Das Unbehagen im Iran nimmt zu

Martina Doering
3 Min

Vier harte Jahre liegen vor dem Iran - falls Mahmud Ahmadinedschad nicht vorzeitig aus dem Amt scheiden sollte. Gestern wurde der alte und neue Präsident des Landes vor dem Parlament vereidigt, nachdem der oberste Führer Ali Chamenei am Montag den umstrittenen Wahlsieg Ahmadinedschads in einer offiziellen Zeremonie bestätigt hatte. Das Parlament war während der Vereidigung von Hundertschaften der Polizei umstellt. Dieses martialische Aufgebot demonstrierte unübersehbar, in welch gespannte Lage Ahmadinedschad und der konservative Klerus das Land manövriert haben.In seiner Antrittsrede offenbarte Ahmadinedschad, welche Schwerpunkte er in seiner zweiten Amtszeit setzen will. Er versicherte erneut, dass er gegen Korruption und Arbeitslosigkeit kämpfen wolle. Er appellierte an die Iraner, dass sie sich an der Hand fassen und einig sein sollten. Er werde keine Mühe scheuen, um das System der Islamischen Revolution zu bewahren, versicherte er an die Opposition gewandt. An das Ausland gerichtet sagte er mit leicht drohendem Unterton, dass er alles tun werde, um die Grenzen des Iran zu schützen.Ahmadinedschad verzichtete dieses Mal auf wüste Beschimpfungen Amerikas, Großbritanniens oder Israels. Doch die Konfrontation zwischen dem Iran und dem westlichen Ausland wird sich verschärfen. Dass der Iran im Nuklearstreit einlenken würde, wäre auch unter einem Präsidenten Mir Hussein Mussawi wenig wahrscheinlich gewesen. Mit Ahmadinedschad an der Spitze ist ein solches Zurückweichen undenkbar. Sturheit im Atomkonflikt plus die Person Ahmadinedschad verhindern, dass US-Präsident Barack Obama auf den Iran zugehen und neue Gesprächsangebote machen kann. Der US-Kongress hatte die Verabschiedung neuer Sanktionen auf die Zeit nach der Wahl verschoben - und wird sie wohl demnächst verabschieden. In Israel wiederum vergeht fast kein Tag, an dem nicht über Angriffsszenarien auf Atomanlagen im Iran spekuliert wird.Druck und Drohungen treffen ein Land, dessen Volk und dessen Führung zerrissen sind. Das System wird zwar von den wenigsten in Frage gestellt. Doch eine Kluft hat sich aufgetan. Auf der einen Seite stehen die Modernisierer, die die Religion aus dem politischen und administrativen Alltag heraushalten wollen - weil sie Schaden nimmt und dort nichts zu suchen hat. Auf der anderen Seite stehen jene, die das System, so wie es ist, bewahren und die Zügel sogar noch anziehen wollen. Denn alle Probleme würden nur darin wurzeln, dass die religiösen Regeln nicht oder zu wenig beachtet würden. Diese Kluft geht durch das Volk und - wie die Unruhen der letzten Wochen zeigten - auch durch die politische und geistliche Führung.Seltsame Allianzen haben sich in den letzten Wochen gebildet. Alte Feindschaften sind aufgebrochen. Neue Abhängigkeiten haben sich entwickelt. So scheint längst nicht mehr sicher, ob der von den mächtigen Revolutionsgarden gestützte Ahmadinedschad von seinem Ziehvater Chamenei abhängt - oder umgekehrt.Das islamische System war zu keiner Zeit seit der Wahl am 12. Juni in Gefahr. Aber das Unbehagen wird nicht verschwinden, wird sich weiter im Internet, in den privaten Gesprächen und öffentlichen Protestaktionen niederschlagen. Auch die islamische Revolution brauchte Jahre bis zu jenem Tag, an dem der Schah stürzte.

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