Die amerikanische Umgangssprache kennt eine schöne Wendung für Leute, die um jeden Preis cool sein und dazugehören wollen: "You try too hard, man" - "Du versuchst es zu verbissen." Vielleicht ist das Tom Strombergs Problem. Der neue Intendant des Hamburger Schauspielhauses versucht das fortzusetzen, was seinem Vorgänger Frank Baumbauer mit leichter Hand gelang und was Frank Castorf an der Berliner Volksbühne ebenso spielend und stilsicher immer noch gelingt: Das Theater zu einem hippen Ort jenseits der Pfeffersack-Kultur zu machen, auch junge Leute einzubinden, die Brücke zur Clubkultur und anderen innovativen Strömungen zu schlagen. Mit dem ersten Programm aus gewollt avantgardistischen Stücken schaffte es Stromberg binnen kurzem, Deutschlands größtes Haus weitgehend publikumsfrei zu spielen. Überreizte WebjunkiesMit einer Ausnahme: die "World Wide Web-Slums" von René Pollesch, eine Theater-Soap, die in sieben Folgen wöchentlich neu inszeniert wird, entwickelt sich zu einem gesellschaftlichen Event und ist jedes Mal ausverkauft. Das Stück handelt von überreizten Webjunkies, die schrill und assoziativ über Unbehagen und Unbehaustheit des modernen Menschen im Datenkosmos reden und zu Einsichten wie "Ein Computer ist kein Schreibtisch", "Eine coole Firma - das gibt es überhaupt nicht" oder "Das hält ja niemand aus, Kühlschränken beim Surfen zuzusehen" gelangen. Sätze, mit denen das junge urbane Publikum der Multimedia-Metropole etwas anzufangen weiß. Deshalb funktioniert das Stück und die Mundpropaganda auch.Die Verbindung von Theater und Internet scheint etwas zu sein, worauf Tom Stromberg nach allen Flops große Hoffnungen setzt. So müssen etwa auch im Titel der aktuellen Produktion "Struwwwelpeter" die obligaten drei "w" auftauchen, obwohl das Thema im Stück selbst nicht weiter vertieft wird. In der nächsten Spielzeit könnte es dann endlich auch "Die neuen Leiden des jungen www" geben - ein Stück über ein Start-up, das am Ende Konkurs anmelden muss.Theoretisch wäre dieses Stück dann auch nicht auf der großen Bühne zu sehen, sondern auf der "fünften Spielstätte" des deutschen Schauspielhauses. Die wurde kürzlich eröffnet, und zwar - wo sonst? - im Internet. Nicht mehr nur Spielplan abrufen und Karten bestellen: "Theater im virtuellen Raum" heißt die vollmundige Ankündigung, die es noch mit Inhalt zu füllen gilt. Die Scholz & Friends-Tochter n.a.s.a. 2.0 fungiert als Sponsor und hat den ästhetisch ansprechenden Webauftritt gebastelt. Bislang ist allerdings nur ein Videomitschnitt der jeweils aktuellen Folge der "World Wide Web-Slums" abrufbar, was als Erlebnis noch einmal weit hinter den Theaterübertragungen auf 3 Sat zurückbleibt. Ein theaterpädagogisch aufbereiteter Videorundgang durch die Spielstätten erinnert an Peter Lustigs lehrreiche Sendung "Löwenzahn". Und das "Foto des Tages" zeigt jeden Tag einen neuen und spannenden Aspekt des Hauses und seiner Bewohner. Lomografie in Eigenregie. Nun ja. Kettenroman im NetzIm Dezember startet dann noch ein "Kettenroman", der von Autor zu Autor weitergereicht wird. Ab Januar 2001 soll ein offener Schreibwettbewerb nach den Vorgaben der Dramaturgie dazukommen, der Gewinnertext wird vertont und online gestellt. Im Schreibtheater werden die Hausautoren Lucia Cajchanova, Rafael Spregelburd, René Pollesch und Lionel Spycher Stücke aus ihrer aktuellen Arbeit zur Diskussion stellen.Die Funktion des Gatekeepers will man sich bei alldem nicht nehmen lassen. "So lange das Theater ein denkendes Gebilde ist, sollten wir die Vorgaben machen, was hier geschieht", sagt Tom Stromberg: Allenfalls will man über Publikumsrezensionen die "Gatekeeperfunktion der Presse" ausschalten. Die Surfer als anonymer ChorDabei ist wohl etwas aus dem Blick geraten, dass das "Niederreißen der vierten Wand", wie Theater gern bezeichnet wird, durch den Intimitätsterror der unzähligen Webcam-Übertragungen längst vollzogen ist, dass andererseits gerade das Internet in unzähligen anonymen Chat-räumen neue Formen des theatralischen Austausches hervorge-bracht hat. Wer etwa in einem animierten Chat in die Haut eines Avatares schlüpft, um mit anderen Kunstfiguren zu interagieren, oder in einer m.u.d.-Umgebung mit anderen Bewohnern ein virtuelles Haus baut, partizipiert wahrscheinlich mehr am ursprünglichen Theatergedanken als jener, der sich einstündige Webcasts von Theateraufführungen im Streichholzschachtel-Format ansieht. Wie dagegen klassisches Theater unter Einbeziehung der Internet-Community aussehen könnte, demonstrierte in der vergangenen Woche der französische Regisseur und Schauspieler Yannick Bresson. Mit Unterstützung des Karlsruher ZKM brachte er seine Version des mittelalterlichen Stückes "Le Martyre de Saint Etienne" als Liveperformance mit TED-Beteiligung ins Netz. Das modern inszenierte Ein-Mann-Stück erzählt von der Steinigung des zum Tode verurteilten Märtyrers Saint Stephan. Das Ende steht von vornherein fest. Die Surfer bilden lediglich den anonymen Chor der Schaulustigen und können über bunte Buttons abstimmen, ob sie die Figur sympathisch, unsympathisch oder gleichgültig finden. Das wiederum beeinflusste die Art, wie Stephan alias Bresson die Rolle ausfüllte. Am Ende der Uraufführung hatten sich immerhin 76 Prozent der Zuschauer für "sympathisch" entschieden. Ein respektables Resultat angesichts des rudimentären Eindrucks von Stück und Schauspieler, den die Web-Übertragung vermittelte.Ganz andere Wege beschreitet derweil die Berliner Volksbühne, die sich in dieser Spielzeit ganz dem Technologiediskurs verschrieben hat und deren Dramaturg Carl Hagemann die Zerstörung des zentralistischen Blicks durch die neue Medientechnologie lobpreist. Auf der offiziellen Site, www. volksbühne-berlin.de, findet sich der ganz normale Spielplan-Service. Daneben gibt es die inofffizielle Site www.volksbuehne-ost.de, auf der Dramaturgen veranstalten, was nur Dramaturgen können: ausufernde Textmengen produzieren. Unter kryptischen Navigationskürzeln wie "rost", "lost", "kost" und "post" findet sich alles an Textmaterial, was bei der täglichen Dramaturgiearbeit an- und abfällt. Doch haben diese Textmengen wenigstens noch einen Vorteil für den interessierten Betrachter: Der benötigt, um sich das anzuschauen, weder die neusten Plug-ins noch eine Hochleistungs-Standleitung.Theater im Internet: www.schauspielhaus.de www.zkm.de www.e-toiler.com www.volksbuene-berlin.dewww.volksbuehne-ost.de"Das hält ja niemand aus, Kühlschränken beim Surfen zuzusehen. " Aus der Theater-Soap "World Wide Web-Slums" ARNO DECLAIR Überaus originell: Seifenblasen in der Seifenoper - und das auch noch online. Szene aus dem Stück "World Wide Web-Slum"
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