Selten sorgte eine Entscheidung des US-Repräsentantenhauses für so viel geopolitisches Aufsehen, wie die jüngste Verurteilung des "Genozids an den Armeniern". Mit 27 zu 21 Stimmen erklärten die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses, dass der Tod von 1,5 Millionen Armeniern im Jahre 1915 ein Völkermord der ottomanischen Herrscher war und verärgerten damit die Türkei. Es kam zu Demonstrationen in Ankara. Der türkische Präsident nannte die Resolution inakzeptabel und warf amerikanischen Gesetzgebern vor, eine wichtige Beziehung für "kleine innenpolitische Erfolge" zu opfern.Ohne Umschweife machte er klar, dass die Resolution den US-Interessen nicht dienlich sei - was in Washington als klare Warnung verstanden wurde. 70 Prozent der Luft-Versorgung der US-Truppen in Irak läuft über die Türkei. Die USA nutzen die Nato-Luftwaffen-Basis Incirlik für ihre Transportflüge und außerdem bringen türkische Lastwagen täglich Vorräte für die US-Armee in den Irak.Mit ihrer Drohung hat die Regierung in Ankara signalisiert, dass sie bereit ist, dieses Arrangement zu beenden, was die schon angeschlagenen Beziehungen zu Washington noch verschlechtern würde. Wie angeschlagen die Beziehung ist, hat man in den USA spätestens erkannt, als türkische Panzer jüngst kurdische Dörfer im Norden Iraks beschossen. Es gibt keinen Zweifel, dass die Türkei eine Dreiteilung Iraks und damit ein kurdisches Gebiet an ihrer Grenze nicht akzeptieren will. Die Möglichkeit einer Teilung aber wird ernsthaft in Washington debattiert.Die Regierung von US-Präsident Bush setzt nun alles daran, die Wogen zu glätten. Noch vor der Verabschiedung der Resolution hatte Bush versucht, mit Versprechungen die Abgeordneten auf seine Seite zu ziehen. Ohne Erfolg. Dann haben Bush, Außenministerin Rice und Verteidigungsminister Gates die Resolution verurteilt und den ehemaligen US-Botschafter in Ankara und heutigen dritten Mann im Pentagon, Eric Edelman, zu Gesprächen in die Türkei entsandt.Doch wie es mit der Resolution im Kongress weitergeht, liegt nicht im Ermessen des Weißen Hauses. In den kommenden Wochen wird der Kampf über die Unterzeichnung durch den Gesamt-Kongress und möglicherweise später auch den Senat von Lobbyisten entschieden werden. Neben der Bush-Regierung wird auch die türkische Regierung versuchen, Einfluss auf die Abgeordneten zu nehmen. Dafür hat Ankara wichtige Lobby-Firmen und einflussreiche Alt-Politiker auf beiden Seiten des politischen Spektrums beauftragt.Dem entgegen steht jene armenische Gruppe, die seit Jahren darum kämpft, eine Resolution zur Verurteilung des Völkermords durchzusetzen. Ihr treuester Verbündeter ist der kalifornische Abgeordnete Andrew Schiff, der in seinem Wahlkreis die größte Gruppe der rund 1,5 Millionen in den USA lebenden Armenier vertritt. Dass Schiff in dieser Legislaturperiode endlich Erfolg hat, verdankt er Nancy Pelosi, der demokratischen Sprecherin des Repräsentantenhauses, die fest auf seiner Seite steht.Gemessen an den möglichen Konsequenzen für die US-Besatzung in Irak ist fraglich, ob Pelosi allein das Interesse der Armenier im Auge hat, oder doch der Bush-Regierung eine Niederlage beibringen will. Kommentatoren auf beiden Seiten verstanden nicht, warum sich amerikanische Parlamentarier dazu berufen fühlen, ein fast hundert Jahre altes Ereignis historisch einzuordnen und damit einen der wichtigsten Alliierten zu verärgern. Selbst Demokraten, wie der ehemalige Sicherheitsberater Zbiginew Brzezenski - ein Kritiker der Irak-Invasion -, verurteilen die Armenien-Resolution als kontraproduktiv und eine Gefahr für US-Soldaten in Irak.
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