Dax fällt auf tiefsten Stand seit zwei Jahren. Die Anleger fliehen in sichere Rentenpapiere

Weltweit Schockwellen an den Börsen

BLZ
6 Min

BERLIN. Die dramatische Verschärfung der US-Finanzkrise hat gestern die Aktienmärkte weltweit auf Talfahrt geschickt. In London, Zürich und Madrid fielen die Aktienindizes um über vier Prozent, der Pariser Leitindex CAC 40 rauschte um über fünf Prozent in die Tiefe. Der Dax sank zeitweise unter die Marke von 6 000 Punkten, erholte sich aber wieder etwas und schloss knapp drei Prozent im Minus bei 6 064 Punkten. Der europaweite Index Euro Stoxx fiel um knapp vier Prozent.Warnung vor DominoeffektAuch die Anleger an der New Yorker Wall Street reagierten gestern tief verunsichert. Vor allem Finanztitel verbuchten im Sog der Krise hohe Verluste. Händler spekulierten darüber, welches Unternehmen nach der Investmentbank Lehman Brothers als nächstes zusammenbrechen könnte.Für große Beunruhigung sorgten Berichte, der zweitgrößte Versicherer der Welt, die American International Group (AIG), habe die US-Notenbank um eine Finanzspritze von 40 Milliarden Dollar gebeten. Aktien von AIG büßten daraufhin mehr als 40 Prozent ihres Wertes ein. Der New Yorker Gouverneur David Paterson sprang AIG allerdings zur Seite und versprach, der Konzern könne auf Einlagen von AIG-Tochterunternehmen in Höhe von 20 Milliarden Dollar zurückgreifen. Washington Mutual verloren 16 Prozent, Citigroup-Papiere 14 Prozent. Der Dow-Jones-Index gab um 4,42 Prozent nach.Händlern zufolge flüchteten die Investoren aus Finanzwerten und schichteten in den als "sicheren Hafen" geltenden Rentenmarkt um. Die zehnjährigen US-Staatspapiere stiegen um zwei volle Punkte und verzeichneten damit den stärksten Sprung an einem Tag seit 20 Jahren. Auch zehnjährige Bundesanleihen zogen an. Der Euro veränderte sich allerdings kaum zum Dollar.Die in Aussicht gestellten Hilfsmaßnahmen der Fed und einiger Geschäftsbanken hellten nicht die Stimmung auf. Die US-Notenbank hatte schon am Sonntag eine Reihe von Initiativen zur Unterstützung der Finanzmärkte angekündigt, darunter die Annahme von Aktien als Gegenleistung für Zentralbankgeld der Banken. Möglicherweise werde die US-Notenbank nun auch die Zinsen senken, spekulierten einige Börsianer. Die US-Notenbank will morgen über die Zinsen entscheiden.Einige Händler sagten, von Panik sei derzeit allerdings noch nichts zu spüren. Analysten beobachten die Entwicklungen in der US-Bankenbranche dennoch äußerst angespannt. "Wir halten diese sich extrem verschärfende Kreditkrise für sehr bedrohlich für das globale Finanzsystem", erklärte LBBW-Analyst Martin Peter. Ein solches Zusammentreffen von Liquiditäts- und Kapitalproblemen habe es in den vergangenen Jahrzehnten nicht gegeben. Helaba-Analyst Mirko Pillep warnte vor einem Dominoeffekt. "Selbst wenn sich die Lage bei Lehman und Merrill jetzt klären sollte, bleiben uns noch Washington Mutual, Anleihenversicherer und die Hedge-Fonds als künftige Krisenherde erhalten", fasste ein Börsianer die Stimmung zusammen. Der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan nannte die Finanzkrise gestern ein "Jahrhundertereignis, das ohne Zweifel alles übertrifft, was ich je gesehen habe."Auch in Europa standen die Finanzwerte besonders stark unter Druck: Der europäische Branchenindex der Versicherer brach um 6,5 Prozent ein, gefolgt vom Bankenindex, der 6,3 Prozent verlor. Im Dax gehörten die Aktien der Commerzbank mit einem Minus von neun Prozent zu den größten Verlierern. Deutsche-Bank-Aktien verloren über sechs Prozent, Allianz ebenfalls. In London brach der Kurs der britischen Hypothekenbank HBOS um 17,6 Prozent ein, und in Zürich fielen UBS-Papiere um fast 15 Prozent.Auch in Asien hohe VerlusteAsien blieb nicht von heftigen Kurseinbrüchen verschont. In Indien sanken die Kurse um 5,6 Prozent, in Taiwan um 4,1. Australiens Leitindex sank um zwei Prozent, in Singapur waren es 2,9 Prozent. Wichtige Börsenplätze in Tokio und Hongkong waren wegen eines Feiertags allerdings geschlossen.Für die Deutschland-Tochter Lehman Brothers Bankhaus AG in Frankfurt am Main erließ die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gestern ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot. Außerdem untersagte die BaFin, Zahlungen entgegenzunehmen, die nicht zur Tilgung von Schulden ihr gegenüber bestimmt sind. (BLZ)------------------------------CHRONIK DER FINANZKRISEJuli 2007: Die Ratingagentur Standard & Poors stuft mit Immobilienkrediten unterlegte Wertpapiere mit einem Gesamtwert von 7,3 Milliarden Dollar herab. Andere Rating-Agenturen folgen S&P. Die Abwärtsspirale beginnt.30. Juli: Die deutsche IKB steht wegen massiver Probleme am US-Hypothekenmarkt vor dem Aus, die staatliche KfW rettet sie.17. August: Die Sparkassen-Gruppe muss die SachsenLB mit 17 Milliarden Euro stützen. Vier Monate später wird die einzige ostdeutsche Landesbank an die LBBW verkauft.Mitte September: Der britische Hypothekenfinanzierer Northern Rock gerät in Bedrängnis. Das Institut ist inzwischen verstaatlicht.14. März 2008: Die US-Bank Bear Stearns gerät in eine Schieflage und muss von der US-Notenbank Fed gestützt werden. Der Konkurrent JP Morgan übernimmt das Institut.Mai: Die Citigroup trennt sich von Vermögenswerten über 400 Milliarden Dollar und schrumpft dadurch um ein Fünftel. Mit Abschreibungen von knapp 50 Milliarden Dollar ist die Citigroup weltweit am stärksten von der Finanzkrise betroffen.Juni: Mehrere Banken wie Royal Bank of Scotland, Barclays und Fortis stärken ihre dünner gewordene Kapitaldecke und sammeln Milliarden bei Investoren ein. Wie zuvor bei mehreren US-Großbanken nutzen Staatsfonds oftmals die Chance zu einem vermeintlich günstigen Einstieg.Juli: Die angeschlagene US-Bank Merrill Lynch schockiert die Märkte mit zwei Milliardenlöchern, die sie mit nur wenigen Tagen Abstand verkündet.31. Juli: Der Gewinn der Deutschen Bank bricht nach neuen Milliardenabschreibungen im zweiten Quartal ein.31. Juli: Die EZB schießt bis zu 100 Milliarden Euro in den Geldmarkt.21. August: Die KfW verkauft die Krisenbank IKB an den Finanzinvestor Lone Star. Viele Risiken sichert aber der Staat ab. Insgesamt belastet die IKB die Staatsbank und den Bund mit 10,7 Milliarden Euro.September: Zwischen der EU und Deutschland kommt es zum Streit über die Sanierung der Landesbank WestLB, die wegen der Krise staatlich gestützt werden musste.September: In den Medien überschlagen sich Spekulationen um eine Kapitalspritze für die angeschlagene US-Investmentbank Lehman Brothers, diverse internationale Banken werden als Interessenten genannt.8. September: An den Börsen kommt es weltweit zu Kursfeuerwerken, nachdem die US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac unter staatliche Aufsicht gestellt werden. Der Schritt ist der letzte von zahlreichen Hilfsaktionen der Regierung für die halbstaatlichen Institute.9. September: Der Internationale Währungsfonds warnt, die Krise könnte die Branche 1,1 Billionen Dollar kosten.11. September: Nach Milliardenverlusten steht das Überleben von Lehman Brothers in Frage.12. bis 14. September: Die US-Notenbank versucht, auf Krisensitzungen einen Retter für Lehman Brothers zu finden. Sie scheitert.------------------------------Verspätete Talfahrt des DaxErste Anzeichen der Kreditkrise gab es schon vor über einem Jahr. Doch die Anleger verhielten sich optimistisch, gegen Ende 2007 notierte der deutsche Leitindex Dax fast auf Höchststand. Kurz darauf begann die Talfahrt. Seitdem ging es meist bergab, die gestrige Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers ließ die Kurse noch einmal absacken. Schuld am Abwärtstrend ist aber nicht nur die Kreditkrise, auch teure Rohstoffe und die trübe Weltkonjunktur tragen dazu bei.------------------------------Grafik: DaxGrafik: Auch die US-Aktien leiden unter der Krise.Grafik: Index weltweiter Bankaktien. Bankaktien sind fast überall seit Monaten im Minus.Grafik: Deutsche Bank, schwer gebeutelt------------------------------Foto: Skeptisch blickender Händler an der Frankfurter Börse: Die Finanzwelt ist durch die Lehman-Pleite enorm verunsichert.Foto: Lehman ließ er untergehen: US-Finanzminister Henry Paulson.

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