Wer in der DDR Kunst sammelte, bewegte sich in einem Spannungsfeld, das bis heute erstaunlich wenig erforscht ist: zwischen persönlicher Leidenschaft und staatlicher Kontrolle, zwischen bürgerlichem Besitzanspruch und sozialistischer Ideologie, aber eben auch zwischen Bewahrung und drohendem Verlust. Die Tagung „Privatsammlungen in der SBZ und DDR“, die am Donnerstag in den Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz gestartet ist, nimmt genau diese bislang vernachlässigte Geschichte in den Blick.
Veranstaltet wird das Symposium vom Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn gemeinsam mit den Kunstsammlungen Chemnitz. Unter der Leitung von Lucy Wasensteiner, Anne-Kathrin Hinz und Marie Winter versammelt es Forscher, Museumsleute und Archivfachleute. Ihr Gegenstand ist mehr als ein Spezialthema der Provenienzforschung: Es geht um die Frage, was private Kultur in einem Staat bedeutete, der Eigentum politisch definierte und kulturelle Deutungshoheit beanspruchte.
Dennoch spielt natürlich auch die Provenienzforschung eine Rolle, wie die Generaldirektorin der Kunstsammlungen, Dr. Florence Thurmes, schon zur Eröffnung erklärte. Man habe beispielsweise Werke aus der Sammlung Leder in den Fokus genommen. Sie berichtete, dass man – nach Eingliederung dieser Sammlung in die Kunstsammlung in Chemnitz – Vermerke der damaligen DDR-Kulturverwaltung in Archiven gefunden habe. Demnach sollte man Restitutionsanfragen aus dieser Sammlung ignorieren. „In fast jedem öffentlichen Kunstmuseum wird man in den neuen Bundesländern Ausstellungsstücke sehen, die aus Enteignungen stammen“, sagte Lucy Wasensteiner zur Eröffnung.
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Kritische Erwerbungen öffentlicher Museen im Blick
Das zweitägige Programm lässt erwarten, wie vielschichtig die Materie beleuchtet wird. Im Zentrum stehen zunächst kritische Erwerbungen und Verkäufe im Museumskontext: Welche Wege nahmen Werke und Objekte aus enteigneten Beständen in öffentliche Sammlungen? Welche Rolle spielten Institutionen wie die Kunst und Antiquitäten GmbH oder der Staatliche Kunsthandel der DDR? Solche Fragen führen direkt in die Grauzonen zwischen Verwaltung, wirtschaftlichem Kalkül und ideologischem Zugriff.
Doch die Tagung bleibt nicht bei staatlichen Eingriffen stehen. Sie untersucht auch jene Sammlungen, die aus der Vorkriegszeit in die neue Ordnung hinüberreichten – etwa die Bibliothek des Bankiers Victor von Klemperer, die Sammlung Hans Gellers oder die Curt-Elschner-Galerie in Eisenach. Ihre Geschichten erzählen von Brüchen, Anpassungen und dem schwierigen Fortleben bürgerlichen Kunstbesitzes nach 1945.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf neu entstandene private Kollektionen. Die Erfurter Grafiksammlung von Rudolf und Ilse Franke, die Sammlung Georg Brühl in Karl-Marx-Stadt, zeitweise als „größte Privatsammlung der DDR“ bezeichnet, oder die Kunstsammlung des Dresdner Kunsthistorikers Wolfgang Balzer belegen: Auch unter den Bedingungen des sozialistischen Staates entstanden Freiräume für ästhetische Eigenwilligkeit.
Lucy Wartensteiner stellte den Gästen vor, worum es in der Tagung gehen soll: Das ostdeutsche Kunstsammlerherz soll ebenso erkundet werden wie die Mechanismen des Kunstsammelns in der DDR und der Sowjetischen Besatzungszone.
© Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine
Kunstnetzwerke und Enteignung in der DDR
Der zweite Tag rückt die dafür nötigen Netzwerke in den Mittelpunkt. Beiträge zum Dresdner Sammler Friedrich Pappermann, zur Sammlung Julius Brauers oder zum verdeckten Sammeln des Galeristen Frank Hänel zeichnen das Bild eines Kunstmarkts, der offiziell kaum existieren sollte, praktisch aber weiterhin wirksam war. Private Sammler handelten nicht außerhalb des Systems; sie agierten in seinen Zwischenräumen.
Die von der Fritz Thyssen Stiftung geförderte Tagung verspricht, eine Forschungslücke nicht nur zu benennen, sondern erstmals systematisch auszuleuchten. Ihre zentrale Erkenntnis könnte dabei ebenso naheliegend wie folgenreich sein: Private Kunst verschwand im Sozialismus nicht, aber wie politisch wurde sie dadurch?
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