Demonstranten attackieren Parteibüros und Geschäfte, Premier Erdogan klagt USA und EU an

Übergriffe auf Kurden in türkischen Städten

Günter Seufert
4 Min

ISTANBUL. Mit den Wölfen muss man heulen. Das erfahren dieser Tage viele Kurden der Westtürkei. Im wohlhabenden Bursa, im Touristenstädtchen Ayvalik, in die Ägäismetropole Izmir und in Istanbul - überall griff die aufgebrachte Menge die Parteibüros der prokurdischen DTP (Demokratische Gesellschaftspartei) an, versuchte sie in Brand zu stecken, warf Scheiben ein und plünderte. Am schlimmsten war es in Bursa, wo der Mob auch kurdische Geschäftsleute attackierte, wie nebenbei die Treffpunkte linker Studenten und Discos überfiel und wo Männer mit langen Haaren und Knopf im Ohr sich nicht mehr sicher fühlen können."Seit 25 Jahren ist unsere Familie in Bursa", sagt Abdurrahman Sayli, Sprecher der Firma Saypa, die in Bursa eine Kette von 22 Lebensmittelläden hat. Und sein Gehilfe Bedirhan Bozali fügt hinzu, dass die Firma seit Jahren Familien gefallener Soldaten unterstützt und Tausende türkischer Fahnen verteilt hat. Doch weil die Familie aus Mardin kommt, wo viele Kurden leben, hat ihr das alles nichts genutzt. Als die Massen mit türkischen Fahnen gegen die Morde der PKK protestierten, flogen erst einzelne Steine, dann plünderten Tausende die Filialen. Tags darauf schaltete die Firma ganzseitige Anzeigen, in denen sie zur Verdammung des PKK-Terrors aufrief. Und wie zum Schutz vor weiteren Angriffen hängte sie große türkische Fahnen vor die Tür.Generalstab heizt Stimmung anAuch das Cafe Gözlem hat einen kurdischen Besitzer, das Cafe Sixties gilt als Treffpunkt der Linken, und der Betreiber des Restaurants Beyaztas kommt aus Tunceli im Osten der Türkei. Alle drei Läden wurden angegriffen, und in Bursa flattern jetzt selbst vor den Rockbars große türkische Fahnen.Noch geht es nicht in jeder Stadt ganz so gewaltsam zu. Doch wenn in Kayseri, wie am Samstag, dreihunderttausend Menschen mit Fahnen auf die Straße gehen, wenn im ganzen Land Kinder in Uniformen gesteckt werden, ist jede Diskussion um Ja oder Nein zum Krieg gegen den Nordirak eigentlich vorbei. Von offizieller Seite erschallen ganz ähnliche Töne. "Wir sind entschlossen, es denen, die uns diese Schmerzen zufügen in unvorstellbarem Ausmaße heimzuzahlen", sagte der türkische Generalstabschef Yasar Büyükanit am Samstag. Bereits im Juni hatte er erklärt, die Streitkräfte würden erwarten, dass die türkische Nation massenhaft ihre Ablehnung des Terrors zeigt. Und er betonte, es sei jetzt allerhöchste Zeit, dass jenen, die Freiheit und Demokratie als Schutzschild für den Terror missbrauchten, die Maske vom Gesicht gerissen werde. Inzwischen beugt sich auch Premier Recep Tayyip Erdogan dem Druck der Straße und des Militärs. Am Samstag beschuldigte Erdogan die USA, in der Region Pläne gegen sein Land zu schmieden und klagte europäische Länder an, dass sie der PKK-Finanzierung keinen Riegel vorschieben würden. Das Außenministerium brach am selben Tag seine Gespräche mit einer Delegation des Irak ab, von dem die Türken die Entwaffnung der PKK und die Auslieferung ihrer Führungskader gefordert hatten.Dass selbst die türkische Armee die Berge der Türkei bisher nicht von der PKK gesäubert hat und dass der schwache Irak die PKK, selbst wenn er wollte, nicht bekriegen kann, fällt in der Kriegshysterie vollkommen unter den Tisch. An der Grenze haben die Türken jetzt ihre militärischen Vorbereitungen beendet, die kurdischen Peschmerga graben sich auf der anderen Seite ein. Jetzt kann der Krieg beginnen.------------------------------Iran gegen Alleingang AnkarasDie türkische Armee tötete bei ihren Einsätzen gegen die als Terrororganisation eingestufte PKK am Sonntag 20 kurdische Kämpfer. Bei den Gefechten bei Pülümür in der Provinz Tunceli im Osten des Landes wurden die Bodentruppen türkischen Medien zufolge von Kampfhelikoptern unterstützt. Außenminister Ali Babacan bekräftigte, sein Land habe nach den Angriffen der PKK die Geduld verloren. Mit Blick auf einen angedrohten Militärschlag sagte er, alle Optionen seien auf dem Tisch.Der Iran hat sich gegen einen militärischen Alleingang der türkischen Armee in den nordirakischen Kurdengebieten ausgesprochen. Im Kampf gegen die PKK versicherte Außenminister Manuchehr Mottaki seinem türkischen Amtskollegen Babacan am Sonntag in Teheran aber volle Unterstützung.Der türkische Premier Erdogan will am 5. November in Washington zu Gesprächen mit US-Präsident George W. Bush zusammenkommen.------------------------------Foto: Türkische Studenten demonstrieren in Istanbul gegen die kurdische PKK.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner