Es macht Gänsehaut, wenn die Pferde durch den Ring des Landgestüts Redefin donnern. Erst recht, wenn auf ihrem Rücken auch noch Reiter sitzen, die sie zu dieser Geschwindigkeit antreiben. Oder sogar dabei noch auf einem Pferderücken Kunststücke machen. Das alles war am letzten Augustwochenende in dem kleinen Ort im Landkreis Ludwigslust-Parchim zu erleben.
4700 Menschen kamen zu den Redefiner Pferdetagen 2026. Zwei Tage lang verband das Programm Pferdezucht und Reitkunst mit historischen Darstellungen, Musik, Unterhaltung und Angeboten für Familien.
Eine der Comanchenreiterinnen, die aus dem mecklenburgischen Neu Poserin bei Goldberg zu Gast waren.
© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine
Zu sehen waren vertraute Klassiker wie die Ungarische Post, die Kutschenquadrille, die Römerwagen und die Lützower Jäger. Letztere gelten als Markenzeichen der Zucht in Redefin. Mit dem Schaubild erinnert das 1812 gegründete Landgestüt bis heute an die Befreiungskriege gegen Napoleon und ehrt die historische Rolle der mecklenburgischen Reiter und Pferde in jener Zeit.
Pferdetage 2026 auf ein Wochenende reduziert
Das Landespolizeiorchester lieferte die Begleitmusik für die Shows. Gastgruppen präsentierten Schaubilder mit Haflingern und Shetlandponys. Beeindruckende Barockreiter zeigten ihr Können, Gäste aus Böhmen präsentierten vor Kutschen Schimmel und Rappen, die ausschließlich für die europäischen Höfe gehalten werden. Für Kinder gab es zusätzliche Programmpunkte. Das Los der traditionellen Ponyverlosung fiel ausgerechnet auf die Sängerin des Landespolizeiorchesters, die ihr Glück zusammen mit ihrer kleinen Tochter kaum fassen konnte.
Pferde, Tradition und Zukunftsfragen: Redefin lädt zu den Pferdetagen 2026
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Die traditionsreiche Veranstaltung öffnet sich zunehmend einem Publikum, das nicht zur engeren Pferdesportszene gehört. „Das Format wurde ja von meinem Vorgänger Christoph Seite nach der Coronazeit verändert“, erklärt Matthias Munz, Geschäftsführer des Gestüts unter der Regie des Landes. „Seitdem heißt es nicht mehr Redefiner Hengstparaden, sondern Redefiner Pferdetage.“ Die Umbenennung steht für eine inhaltliche Erweiterung. Neben der Präsentation der eigenen Hengste nehmen Gastauftritte, touristische Angebote und das Familienprogramm heute einen größeren Raum ein.
In diesem Jahr konzentrierte das Gestüt die Schau erstmals auf nur ein Wochenende. „Wir haben in diesem Jahr die Veranstaltung auf zwei Tage reduziert, vorher gab es noch ein zweites Wochenende. Die Verkürzung hat sich bewährt, wir hatten 4700 Gäste und höhere Umsätze generiert, doch weniger Ausgaben.“ Für den Landesbetrieb mit 40 Mitarbeitern ist das nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine wirtschaftliche Frage. Große Pferdeschauen erfordern lange Vorbereitungen, viele Helfer und einen erheblichen technischen Aufwand.
Redefin: Ein Zehnspänner.
© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine
Dass eine kompaktere Veranstaltung mehr Einnahmen bei geringeren Kosten ermöglichen kann, ist deshalb für Munz ein wichtiges Ergebnis. Die Pferdetage sind das große Schaufenster des Gestüts – sie müssen sich aber in einen Betrieb einfügen, dessen Aufgaben das ganze Jahr hindurch weit über die Veranstaltungen hinausgehen.
Redefin: Seit 1710 im Dienst der Pferdezucht
Wer Redefin zum ersten Mal besucht, trifft auf eine für Norddeutschland außergewöhnliche Anlage. Klassizistische Stallgebäude, Reithallen, Wohn- und Wirtschaftsgebäude gruppieren sich zu einem denkmalgeschützten Ensemble. Die Geschichte der Pferdehaltung an diesem Ort reicht bis an den Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. Bereits 1710 bestand in Redefin ein landesherrschaftliches Gestüt, das den Marstall des Schweriner Herzoghauses mit Pferden versorgte.
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Als eigentliches Gründungsjahr des Landgestüts gilt 1812. Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin ließ es einrichten, um die Pferdezucht im Land planmäßig zu verbessern. Ausgewählte Hengste sollten nicht allein am Gestüt selbst eingesetzt, sondern auf Deckstationen in Mecklenburg verteilt werden. Schon 1817 standen 20 Hengste an mehreren Orten zwischen Lübz, Schwerin, Rehna, Doberan und Grevesmühlen. Bis 1840 wuchs das Netz auf 26 Stationen mit 134 Hengsten.
Die Entwicklung verlief nicht geradlinig. Züchter experimentierten mit englischem Vollblut und später mit Kaltblütern, mussten Zuchtziele korrigieren und die Tiere immer wieder an neue wirtschaftliche Anforderungen anpassen. Vor dem Ersten Weltkrieg verfügte Redefin über mehr als 140 sogenannte Beschäler – also Zuchthengste. Nach dem Krieg, mit der beginnenden Technisierung der Landwirtschaft und während der Weltwirtschaftskrise, ging die Nachfrage deutlich zurück.
Das Gestüt Kladruby aus Böhmen war ebenfalls zu Gast, dort werden nur Schimmel und Rappen für die europäischen Höfe gezüchtet.
© Sven Först
Nach 1945 wurden zunächst wieder viele Arbeitspferde benötigt. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft und der Bildung landwirtschaftlicher Genossenschaften verlor das Pferd jedoch auch in der DDR zunehmend seine frühere Rolle als unverzichtbare Arbeitskraft. Redefin reagierte darauf mit einer stärkeren Ausrichtung auf Reitpferde, Sport, Ausbildung und Tourismus. Seit 1951 war das Gestüt für die staatliche Hengsthaltung in Mecklenburg und Vorpommern zuständig.
Nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm das Land Mecklenburg-Vorpommern die Anlage 1993. In den folgenden Jahren flossen erhebliche öffentliche Mittel in die Sanierung. Von 2009 bis 2015 wurden sämtliche Gebäude des denkmalgeschützten Ensembles erneuert und wieder nutzbar gemacht. Heute gehört Redefin zu den bedeutenden historischen Gestütsanlagen Deutschlands.
Das Los der traditionellen Ponyverlosung fiel ausgerechnet auf die Sängerin des Landespolizeiorchesters (2. v. l.), die ihr Glück zusammen mit ihrer kleinen Tochter kaum fassen konnte.
© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine
Pferdezucht, Ausbildung und Tourismus
Die Arbeit ruht auf drei Säulen. Die erste ist die Hengsthaltung. Das Gestüt stellt Züchtern ausgewählte Hengste zur Verfügung, betreibt eine EU-Besamungsstation, wirkt an Leistungsprüfungen mit und bildet Pferde für Sport und Freizeit aus. Der Bestand umfasst nach Angaben des Gestüts 25 aktive Landbeschäler. Die ursprüngliche Aufgabe von 1812 ist damit in moderner Form bis heute erhalten geblieben.
Die zweite Säule ist die Ausbildung. Redefin unterhält von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung anerkannte Fachschulen für Reiten und Fahren. Hier werden unter anderem Pferdewirte ausgebildet, Prüfungen durchgeführt und angehende Trainer qualifiziert. Neben Angeboten für Profis gibt es Lehrgänge für Amateure. Auch die schonende Ausbildung der Pferde selbst gehört zum Auftrag.
Die Lützower Jäger sind das Markenzeichen des Landgestüts Redefin – hier bei der Rückkehr von der Vorführung bei den Redefiner Pferdetagen 2026 in die denkmalgeschützten Stallungen des deutschlandweit einzigartigen Gestütsensembles.
© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine
Die dritte Säule bilden Tourismus und Veranstaltungen. Gestütsführungen, Kutschfahrten, Turniere, Konzerte, Ausstellungen und die Pferdetage sollen das Gelände einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Zugleich tragen sie dazu bei, die historische Anlage zu beleben und Einnahmen zu erzielen. Das Gestüt verbindet damit Tierzucht, Bildung und Sport mit Denkmalschutz, Kultur und regionalem Tourismus.
Gerade diese ungewöhnliche Mischung erklärt, weshalb Diskussionen über seine Zukunft weit über die Pferdebranche hinaus Aufmerksamkeit fanden. Das Landgestüt benötigt öffentliche Zuschüsse. Angesichts des finanziellen Drucks ließ die Landesregierung deshalb prüfen, ob ein privater Betreiber die Anlage führen könnte, während das Land Eigentümer bleiben würde.
Redefin: Der berittene Fanfarenzug des Landgestüts
© Sven Först
Das Vorhaben löste heftigen Widerstand aus. Kritiker aus Pferdesport, Kommunalpolitik und Bevölkerung warnten vor einem „Ausverkauf“. Sie befürchteten höhere Eintritts- und Ausbildungspreise, einen eingeschränkten Zugang zum Gelände sowie eine stärkere Orientierung an möglichst profitablen Veranstaltungen. Zwei Online-Petitionen sammelten Tausende Unterstützer. Ihre zentrale Forderung lautete, Redefin müsse als öffentliches Kultur- und Ausbildungsgut in der Verantwortung des Landes bleiben.
Im November 2025 wurde die geplante Übergabe an einen privaten Gesamtbetreiber gestoppt. Stattdessen sollen Kooperationen und andere Möglichkeiten geprüft werden, um den Betrieb wirtschaftlich zu stabilisieren. Die Grundfrage bleibt bestehen: Wie lassen sich öffentliche Aufgaben, bezahlbare Angebote und der Erhalt eines großen Denkmalensembles dauerhaft finanzieren?
Landesregierung bekennt sich zum Landgestüt Redefin
Umso größere Bedeutung hatte für Matthias Munz und seine Kollegen der Besuch von Landwirtschaftsminister Till Backhaus am Sonnabend. Der Geschäftsführer zeigt sich froh darüber, dass der SPD-Politiker dabei sein Bekenntnis zur Erhaltung des Landgestüts in der Hand des Landes erneuerte. Für die Beschäftigten und die Region ist das ein wichtiges Signal, auch wenn damit noch nicht jede wirtschaftliche Frage beantwortet ist.
Bernsteinreiter an der Ostsee: Yellowstone für die ganze Familie
Die gerade abgeschlossenen Pferdetage haben gezeigt, dass das Landgestüt Redefin immer noch ein großes Potenzial besitzt und viele Gäste anziehen kann. Die 4700 Besucher am vergangenen Augustwochenende erlebten eine Anlage, in der die Geschichte nicht nur in alten Mauern bewahrt, sondern mit Pferden, Kutschen und Reitern sichtbar gemacht wird. Der Erfolg des kompakten Veranstaltungsformats kann zur Stabilisierung beitragen. Er ersetzt jedoch kein langfristiges Konzept.
Redefin ist zugleich Zuchtbetrieb, Berufsschule, Sportstätte, Ausflugsziel und Denkmal. Gerade deshalb lässt es sich kaum wie ein gewöhnliches Unternehmen betrachten. Seine Zukunft wird davon abhängen, ob es gelingt, diese öffentliche Bedeutung mit wirtschaftlich geschickten Entscheidungen zu verbinden – ohne dabei den Charakter zu verlieren, der das Landgestüt seit mehr als zwei Jahrhunderten prägt.
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