Hat schon mal jemand Resilienz von Ihnen verlangt? Manchen Leuten passiert das ständig. Fußballer haben resilient zu sein nach Gegentoren. Pflegende Angehörige angesichts von Sparplänen des Gesundheitsministers. Der Kanzler gegenüber 79 Prozent der Beliebtheitsbefragten.
Der Begriff stammt aus der Werkstoffkunde. Es geht um Körper, die sich unter Druck verformen, alsbald aber wieder in Fasson gelangen, als wäre ihnen nichts geschehen. Inzwischen wird Resilienz überwiegend von Menschen erwartet, oft bezogen auf Krisen, Katastrophen und Kriege. Der Ruf danach ist das gendergerechte „Echte Männer heulen nicht“. Immer hübsch elastisch bleiben. Krönchen richten, weiter geht’s.
Resilienz: Carsten Breuers Lieblingswort?
Wenn ich der Welt glauben darf, ist es eines von Carsten Breuers Lieblingswörtern. Das Nachrichtenportal berichtet über ein Bürgerforum mit dem ranghöchsten deutschen Soldaten. Der Bundeswehr-Generalinspekteur schilderte einen Besuch im ukrainischen Charkiw, unweit der Kampflinie. Dort habe er „gepflegte Parks, intakte Porsche-Schaufenster und volle Cafés gesehen“, auch wenn letztere „vor allem von jungen Frauen besucht waren statt von Männern, die an der Front kämpften“. Es gebe sogar – Flipper, Freund aller Kinder – ein Delfinarium. Von „Leuten in Charkiw“ überbrachte Breuer seinen Zuhörern die Botschaft: „Wir machen all das nicht trotz des Krieges – sondern der Krieg unterbricht ab und zu unsere Normalität.“ Sein Fazit: „Das ist, glaube ich, Resilienz.“
Normalität. Unterbrochen. Ab und zu. Krieg kommt und verschwindet. Wie Werbeblöcke auf Amazon Prime. Regenschauer beim Grillfest. „Lebbe geht weider.“ In Breuers Publikum saßen viele Gymnasiasten. Projektwoche „Krieg und Frieden“. Mag sein, dass der General ihnen vom zivilen Überlebenswillen erzählen wollte. Vom Ringen um eine Art Alltag. Ob sie ihn auch so verstanden?
Ältere Herren reden von Schutt und Asche
Als ich Teenager war, sprachen ältere Herren anders über Krieg. Sie redeten von Schutt, Asche und absolutem Grauen. Sie redeten über zerfetzte Kaldaunen, zitternde Heimkehrer, wimmernde Witwen und Waisen. Sie machten meinesgleichen zu weichgespülten Winselutschkis. Die Resilienz war wohl noch nicht erfunden. Stattdessen Schauergeschichten über verwüstete Körper und Seelen. Ohne jeden Sinn für die – nur unterbrochene – Normalität. Warum wurden im Stalingrad-Kontext kaum je schnittige Autos und kecke Mädels in Cafés erwähnt? Das Kranzler am Kudamm war doch bis April 1945 geöffnet. Okay, es gab keine Delfine im Berliner Zoo. Gibt es in Charkiw aber auch nicht mehr. Man hat die Anlage längst geschlossen und alle Insassen evakuiert.
Als ich Teenager war, wurde mir „Nie wieder!“ eingebimst. Es hieß, der nächste große Waffengang wäre der allerletzte. Er sei unter allen Umständen zu verhindern. Man dürfe sich nicht mal an seine Möglichkeit gewöhnen. Albert Einstein sagte, er wisse nicht, mit welchen Waffen ein dritter Weltkrieg geführt werde. Aber der vierte gewiss mit Stöcken und Steinen. Meine Güte, diese Typen waren echt schreckhaft. Voller kriegsfeindlicher Vorurteile. „Ich singe aus Angst vor dem Dunkel mein Lied / Und hoffe, dass nichts geschieht“, barmte Nicole in „Ein bisschen Frieden“. Heute wäre das Defätismus.
„Hitler“? „KZ“? „Ethnische Säuberung“? – Wehret den Anfängervergleichen!
Denunziatorischer Gesinnungstest: Ein Brief wie eine Dschungelprüfung
Deutschland bereitet sich operationsplanmäßig auf seine Rolle als Nachschubdrehscheibe vor. Muss ich auseinanderposamentieren, was sich daraus ergeben dürfte? Wollen wir tatsächlich detailliert darüber reden? Nein, das wollen wir selbstverständlich nicht. Was machte das denn für einen Eindruck? Gerade auf die Jugend, deren Kampfmoral gefragt ist wie seit Menschengedenken nicht. Wir wollen uns doch den Herausforderungen der gewendeten Zeit stellen. Ein bisschen Krieg sollte eine resiliente Nation schon wegstecken können. Womöglich wirken ja dann sogar Berliner Parks wieder gepflegter.
Außerdem startet, wenn der Vater aller Dinge sein Werk getan hat, wahrscheinlich wieder ein Wirtschaftswunder. Männer kehren aus Gräben und Löchern zurück, holen Frauen aus Cafés ab, gönnen sich vom angesparten Sold den 911 Carrera Cabrio aus dem Schaufenster, brettern damit gen Delfinarium und johlen in den Fahrtwind: „Flipper ist unser bester Freund. Lustig wird’s immer, wenn er erscheint.“
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