Im Spätherbst 1989 geschah in den Redaktionen von Rundfunk, Presse und Fernsehen der DDR etwas Merkwürdiges: Journalisten, die eben noch "die Konterrevolutionäre" als Feinde des sozialistischen Staates oder die aufbegehrenden chinesischen Studenten als "entmenschte Horden" gebrandmarkt hatten, wurden plötzlich zu Enthüllern. Sie prangerten die Misswirtschaft an, die Privilegien in Wandlitz und gingen auf IM-Jagd. Nur ein gesellschaftlicher Bereich wurde von den neuen Aufklärern weit gehend ausgespart: die Medien selbst. Das hat sich bis heute, wie die Medienwissenschaftlerin Beate Schneider aus Hannover am Donnerstag bei einer Veranstaltung der Gauck-Behörde feststellte, kaum geändert. "Genosse Journalist - Medien und Stasi" war die Veranstaltung überschrieben. Doch es sollte nicht nur um IM-Verstrickungen gehen, wie Behördenchefin Marianne Birthler anmerkte, sondern um die Frage, warum eine der angepasstetsten Berufsgruppen in der DDR die Aufarbeitung so beharrlich verweigert. Eine Mitschuld daran gibt Schneider dabei den westdeutschen Verlagen, die nach der Wende fast den gesamten Zeitungsmarkt übernahmen. Sie wollten ihre Neuerwerbungen schnell Gewinn bringend etablieren. Dafür brauchten sie Journalisten mit lokalen Kenntnissen. Wie verstrickt die ehemaligen Redakteure mit dem alten System waren, interessierte sie kaum. Auch von der Möglichkeit, zumindest leitende Mitarbeiter auf eine Stasi-Mitarbeit zu überprüfen, machten die neuen Arbeitgeber quasi keinen Gebrauch. Nur 35 Journalisten wurden in der Zeitungsbranche und bei den privaten Sendern bis heute überprüft, wie Herbert Ziehm, Referatsleiter in der Gauck-Behörde, erklärte. Dagegen wurden bei den öffentlich-rechtlichen Sendern 3 700 Journalisten überprüft; fünf Prozent erwiesen sich als belastet. Wenige Zeitungen wie die "Märkische Oderzeitung" oder die "Berliner Zeitung" versuchten mit Hilfe wissenschaftlicher Forschungsarbeiten, Verstrickungen auf die Spur zu kommen. Doch für eine wirkliche Aufarbeitung "greifen solche Mittel zu kurz", sagte der Medienanwalt Johannes Weberling: Für viele Genossen war die Erfüllung des ideologischen Klassenauftrags auch ohne Stasi-Mitarbeit selbstverständlich. Schneider verwies auf die personelle Kontinuität in den ostdeutschen Medien. Einer Studie von 1992 zufolge arbeiteten 71 Prozent der Redakteure schon vor 1989 bei den erneuerten ehemaligen Bezirkszeitungen, 20 Prozent waren ostdeutsche Seiteneinsteiger, der Rest kam aus dem Westen. Und eine aktuelle Vergleichsstudie zu Journalisten bescheinigt den Redakteuren Ost wie ihren Kollegen im Westen zwar eine hohe Berufsbegeisterung, jedoch auch eine höhere Anfälligkeit für die Einflussnahme von Interessenvertretern sowie eine "obrigkeitsstaatliche Fixierung". Begriffe wie "Rathaus", "Bürgermeister" oder Parteinamen verwenden sie häufiger, über bürgerrechtliches Engagement berichten sie weniger.
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