Am Ende fragt man sich doch, ob es David Byrne viel Überwindung gekostet hat, den Abend nicht mit dem Titelsong des aktuellen Albums zu beginnen. "Everything that happens will happen today" - alles was passiert, wird heute passieren - kommt vielmehr ganz am Ende der beiden Stunden, die sein Auftritt am Montag im Tempodrom dauerte. Es ist immerhin die dritte Zugabe, die sich das Publikum ertrampelt hat, das eigentlich ein bisschen spärlich und zerstreut schien, aber, als es drauf ankam, seine Aufgabe doch ordentlich druckvoll erledigte.So wie übrigens auch David Byrne mit seiner Band. In glänzendem Schneeweiß - gegen den Samt des Hintergrunds ein Motiv kühlen, kontrastreichen Schicks - und mit leicht ironischer Verbindlichkeit verbreiten sie einen sacht gebrochenen Las-Vegas-Glamour. Die Stücke, mit ebensoviel Kraft wie handwerklich elegant auf ihre dichte, aber komplexe Rhythmik hin getrimmt, leitet Byrne immer mal wieder mit etwas gespreizten, launigen Worten ein, und man weiß nicht recht, ob das milde Seufzen des Tonfalls dabei die eigene Geschichte oder sein mehrheitlich doch etwas gesetzteres Publikum meint. Denn David Byrne hat in den letzten 35 Jahren - mit und nach seiner Band Talking Heads, die sich 1991 aufgelöst hat - durchaus viel grammy- und Oscar-bepreiste Musik einschließlich Soundtracks und Musiken für Ballette und Theater veröffentlicht, und dazu auch als Foto- und Videokünstler für Aufmerksamkeit gesorgt. Aber das Live-Programm besteht zur einen Hälfte aus den aktuellen Songs, zur anderen, und - wohl vom Publikum vor allem erwarteten - Hälfte aus Material bis 1981. Was eine durchaus stimmige Entscheidung ist. Abgesehen von der populistischen Entscheidung, auf "Burning Down the House", den größten Hit der Talking Heads nicht zu verzichten, bringt der Abend konsequent jenes Liedgut, für das neben Byrne und den Talking Heads auch Ambient-und Elektronik-Pionier Brian Eno zuständig war, als Produzent dreier Band-Alben, als Partner Byrnes bei "My Life in the Bush of Ghosts" und nun wieder auf "Everything That Happens".Von "My Life" gibt Byrne mit "Help Me Somebody" allerdings nur einen Song zu hören, dabei darf man das Album getrost zu den spannendsten seiner Karriere rechnen. Wie vielen musikalischen Experimenten war ihm jenseits der ästhetischen Innovation eine eher kurze Halbwertszeit beschert. Aber niemand hatte bis dahin mit gleicher Konsequenz und Raffinesse Sampling-artige Techniken eingesetzt wie Byrne und Eno mit den Stimmen dieses Albums. Zudem fusionieren sie alle möglichen europäischen, arabischen und afrikanischen Sounds und reichern ihre Percussion mit Alltagsgegenständen an.Im Konzert nimmt Byrne für den Track die durch Fremdstimme und Instrumentierung postmodern verschwommene Autorenposition des Albums gleichsam zurück und besetzt sich selbst als die Predigerstimme des Originals. Dieses Rollenverständnis, als mitunter recht unnötig augenzwinkernde Distanzierung, zieht sich durch den Abend. Byrne gibt den leutseligen Conférencier und weist gleichzeitig, als fürchte er, das Publikum könne die scherzhafte Fallhöhe zu seiner intellektuellen Aura nicht verstehen, immer wieder darauf hin - so wie die drei Tänzer die üblichen Perfektionismen ständig durch puppenartiges Schlenkern unterlaufen oder zu einer Art Dada-Akrobatik verzerren. Die Dada-Referenz wiederum gibt Byrne selbst schon im zweiten Stück des Abends, als er die Hugo-Ball-Vertonung "I Zimbra" vom dritten Album der Talking Heads spielt."Fear of Music" ist in seiner strengen, schrillen und kantigen Art wohl das ergiebigste Album der Band, ein schwer neurotischer Höhepunkt, sowohl für Byrnes Stimme wie für die verzwirbelten Texturen der Musik. Doch blieb der Nachfolger, die letzte Zusammenarbeit mit Eno, "Remain in Light" dank seiner rhythmischen Spektakel und opulenten Produktionen stets nachhaltiger in Erinnerung. Auf diese Effekte setzt Byrne auch im Konzert und legt den Fokus der älteren Stücke wie auch den der aktuellen stärker auf Fettness-Faktoren und Funk-Zappligkeit. Dabei blieb dann die fragile Hysterie der frühen Talking Heads ebenso auf der Strecke wie die zarte Wattigkeit Eno'scher Elektronik. Und Hübschheiten wie die sanfte Countryidylle "My Big Nurse" durften nur gleichsam grinsend geschmachtet werden.So blieb es am Ende ein Abend souveränen, quirligen Funkrock-Kunsthandwerks, schön anzusehen und intelligent dargeboten - aber genaugenommen etwas zu schlau, um als "elektronischer Gospel", wie Byrne und Eno ihre Musik nennen, auch die Seele zu erheben.------------------------------Die fragile Hysterie der frühen Talking Heads blieb ebenso auf der Strecke wie die zarte Wattigkeit Eno'scher Elektronik.------------------------------Foto: Ganz in strahlendem Schneeweiß verbreitete David Byrne einen sacht gebrochenen Las-Vegas-Glamour.
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