Debatte

Der Identitätsschwindel des Fabian Wolff: Ein deutscher Fall

Kein Jude mehr?! Der Identitätsschwindel des Fabian Wolff erregt weiter die Gemüter. War es ein Irrtum oder eine bewusst gelöste Eintrittskarte für linke Israelkritik?

Harry Nutt
Harry Nutt
5 Min
Ein Davidstern hängt an der Wand einer Synagoge.

Ein Davidstern hängt an der Wand einer Synagoge.

© David Inderlied/dpa

Zu den Merkmalen jüngerer Debatten gehört die wortreiche Klage über einen dominanten Mainstream, mindestens aber eine eklatante Einseitigkeit – nicht selten unter Ausblendung faktischer Stimmenvielfalt. So monierte unlängst die Philosophin Susan Neiman, Leiterin des Potsdamer Einstein-Forums und selbst Jüdin, im Radiosender RBB die heftigen Reaktionen auf den Identitätsschwindel des Autors Fabian Wolff, ohne dass dessen Argumente, insbesondere dessen Kritik am Staat Israel, zur Kenntnis genommen worden seien. Fabian Wolff, so Neiman, werde nicht kritisiert, weil er allzu gern der Geschichte seiner Mutter geglaubt hat, die Familie sei jüdisch. Diskreditiert werde er vielmehr wegen seiner politischen Position, etwa gegenüber der israelischen Besatzungspolitik. Für Neiman stellt die öffentliche Aufmerksamkeit, die Wolff mit seinem Eingeständnis erregt hat, nicht zuletzt eine gezielte Abwertung jeglicher Israelkritik dar.

Besonders intensiv scheint Neiman sich nicht mit den Texten Wolffs befasst zu haben, sonst wäre ihr die auffällige Betonung seiner Haltung als deutscher Diaspora-Jude gewiss nicht entgangen. So markierte Wolff gleich zu Beginn eines langen Textes auf Zeit Online von 2021 ganz ausdrücklich seine Sprecherposition, mit der er für sich eine besondere, wenn auch leidgeplagte Legitimation zu beziehen schien: „Ich mag es nicht, diesen Text auf Deutsch zu schreiben, manchmal empfinde ich Deutsch an sich als Belastung. Das klingt großspurig (…) Der Grund für diese Anmaßung und die reale Entfremdung hinter ihr, aber auch die Zweifel, das ewige Gefangensein zwischen lautem Schreien und zauderndem Schweigen, ist einfach und, natürlich, komplex: Ich bin Jude in Deutschland.“

Ein deutscher Fall

Einfach und komplex sind seit einigen Tagen auch die Reaktionen auf die Camouflage des Fabian Wolff, der zunächst als Autor von Musikkritiken in Erscheinung getreten war, sich später aber wuchtig in die Debatte warf, die andernorts mit dem Begriff Versöhnungstheater gelabelt wurde. Nicht ohne Süffisanz bemerkte der Historiker Michael Wolffsohn in der Neuen Zürcher Zeitung: „Seine (Fabian Wolffs, Anm. d. Red.), wie ich jetzt feststelle, nicht wenigen jüdischen und nichtjüdischen Gegner jubilieren ungefähr so: Lügner, Heuchler, Wolf im Schafspelz. Heinrich Heine hat die Taufe als Entréebillet für die europäische Kultur benutzt und bereute danach seinen Irrtum. Wolff hat das Judenticket als Eintrittskarte für das linke und linksliberale juden- und israelkritische Milieu missbraucht.“ Ein deutscher Fall?

Wolffsohns Einlassung unterscheidet sich nicht nur hinsichtlich Susan Neimans Verdacht einer ideologisch motivierten Abwehr. Er gibt auch einen Hinweis darauf, dass sich im Fall Fabian Wolff auf unangenehme Weise jene Frontstellung reproduziert, die bereits die Kasseler Kunstausstellung Documenta in ärgste Legitimationsnöte gebracht hat. Deutschland, Israel, Antisemitismus – eine in verschiedenen Lagern bearbeitete Hermeneutik des Verdachts.

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Der für seine streitbaren Interventionslust bekannte Wolffsohn zeigt sich gegenüber dem jungen, gleich mehrfach als Kostümjuden geziehenen Fabian Wolff allerdings nachsichtig. Zwar würden ihn Lichtjahre von dessen Milieu trennen, sagt Wolffsohn. „Aber die persönliche, familiäre Tragik berührt mich. Als Person und Autor bin ich, wie gesagt, Fabian Wolff nie begegnet. Sein verschwurbelt selbstverliebter Bekenntnistext ist mir eher unsympathisch. Ich suche weder seine Bekanntschaft noch seine Gegnerschaft.“ Vielmehr bittet Wolffsohn darum, Wolff zu schonen. Er habe die Wahrheit über sich selbst mitgeteilt. Was will man mehr?

Für Heinrich Böll ein Gruselspiel 

Ohne sich tiefer in die Tragik oder Perfidie der Wolff’schen Textproduktion einzuarbeiten, könnte es lohnenswert sein, sich eingehender mit der Konjunktur auf Authentizität beharrender Sprecherpositionen zu befassen, aus der auch Wolff einen Großteil seiner Energie und Akzeptanz bezogen zu haben scheint. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Rezension, die der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll 1977 zum Erscheinen der deutschen Übersetzung des Romans „Der Nazi und der Friseur“ seines Kollegen Edgar Hilsenrath verfasst hat. Die bereits 1971 in den USA erschienene Holocaust-Groteske wollten deutsche Verlage ihren Lesern zunächst aufgrund der ängstlichen Vermutung vorenthalten, dass sie als antisemitisch aufgefasst werden könnte. Hilsenraths Roman handelt vom wild-bizarren Identitätswechsel des Nazis Max Schulz, der seinen jüdischen Jugendfreund Itzig Finkelstein und dessen Familie umbringt und nach dem Ende der NS-Herrschaft unter falscher Identität nach Israel geht, um sich seiner Strafverfolgung zu entziehen. Eine Tätergeschichte, die keinen Raum ließ für das in den 70er-Jahren aufkeimende deutsche Bedürfnis nach Entlastung.

Heinrich Bölls Besprechung, ebenfalls in der Wochenzeitung Die Zeit erschienen, macht auf eindrucksvolle Weise den historischen und gesellschaftlichen Kontext des Identitätsbetrugs deutlich, den Hilsenrath, durch den beißenden Humor kaum gemildert, in den Mittelpunkt seines Romans gestellt hat. „Das Gruselspiel war ja kein Spiel“, schreibt Böll. „Es ist durch Hilsenrath wirklich geworden, und es hat sie ja wohl doch gegeben – oder? – diese Nazis, die getan haben, wovon keiner gewusst, was keiner gewollt, und wenn man alles vergessen sollte: die Goldzähne und die, die sie einmal getragen haben, vergisst man nicht, wenn Schulz-Finkelstein da im Wald der sechs Millionen spazieren geht.“ Das Gruselspiel mit der Identität, das den Leser Böll nachhaltig erschreckte, handelte von den nicht selten mörderischen Maskeraden derer, die mit dem Leben und ihrer Schuld davonzukommen suchten. Das sollte in den deutlich fraktionierten identitätspolitischen Auseinandersetzungen nicht unterschlagen werden.

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