Das Sommerloch ist vorbei. Und zwar nicht geräuschlos. Der Berliner Wahlsonntag wirkte wie ein Gongschlag, eine politische Aufweckkur für all jene, die es sich in der vermeintlichen Stabilität der Mitte bequem gemacht hatten. Die Linke ist stärkste Kraft geworden, die bisher regierenden Parteien CDU und SPD haben deutlich verloren. Wer darin eine Abstrafung der politischen Mitte erkennt, findet jedenfalls reichlich Anschauungsmaterial.
Noch vor wenigen Wochen ließ sich über das langsame Abschmelzen des liberal-konservativen Milieus räsonieren wie über ein entferntes klimatologisches Phänomen. Nun ist aus der Wetterbeobachtung ein Unwetterbericht geworden. Die Eisscholle, auf der das bürgerliche Walross bislang einigermaßen selbstzufrieden ruhte, hat einen weiteren kräftigen Riss bekommen.
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Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob die politische Mitte schrumpft. Sondern warum sie offenbar immer weniger Menschen davon überzeugen kann, dass ausgerechnet sie noch für Sicherheit, Wohlstand und gesellschaftlichen Ausgleich steht.
Bei steigenden Außentemperaturen – um doch noch einmal mit dem Wetter zu beginnen – liegen politische Metaphern nahe, die biotopische Veränderungen beschreiben. Pegelstände sinken, Habitate trocknen aus, Nahrungsketten werden prekär. Erinnert dies nicht an die Verhältnisse im politischen Berlin?
Das Sommerloch glich in diesem Jahr ohnehin einem vulkanischen Schlund. Feuerwalzen in Südeuropa, Hitze-Tsunamis bei fehlender Klimaanlage, obendrein der frappierende Kontrollverlust an den europäischen Außengrenzen. Als Flashmob Checkpoints stürmen – das könnte auch zukünftig zur sportlichen Herausforderung werden. Die innere Sicherheit leidet massiv, wenn neuerdings Küchenmesser und Kleintransporter zu Mordwaffen umgewidmet werden. Eine diffuse Empfindung der eigenen Bedrohung kommt hinzu. Angstumkehr wiederum führt zu präventiver Aggression. Ressentiment und Misstrauen prägen immer stärker den gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Umgang.
Elektronische Fußfesseln werden nichts daran ändern, dass in so manch religiös verstrahltem Hirn fanatische Gewaltfantasien brodeln. Verdrehte Welt: Gefährlich zu leben ist nicht mehr das selbstgewählte Los romantischer Abenteurer, sondern bürgerlicher Alltag geworden. Die Bürger sind berechtigterweise empört, schließlich wollten sie als notorische Konformisten bislang doch jedes eigene Lebensrisiko meiden. Statt gepflegter Langeweile auf der eigenen Parzelle macht sich nun Paranoia breit. Der Streit um die Frage, ob die deutsche Migrationspolitik als moralische Großtat oder gesellschaftlicher Suizidversuch zu werten sei, ist wieder voll entflammt.
Was immer die linke Refugees-Pythia orakeln mag, es ist eben nicht normal, sich fremd im eigenen Land zu fühlen. Die dauerhafte Überstrapazierung der Gesellschaft in ihrem sensibelsten Bereich, der inneren Sicherheit nämlich, ist nur noch als zivilisatorische Auflösungstendenz zu begreifen. Die naiven Irrtümer der Migrationspolitik, so könnte man sagen, kochen jetzt unerbittlich hoch. Die Suppe löffelt die Gesellschaft aus – und verbrennt sich dabei die Zunge. Das tut weh.
Das Ende von Normalität
Momentan wird der Begriff der gesellschaftlichen Normalität neu ausbuchstabiert. Vielleicht kann man Normalität nur noch im Negativen als Pathologie umschreiben – unbestreitbar jedoch ist das Verrutschen ins Extreme. Ein paar Momentaufnahmen aus der kaputten Hauptstadt der Republik: Normal sind Ganzkörpertattoos, synthetische Drogen, Polyamorie und Genderfluidität; abnorm sind bürgerliche Umgangsformen, ironische Selbstreflexion und geistige Distanz. Normal sind Analphabetismus, Bildungsabbrüche und der Empfang von generationsübergreifenden Transferleistungen; abnorm sind Eigeninitiative, Sublimation und Frustrationstoleranz.
Die Verhältnisse werden einfach auf den Kopf gestellt – auch im wirtschaftlichen Sinn. Ein Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell, welches im Grunde auf transparenter Leistung und angemessener Gratifikation fußt, erweist sich immer mehr als porös und illusionär. Soziale Marktwirtschaft? Womöglich ein Konzept der goldenen Vergangenheit, welches längst von der Realität unterspült wird.
Der grundlegende Gedanke solidarischer Fairness jedenfalls ist vollständig verloren gegangen. Viele Menschen können von dem Erlös ihrer Arbeit nicht mehr existieren. Andere wiederum müssen erst ihren Vermögensberater konsultieren, um sich einen Überblick über ihre Einkünfte zu verschaffen. Nicht alle quittieren das Auseinanderdriften der Gesellschaft mit einem Achselzucken.
Angesichts der umfassenden gesellschaftlichen Transformation ist es wenig überraschend, dass auch die weltanschauliche Orientierungsfunktion von Kirchen und Gewerkschaften bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Diese ideologischen Großformationen, manche vielfach und tief diskreditiert, haben den Zenit ihrer Gestaltungsmöglichkeiten überschritten.
Doch was ist eigentlich aus der politischen und gesellschaftlichen Mitte, dem liberal-konservativen Lager geworden?
Treffen der Wahlverlierer: SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach (l.) begrüßt CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers nach der Berlin-Wahl am 20. September 2026 vor einer TV-Runde in Berlin.
© RALF HIRSCHBERGER
Zu viele Verlierer
Die bürgerliche Mitte, einst Garant einer breiten Machtbasis, von der Helmut Kohl und Angela Merkel gleichermaßen profitierten, ist vom politischen Klimawandel in besonderem Maße betroffen. Sie welkt dahin, nicht nur in Deutschland, und ein Ende dieser Entwicklung ist gar nicht abzusehen.
Der politische Fußabdruck von gemäßigt-konservativen und liberalen Parteien bildet heute bestenfalls noch ein Viertel der Wahlbevölkerung ab. Soziologen dürften über den Befund wenig überrascht sein. Liberal und konservativ zu sein ist sowohl eine ideologische als auch eine ökonomische Zuschreibung. Direkt gesagt: Ein Viertel der Bevölkerung sieht sich selbst in Krisenzeiten auf der wirtschaftlichen und moralischen Gewinnerseite und hat keinerlei Anlass, an den eigenen politischen Präferenzen zu zweifeln, solange nur der Spitzensteuersatz langsamer steigt als die eigenen Vermögenszuwächse.
Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die Welt noch immer halbwegs in Ordnung. Stärke – wirtschaftlich, militärisch, persönlich – ist die Tugend der Stunde. Unerschütterlich ist man davon überzeugt, dass Marktliberalisierung und Privatisierung der Königsweg aus der Krise seien, mit ständigem Verweis auf argentinische Verhältnisse, deren neofeudale Tendenzen tunlichst übersehen oder besser gesagt verschwiegen werden.
Radikale Vertreter dieser Wählergruppe halten auch hierzulande die Kettensäge für ein angemessenes politisches Instrument. Zum bevorzugten Wortschatz gehört zudem das Zauberwort des hidden champion. Deutschlands Wunderwaffe sei der innovative Mittelstand mit seiner weltweit unnachahmlichen Ingenuität.
Dabei ist es gerade dieser Mittelstand, der sich aus einer Mischung aus Überregulierung, Selbstzufriedenheit und Saturiertheit selbst stranguliert. Bitte aufwachen: Die ökonomische Herzkammer schlägt nicht mehr in Europa, sondern in Fernost.
Sozialrassistische Töne
Für die Organisation politischer Mehrheiten genügt es also nicht mehr, auf eine ökonomisch privilegierte Minderheit zu setzen oder den ominösen Begriff der deutschen Leitkultur als zerlöchertes politisches Banner vor sich her zu tragen.
Globalisierung, Freizügigkeit und Marktliberalisierung haben über die vergangenen Jahrzehnte eben nicht nur Gewinner produziert, sondern auch zahlreiche Verlierer. Das Industrieproletariat? Evaporiert. Ladenbesitzer, Freelancer, Taxifahrer? Insolvenzgefährdet. Das Dienstleistungspersonal in Krankenhäusern, Hotels, Gastronomie und Facility Management – vulgo: Putzkolonnen – wurde schon lange zu Arbeitsparias degradiert, zumal nicht mehr ehrlicher Schweiß und behaarte Achselhöhlen, sondern Eau de Parfum und Ganzkörperepilation als erstrebenswerte ästhetische Attribute gelten.
Wer hat überhaupt diesen sozialrassistischen Ton gesetzt? Richtig, die gleichen konservativ-liberalen fünfundzwanzig Prozent, die auch in Werbung und Mediendiskursen – gibt es da eigentlich einen strukturellen Unterschied? – überrepräsentiert sind.
Das ideale Leben ist eine Karikatur der emotional völlig abgeflachten Konsumgesellschaft: interessante Berufstätigkeit und elaborierter Geschmack, hohes Einkommen und exotische Reisen, serielle Monogamie und möglichst viele empathische Gefühle, die aber zu nichts verpflichten. Schöne neue postmoderne Welt – ein Leben im Pop-up-Store! Doch leider ist die anthropologische Grundausstattung für ein solch harmlos-verkitschtes Dasein nicht perfekt genug.
Die Erfolge der Vergangenheit kamen also nicht allen Bürgern, sondern nur einer, wenn auch beachtlichen, Minderheit zugute. Anders gesagt, es wird immer schwieriger für die liberal-konservative Mitte, politische Mehrheiten zu organisieren. Ihr Angebot reicht nicht mehr zum Machterhalt. Zumindest nicht in einer Demokratie.
Die kulturelle Hegemonie der Mitte ist aufgesprengt, ihre ästhetischen Ideale, moralischen Prämissen und gesellschaftlichen Grundannahmen werden eben nicht mehr als fraglos hingenommen. Nun könnte man getrost hinzufügen: Zum Glück! – wären die politischen und sozialen Alternativen nicht so zweifelhaft.
Paradoxerweise ist die liberal-konservative Mitte das Opfer ihres eigenen Triumphs geworden. Das kennt man aus der Geschichte: Die Sieger fügen sich selbst ihre ultimative Niederlage zu. Das Ziel der Liberalisierung und Individualisierung privater Lebensverhältnisse ist in einem Maße erreicht worden, das sich kaum mehr überbieten lässt. Wen oder was will man denn noch liberalisieren, gleichstellen oder integrieren?
Eine grundlegend andere Wirtschaftsform als die des globalen Kapitalismus wird von niemandem ernsthaft erstrebt. Allenfalls streitet man sich hierzulande über die Höhe der Sozialabgaben oder den Beitragssatz zur Gesundheitsversorgung. Das sind Debatten auf Mikroebene, weit davon entfernt, das System als solches herauszufordern.
Im schlimmsten Fall wird, wie bereits geschehen, die Staatsverschuldung erhöht, um die aufreißenden Systemwidersprüche zu überdecken. Was in Frankreich, Italien und Japan geräuschlos funktioniert, wird auch in Deutschland nicht zum Staatsbankrott führen. Ein wenig Zweckoptimismus darf man sich diesbezüglich schon bewahren. Die internationalen Großbanken haben mit diesem Szenario überhaupt kein Problem, im Gegenteil.
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Eine politische Rosskur, einen echten und tiefgreifenden Richtungswechsel, wird es mit den etablierten Parteien niemals geben. Die Frage ist bloß, ob eine solche überhaupt nottut. In der Zwischenzeit begnügt man sich mit billiger Rhetorik und dem Sound der 1990er-Jahre. Immerhin, wir sind noch wer!
Zuletzt: Die Aussichten für die bürgerlichen fünfundzwanzig Prozent sind alles andere als rosig. In einer Demokratie ist es nicht ausreichend, lediglich eine gesellschaftliche Minderheit an den Früchten des guten Lebens teilhaben zu lassen.
Das bürgerliche Habitat ist in der Tat bedroht. Die liberal-konservative Mitte der Gesellschaft gleicht dem Walross auf einer schwimmenden Eisscholle, die von Killerwalen umkreist wird. Je rascher die Scholle dahinschmilzt, desto ungewisser wird das politische Überleben. Eine rettende Küstenlinie ist nicht in Sicht. Angst regiert.
Wer nicht mit den Haien das Schwimmen lernt, wird die Macht verlieren.
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