Entschuldigung, Sie schnarchen"? Das wäre dem armen Mann sicher sehr peinlich. Den Bademeister rufen? Ist auch übertrieben."Krrr-kr-ch-kr-KRRRKRRKR." Das ist so laut, dass er davon selbst aufwacht. Benommen schaut er um sich. A. wirft ihm einen Blick zu, der bedeuten soll: Ja, ich habe das auch gehört. Der Mann setzt sich auf. Kurz darauf: "Krrr-rrr-ch-ch."A. geht erst mal einen Kaffee trinken. Als sie eine halbe Stunde später zurückkommt, ist der Mann weg. Dafür sitzt jetzt ein anderer da und motzt sie im Flüsterton an, sie könne nicht so lange weg sein und trotzdem ihren Platz besetzen. A. bleibt gelassen. Ein Choleriker als Nachbar hat einen entscheidenden Vorteil: Er schläft sicher nicht ein.

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