NÜRNBERG. Diesmal haben die Grünen ihre Führung nicht abgestraft. Als der Tagungsleiter am Samstag das Ergebnis der alles entscheidenden Abstimmung verkündete, lehnte sich Claudia Roth weit zurück, ihre Gesichtszüge entspannten sich. Dann klopfte sie ihrem Co-Vorsitzenden Reinhard Bütikofer auf die Schulter und grinste in die Kameras: "Mir fällt kein Stein vom Herzen, weil ich keinen Stein auf dem Herzen hatte", sagte sie dann, und jeder, der in diesem Moment in der Nürnberger Frankenhalle saß, wusste: Das war ein wenig geschwindelt.Noch nie waren Roth und Bütikofer so unter Druck gewesen wie in den letzten Wochen. Seit ihrem Debakel auf dem Afghanistan-Sonderparteitag im Herbst in Göttingen waren sie Parteichefs auf Abruf. Die Basis hatte den Grünen damals gegen den Willen der gesamten Führung einen strammen Linkskurs in der Außenpolitik verordnet. Die Partei stürzte in eine Führungskrise, die Umfragen purzelten in den Keller. Noch einmal, das wussten Roth und Bütikofer, würden sie so ein Desaster politisch wohl nicht überleben.Der Basis entgegengekommenDas wussten wohl auch die rund 800 Delegierten in Nürnberg - und zeigten sich ungewöhnlich milde. Zwar forderte Bütikofer den Parteitag zum Auftakt auf, in der Sache zu entscheiden, "und nicht, weil der Bundesvorstand angeblich unter Druck steht". Und doch hatte die Basis das Schicksal der beiden offenbar im Blick. Der Parteitag führte trotz erheblicher Meinungsunterschiede eine ernsthafte und sachliche Debatte um den richtigen Kurs in der Sozialpolitik und stimmte mit rund 60 Prozent für das Grundsicherungs-Modell der Parteispitze. "Das war ein klares Votum", sagte Bütikofer.Der Sieg hatte aber einen Preis: Die Parteispitze war ihrer zumeist linken Basis weit entgegengekommen. "Die Grünen müssen zuerst für die schwächsten der Gesellschaft eintreten", warb Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt. Und so bricht die beschlossene Grundsicherung in Teilen mit der einst unter Rot-Grün mitbeschlossenen Agenda 2010. So sollen die Hartz IV-Regelsätze massiv aufgestockt und das Schonvermögen ausgeweitet werden. Die versprochenen Hilfen für Bedürftige summieren sich auf 60 Milliarden Euro.Am Ende zeigten sich sogar die Befürworter des konkurrierenden Grundeinkommens-Modells damit zufrieden. "Der Vorstand hat die Tür nicht zugeschlagen", so Christian Ströbele. Der Vize-Fraktionschef im Bundestag und mit ihm eine starke Gruppe wollten eigentlich eine Art Bürgergeld durchsetzen, dass jedem unabhängig von Bedürftigkeit gezahlt wird. Dies scheiterte zwar knapp, auch weil prominente Fürsprecher wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer oder Bremens Umweltsenator Reinhard Loske sich mit Rücksicht auf die Parteispitze zurückhielten. Doch im Verlauf der Beratungen gelang es ihnen immerhin, Elemente ihres Modells durchzusetzen. So soll in der Sozialpolitik auf staatliche Sanktionen weitgehend verzichtet werden, ein Brückengrundeinkommen soll Berufstätigen eine zeitweise Auszeit ermöglichen, höhere Freibeträge bei der Einkommensteuer werden geprüft.Metzger ohne UnterstützungNur einem ging all das viel zu weit. Der schwäbische Landtagsabgeordnete Oswald Metzger hielt beide Modelle für unfinanzierbar. Die Grünen dürften sich nicht aus der Realität verabschieden, warnte er in einer kurzen Rede. Doch der Haushaltsexperte war völlig isoliert und konnte bei den Delegierten auf keine nennenswerte Unterstützung mehr zählen.Mit Blick auf Metzgers Ausfälle gegenüber Langzeitarbeitslosen und seinen notorischen Rücktrittsdrohungen kam es dann doch noch zu einem kurzen Augenblick der Kontroverse. "Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, 'Oswald geh!' Aber ich sage: 'Oswald, geh in Dich'", warf Parteichef Bütikofer ins weite Rund der Halle. Der Applaus war heftig. Und selten dürfte sich ein grüner Parteitag in den letzten Jahren so einig gewesen sein, wie in diesem Moment.------------------------------Neuer Kurs und ein neues LogoDie Grünen haben auf dem Parteitag ihren Kurs in der Sozial-, Umwelt- und Bürgerrechtspolitik festgelegt. Nachfolgend die wichtigsten Beschlüsse:Sozialpolitik: Der Regelsatz für ALG II soll von 347 Euro auf 420 Euro steigen, Partnereinkommen nicht mehr angerechnet werden. Für Kinder soll es einen eigenständigen Regelsatz bis zu 350 Euro geben.Umweltschutz: Mit Neuerungen bei Verkehr, Strom und Öko-Abgaben soll die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt werden. Privathaushalte sollen für die Einsparung von fossil erzeugter Energie einen Ökobonus bekommen, Energieverschwender Abgaben zahlen. Der Klimaschutz soll als Staatsziel ins Grundgesetz. Alle AKW sollen auf Sicherheit geprüft und dem Betreiber Vattenfall die Lizenz entzogen werden.Bürgerrechte: Die Grünen lehnen Befugnisse für das Bundeskriminalamt zu präventiven Ermittlungen durch das geplante BKA-Gesetz, Online-Durchsuchungen und die Telekommunikations-Datenspeicherung ab.Logo: Ab März 2008 führen die Grünen ein neues Logo ein. Dabei ist das Schriftbild für den Namen Bündnis 90/Die Grünen angeglichen und die Sonnenblume stärker betont.------------------------------Foto: Spitze mit Schal: Claudia Roth und Reinhard Bütikofer tragen Gastgeschenke aus Äthiopien um den Hals.
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