Mancher Bau kann am besten beurteilt werden, wenn er noch nicht fertig ist, keine Fassadendekoration die Konstruktion verfälscht. Andere, wie das neue Berliner Kanzleramt, brauchen den letzten Schliff, um verständlich zu werden; erst die Details bringen den Bau zum Leben - und seien es einige Bäume oder ein Segeltuch über dem Eingang. 1993 überzeugten die kantig gezeichneten Pläne und abstrakten Modelle von Axel Schultes und Charlotte Frank erst die Fachleute, dann die Presse und schließlich Helmut Kohl, trotz aller Bedenken noch einmal das Wagnis einer deutschen Staatsarchitektur im monumentalen Maßstab einzugehen. Vor allem ihre zwar strenge, doch - damals noch - asymmetrische Struktur, die auf den Reichstag als eigentlichen Sitz der Macht hinweisen sollte, beeindruckten. Die volksnahen Qualitäten der Bonner Staatsarchitektur schienen sich hier zu vermählen mit neuer Repräsentationslust. Der seit dem 2. Februar 1997 aufwachsende Rohbau hingegen erschreckte das Publikum: Solche Baumassen hatte man sich im idyllischen Spreebogen nicht gewünscht, sie erinnerten an Hitlers Visionen von einer Welthauptstadt Germania. Das Kanzleramt und das gegenüber stehende Haus der Abgeordneten von Stefan Braunfels schienen zur Festung zu werden. Auch die Größenvergleiche schockieren eine Nation, die an bescheidene Staatsrepräsentation gewöhnt ist: Die größte Regierungszentrale der Welt ist viermal größer als das Weiße Haus. Downing Street 10 oder das Haus des niederländischen Premiers könnten bequem in den Seitenflügeln Platz finden. Altersgrößenwahn Kohls wurde vermutet, der Architekt des Proportionsbruchs beschuldigt. Als die Skulptur "Berlin" von Chillida im Ehrenhof aufgestellt wurde und sich darin verlor, hatte man die Bestätigung für den Zweifel. Wie sich der Bau zum heutigen Einzug des Kanzlers präsentierten würde, zeigte sich zuerst im März. Damals wurden bei den ersten öffentlichen Besichtigungen die Raumwunder deutlich, die trotz der beklagenswerten Ausführungsfehler - die eine Schande für die deutsche Bauwirtschaft sind - entstanden. Opulente Treppen und Säle öffnen sich unter geschwungenen Decken, Terrassen und intime Rückzugsräume verbinden sich zum Organismus; die "Skylobby" im obersten Stock wurde erkennbar als Treffpunkt, als Ort für das Pausengespräch, den Imbiss des Kanzlers, für Konzerte und Lesungen. Zwar wirken die Fassaden vor allem aus der Distanz immer noch ungeschlacht - trotz ihrer vielen Schichten aus Stein und Glas, der aufgeklappten Teile, der vor ihnen schwingenden Stelen oder der von zarten Säulen getragenen Galerie im südlichen Seitenflügel, trotz aller Öffnungen, Löcher und Schlitze in den großen Wandscheiben; man kann an vielen Stellen durch das ganze Haus hindurchsehen. Das sind architektonische Signale, die bisher für die Bonner Bundesbauten und ihren Demokratieanspruch standen. Doch sie werden übertönt durch die Wandmassen, die prägend blieben für die Kritik.Tatsächlich hat sich trotz der zunehmenden Detaillierung vor allem der Eindruck der langen Seitenflügel kaum geändert. Sie wirken weniger durch die Höhe von 18 Metern so gewaltig - das ist die Traufhöhe der Berliner Mietshäuser - als vielmehr durch den sturen Takt von Wintergärten und Bürotrakten. Um dem zu begegnen, müssen die Bäume an der Willy-Brandt-Straße Nr. 1 noch kräftig wachsen. Denn gemeinsam mit dem noch härteren Takt des Abgeordnetenhauses deklassiert das "Bundesband" städtebaulich den Reichstag mit seiner funkelnden Kuppel. Das große Gewicht des Regierungschefs ist zwar in der deutschen Verfassung festgeschrieben - doch bisher versuchte die Bundesrepublik, die Form zu wahren: Entscheidend ist das Parlament, ausführend der Kanzler. Der einstige Bundestag in Bonn ist ein berückendes Kunstwerk, das dortige einstige Kanzleramt wurde hingegen zu Recht mit einer rheinischen Sparkasse verglichen.Das neue Kanzleramt symbolisiert ein anderes Machtverhältnis: Hier sitzt der Herrscher in seinem Turm, dort das in folgsame Fraktionen zersplitterte Parlament, dem das Volk aufs Haupt steigen darf. Auch aus symbolischen Gründen ist also dringend die Proportionierung des Kanzleramtes notwendig. Aber es ist nicht der Bau, den man ändern sollte - allenfalls die Skulptur Chillidas gehört gerettet aus dem Ehrenhof -, sondern die Umgebung. Die platte Symbolik des Ost und West verbindenden Bundesbandes muss gebrochen werden. Die kleine Schweizer Botschaft, geschlagen mit einem der brutalsten Anbauten der jüngeren Berliner Architekturgeschichte, genügt nicht als Proportionsgeber. Das von Schultes gewünschte "Forum des Volkes" zwischen dem Abgeordnetenbau und dem Kanzleramt würde mit Sicherheit nur eine gescheiterte Forumskonzeption mehr in Berlin: Wer soll hier schon flanieren und debattieren? Die Konsequenz muss sein, dass im Spreebogen nördlich des Bundesbandes das einstige Alsenviertel wieder aufgebaut wird, mit Wohnungen und Geschäften. Nur durch die Normalität des Alltags könnte sich die städtebauliche Staatsvergottung mildern. Welche Wunder die Proportionierung wirken kann, ist im Ehrenhof zu sehen. Hier zeigt sich die ganze Qualität von Schultes und Franks Arbeit. Der Naturstein schimmert warm im Frühsommerlicht, selbst die unsauber gearbeiteten Betonfassaden der Seitenflügel erscheinen gemildert, und das jetzt endlich gespannte Segeltuch über dem Haupteingang bringt eine luftig-heitere Note in die Architektur. Erst dieses Element, das so zufällig wirkt, belebt das Schattenspiel der Pfeiler und der Stelen, auf denen jetzt die Bäume - etwas pinselig wirkende Felsenbirnen - blühen.Dieser Vorraum zur Macht erinnert in vielem an die Repräsentationslust des Barock. Zwar steht im mageren Protokoll der Bundesrepublik der Kanzler keineswegs an herausgehobener Stelle: Er empfängt etwa Präsidenten nur dann, wenn diese auch gleichzeitig Regierungschefs sind. Sonst findet das Protokoll seinen Platz in Schloss Bellevue. Doch auch im Kanzleramt müssen kleine Paraden abgeschritten werden können, und das erfordert trotz organisch geschwungener Rasenflecken etwas starre Disziplin. Sie erzwang nach und nach auch die Veränderung des Ursprungsentwurfes: Schultes und Franks Architektur ist immer axialer und straffer geraten - geplant war zunächst eine diagonale Teilung des Grundrisses und ein lockeres Arrangement der Räume. Jetzt sitzt der Veranstaltungssaal in der Mitte, die Treppen laufen gerade. Die neue Symmetrie, die großen Formen erlauben nun eine wahrhaft fürstliche Repräsentation - für die es aber noch kein Zeremoniell gibt. Es wird sich entwickeln."Das Haus ist weich, ein Fest der Räumlichkeit, ein Angebot der Befreiung." Axel Schultes BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING An vielen Stellen kann man durchs Kanzleramt durchgucken.
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