Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der Brics-Staaten an diesem Wochenende in Neu-Delhi treffen, wird ein Thema besonders aufmerksam verfolgt. Wann startet der große Angriff auf den US-Dollar? Von einer gemeinsamen Brics-Währung ist bisher nicht die Rede. Stattdessen geht es um etwas weniger Spektakuläres, aber möglicherweise Weitreichenderes: mehr Handel in den eigenen Währungen, alternative Zahlungssysteme, Wettbewerb der Währungen und eine alternative Finanzinfrastruktur.
Das Ziel der Brics ist nicht, den Dollar von heute auf morgen als Weltleitwährung abzulösen. Vielmehr soll die Rolle des Dollars schrittweise zurückgedrängt werden – besonders dort, wo seine Verwendung aus Sicht der Mitgliedstaaten nicht notwendig ist. Gerade dieser pragmatische Ansatz könnte langfristig wichtiger als die immer wieder diskutierte Idee einer gemeinsamen Brics-Währung sein.
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Washingtons Superwaffe: Der US-Dollar
Der Hintergrund der Debatte ist die außergewöhnliche Stellung des US-Dollars im internationalen Finanzsystem. Ein großer Teil des Welthandels, der internationalen Kreditvergabe, der Rohstoffgeschäfte und der Devisenreserven wird in Dollar abgewickelt. Wer Dollar benötigt, ist deshalb in der Regel auch auf die Infrastruktur des westlich dominierten Finanzsystems von Wallstreet bis Weltbank angewiesen.
Für Russland wurde diese Abhängigkeit nach dem Beginn des Ukraine-Krieges besonders kritisch. Westliche Sanktionen, der Ausschluss russischer Banken von Teilen des internationalen Finanzsystems und das Einfrieren russischer Auslandsreserven zeigten Moskau, welche strategischen Risiken mit der Abhängigkeit gegenüber westlicher Finanzinfrastruktur verbunden sind. China wiederum betrachtet die Dominanz des Dollars schon länger vor dem Hintergrund seines Konflikts mit den USA als strategisches Risiko.
Auch Indien verfolgt ein Interesse an größerer finanzieller Autonomie, allerdings aus einem anderen Grund. Neu-Delhi will sich weder Washington noch Peking unterordnen und versucht traditionell, seine strategische Entscheidungsfreiheit zu bewahren. Eine stärkere Verwendung der Rupie im internationalen Handel passt daher in Indiens Konzept einer „strategischen Autonomie“.
Was die Brics bereits aufgebaut haben
Die De-Dollarisierung begann nicht erst mit dem Ukraine-Krieg. Die Brics gründeten 2015 die New Development Bank (NDB) als Alternative beziehungsweise Ergänzung zu den etablierten Entwicklungsinstitutionen. Die von der ehemaligen brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff geleitete Institution soll Infrastruktur- und Entwicklungsprojekte der Mitgliedstaaten finanzieren und dabei zunehmend lokale Währungen einsetzen.
Man kennt sie noch als brasilianische Präsidentin: Dilma Rousseff leitet die New Development Bank – das Brics-Gegenmodell zu IWF und Weltbank.
© Pelagiya Tikhonova/Imago
Parallel entstanden nationale Alternativen zur westlichen Zahlungsinfrastruktur. China startete 2015 das Cross-Border Interbank Payment System (CIPS). Es ermöglicht Banken, internationale Zahlungen in Renminbi abzuwickeln. Russland entwickelte nach den ersten westlichen Sanktionen 2014 sein eigenes System for Transfer of Financial Messages (SPFS). Beide Systeme sind noch weit kleiner als SWIFT, zeigen aber, dass die Brics-Staaten begonnen haben, eigene Finanzkanäle aufzubauen.
Besonders weit ist die Entwicklung im bilateralen Handel. China und Russland wickeln inzwischen praktisch ihren gesamten gegenseitigen Handel in Yuan und Rubel ab. Nach einer Analyse der Carnegie Endowment wurden bereits Ende 2025 rund 99 Prozent des chinesisch-russischen Handels in den beiden Landeswährungen abgewickelt.
Auch zwischen Russland und Indien hat sich ein alternatives Zahlungssystem entwickelt. Nach Angaben der russischen Sberbank werden inzwischen rund 96 Prozent des bilateralen Handels in Rubel und Rupien abgewickelt. 22 russische und 17 indische Banken sind daran beteiligt. Nach russischen Angaben werden die meisten Transaktionen innerhalb weniger Minuten abgeschlossen.
Damit existieren bereits praktische Beispiele für eine Welt, in der Brics-Staaten untereinander handeln können, ohne für jede Transaktion zunächst Dollar zu kaufen.
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China: Der Renminbi soll internationaler werden
Für China ist die De-Dollarisierung Teil eines wesentlich größeren strategischen Projekts. Peking möchte den Renminbi internationalisieren und China weniger verwundbar gegenüber amerikanischen Sanktionen machen. China baut deshalb seit Jahren ein Netzwerk auf, in dem der Renminbi für Handel, Finanzierung und Zahlungsverkehr genutzt werden kann. Dazu gehören CIPS, bilaterale Währungsvereinbarungen und digitale Zahlungstechnologien.
Eine besondere Bedeutung könnte künftig digitalen Zentralbankwährungen zukommen. China arbeitet mit internationalen Partnern an Systemen, die direkte grenzüberschreitende Zahlungen mit digitalen Zentralbankwährungen ermöglichen. Das Projekt mBridge, an dem unter anderem China, Hongkong, Thailand, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien beteiligt sind, soll Zahlungen zwischen Zentralbanken und Geschäftsbanken schneller und günstiger machen.
Für Peking geht es deshalb nicht nur um die Frage, ob Dollar oder eine andere Währung. Entscheidend ist, wer die Infrastruktur dahinter kontrolliert, über die der internationale Zahlungsverkehr der Zukunft läuft.
Indien: Unabhängigkeit statt chinesischer Dominanz
Indien verfolgt eine deutlich vorsichtigere Strategie. Neu-Delhi möchte zwar die Dollarabhängigkeit reduzieren, aber keinesfalls einfach ein chinesisch dominiertes alternatives Finanzsystem übernehmen.
Das erklärt auch Indiens Skepsis gegenüber einer gemeinsamen Brics-Währung. Eine solche Währung würde vermutlich entweder sehr komplexe gemeinsame Institutionen (wie eine gemeinsame, unabhängige Zentralbank) erfordern oder stark von der wirtschaftlichen Größe Chinas geprägt sein. Indien setzt stattdessen auf bilaterale Vereinbarungen, nationale Währungen und digitale Zahlungssysteme.
Ein wichtiges Instrument ist das indische Unified Payments Interface (UPI). Premierminister Narendra Modi treibt dessen internationale Vernetzung voran. UPI ist bereits in mehreren Ländern verfügbar und soll nach indischen Vorstellungen mit weiteren nationalen Zahlungssystemen verbunden werden.
Für den Brics-Gipfel 2026 hat die indische Zentralbank zudem vorgeschlagen, die digitalen Zentralbankwährungen (sogenannte Central Bank Digital Cash, kurz CBDC) der Mitgliedstaaten miteinander zu verbinden. Dadurch könnten grenzüberschreitende Zahlungen einfacher werden, ohne dass eine gemeinsame Währung geschaffen werden muss.
Russland: Sanktionsschutz und finanzielle Souveränität
Russlands Motivation ist akut. Seit 2022 hat Moskau den Anteil von Rubel und Yuan im Außenhandel massiv erhöht. Der Handel mit China ist nahezu vollständig auf die beiden Landeswährungen umgestellt worden. Auch der Handel mit Indien wird zunehmend in Rubel und Rupien abgewickelt. Für Russland steht dabei weniger die Schaffung einer neuen Weltwährung im Vordergrund als die Fähigkeit, auch unter westlichen Sanktionen auf Finanzmärkten handeln und bezahlen zu können. Eigene Zahlungswege sind für Moskau daher eine Frage nationaler Sicherheit.
Bemerkenswert ist allerdings, dass der Kreml unmittelbar vor dem Gipfel in Neu-Delhi einen Begriff relativiert, der häufig mit Russland verbunden wird. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte am 8. September 2026, Russland strebe keine „De-Dollarisierung“ als politisches Ziel an und sei grundsätzlich für alle akzeptablen Zahlungsmethoden offen. Das zeigt einen wichtigen Unterschied zwischen politischer Rhetorik und wirtschaftlicher Praxis.
Was in Delhi passieren könnte
Der Brics-Gipfel 2026 dürfte deshalb vor allem die nächste Stufe der finanziellen Vernetzung vorbereiten. Im Mittelpunkt stehen mehr Zahlungen in nationalen Währungen, die bessere Verbindung nationaler Zahlungssysteme und möglicherweise die Zusammenarbeit bei digitalen Zentralbankwährungen. Auch die New Development Bank soll eine größere Rolle bei der Mobilisierung privaten Kapitals und bei Finanzierungen in lokalen Währungen übernehmen.
Der entscheidende Schritt wäre die Schaffung einer interoperablen Zahlungsinfrastruktur. Wenn ein indisches Unternehmen künftig einen chinesischen Lieferanten direkt in Yuan bezahlen kann, während die Bank des chinesischen Unternehmens die Transaktion über ein mit Indien verbundenes System abwickelt, entfällt die bisherige Notwendigkeit, Dollar als Zwischenwährung zu verwenden. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der Brics-Strategie.
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Keine neue Weltwährung – zumindest vorerst
Die Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten sind derzeit zu groß, um sich auf einen „Brics-Dollar“ zu einigen. China verfügt über einen riesigen Handelsüberschuss und eine international zunehmend genutzte Währung, während Indien Wert auf seine geldpolitische Unabhängigkeit legt. Russland wiederum benötigt vor allem sanktionsfeste Zahlungswege.
Auch wirtschaftliche Ungleichgewichte machen eine gemeinsame Währung schwierig. Der Euro-Raum zeigt bereits, wie schwierig eine einheitliche Geldpolitik ist, selbst wenn sich die Mitgliedstaaten in ihrer Struktur, Wirtschaft, politischem System und Standort ähneln. Eine Währungsunion setzt immerhin eine gemeinsame Geldpolitik, Regeln für Kapitalbewegungen und eine wesentlich stärkere politische Integration voraus. All das weisen die Brics und deren Partnerstaaten nicht auf. Sie eint lediglich der gemeinsame Feind.
Die Brics gehen daher einen anderen Weg. Sie bauen kein einheitliches Gegenstück zum Euro auf, sondern ein Netz aus verschiedenen nationalen Währungen und Zahlungssystemen. Die De-Dollarisierung der Brics ist deshalb am besten als langfristiger Prozess zu verstehen. Noch immer dominiert der Dollar die globalen Devisenreserven. Nach Angaben der Carnegie Endowment lag sein Anteil Ende 2025 bei rund 57 Prozent. Auch die alternativen Brics-Systeme sind von der Reichweite und Netzwerkwirkung von SWIFT noch weit entfernt.
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