Vom Naturkundemuseum in der Invalidenstraße in die Wüste Gobi? Dafür kann es viele Gründe geben. Meine Lebensgefährtin hat ihre Wurzeln in der Mongolei und so kommt es, dass wir fast jährlich nach Ulan Bator fliegen, in der Regel zum Nationalfest, dem Nadaam-Fest im Juli, bei dem Ringkämpfer und Bogenschützen an einem Wettbewerb teilnehmen und ein Pferderennen über 30 Kilometer stattfindet.
Als regelmäßige Besucher des Berliner Naturkundemuseums haben wir natürlich auch das entsprechende Museum in der mongolischen Hauptstadt besucht und waren insbesondere von den Dinosaurier-Skeletten fasziniert, die es mit denen in Berlin problemlos aufnehmen können.
Die Mongolei ist ein Hotspot der Paläontologie, der Wissenschaft von den Lebewesen und Lebenswelten der geologischen Vergangenheit. Leider war dieses schöne Museum aus Sowjetzeiten baufällig geworden, musste vor fünf Jahren abgerissen werden und wurde durch ein modernes Gebäude ersetzt.
Mit dem Leiter des paläontologischen Institutes, Professor Tsogtbaatar, haben wir uns vor vielen Jahren in Verbindung gesetzt und dem Institut eine Drohne für Geländeuntersuchungen zur Verfügung gestellt. Dieses Jahr hatten wir die einmalige Gelegenheit, mit Mongolia Quest selbst an einer professionellen paläontologischen Expedition teilzunehmen, ein Abenteuer, von dem wir schon lange geträumt hatten.
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Zwei verschiedene Dinosaurier-Arten oder doch nur eine?
Leiter dieser Expedition war der bekannte Wirbeltier-Paläontologe Phil Currie von der Alberta-Universität in Kanada. Seine Frau, eine Paläobotanikerin, und zahlreiche Kollegen und Studenten aus den USA, Japan, Australien und der Mongolei, bildeten ein hochprofessionelles Team.
Viele Universitäten sind, gerade hinsichtlich der Grundlagenforschung, chronisch unterfinanziert. Doch es gibt ja den Weg der sogenannten Drittmittelfinanzierung. In diesem Falle waren das wir, ungefähr 15 interessierte Laien aus der ganzen Welt, die mit unserer Teilnahme das Projekt unterstützten.
Paläontologische Expedition Granger in der Wüste Gobi haben eine lange Geschichte: Der Kurator des amerikanischen Museums installiert 1925 den dort gefundenen Schädel des Baluchiterium in den paläontologischen Sammlungen.
© KHARBINE-TAPABOR/imago
Im Süden der Wüste Gobi liegt ein Dorado für Saurierfunde. So gab es bereits in den 1940er-Jahren sowjetische Expeditionen und auch in den Folgejahrzehnten gemeinsame russisch-mongolische und polnisch-mongolische Expeditionen.
1965 wurden in der Nemegt-Formation ein Dinosaurier-Schädel gefunden, allerdings ohne Skelett, und 50 km weiter westlich, im Gebiet von Altan Uul, ein Skelett, allerdings ohne Schädel. Diese Funde wurden verschiedenen Arten zugeordnet, doch Phil Currie gehörte zu den Ersten, die diese Zuordnung infrage stellten, denn beide Saurier stammten aus dem gleichen erdgeschichtlichen Zeitalter und gehörten zur Gruppe der Titano-Saurier, so benannt wegen ihrer Größe.
Kleinere zusätzliche versteinerte Knochen waren weitere Indizien für diese neue Theorie. In mehreren abenteuerlichen Exkursionen, deren Grundlage Aufzeichnungen eines polnischen Institutes waren, gelang es tatsächlich im Jahr 2016, unmittelbar in der Nähe des Schädelfundes, Unterschenkel-Knochen ausfindig zu machen, deren versteinerte Gelenke aus dem Felsen ragten, darüber dreieinhalb Meter Sandstein mit einem Volumen von ungefähr 200 Kubikmetern.
Die Aufgabe unserer Expedition war die Freilegung dieser Fossilien, auf den ersten Blick eine „mission impossible“. Aber innerhalb weniger Tage wurden nicht nur Schaufeln, Meißel und Stemmeisen zum „Steinbruch“ transportiert, sondern auch Presslufthämmer und die dazugehörigen Generatoren auf eine Anhöhe gebracht, die nur von wagemutigen Fahrern mit perfekter Ortskenntnis erreicht werden konnte.
Meine selbstgewählte Aufgabe war – neben der Teilnahme an der Freilegung – die Dokumentation mit Drohne und Kamera, die allen Beteiligten zur Verfügung gestellt wird. Das Unmögliche wurde wahr und innerhalb von etwas mehr als einer Woche waren das Schien- und Wadenbein freigelegt.
Es wird nicht mehr lange dauern, und die Ergebnisse werden ausgewertet und publiziert werden. Dann wird sich zeigen, ob Phil Curries Arbeitshypothese von der Einheit der angeblich verschiedenen Dinosaurier-Arten bestätigt werden kann.
Paläontologie ist Grundlagenforschung
Anschließend reisten wir zurück in die Hauptstadt, besuchten das kürzlich neu eröffnete Dschingis-Khan-Museum, das paläontologische Institut, einige Kunstmuseen, das Gandan-Kloster und verbrachten einen Tag im Nationalpark Terelj.
Unsere Eindrücke von der Expedition waren außergewöhnlich. Es war nicht nur die lockere, freundschaftliche Atmosphäre in dem Camp, das mit einfachsten Mitteln aufgebaut war. Es gab hier – mitten in der Wüste – alles, von Toiletten und Duschen, bis zu den schmackhaften Mahlzeiten inklusive Rotwein und kaltem Bier.
Es war vor allem auch die Professionalität, die abendlichen Vorlesungen, Diskussionen und die persönlichen Gespräche über unsere verbesserungswürdige Welt. Es war auch der fantastische Sternenhimmel, die Milchstraße, die so klar zu sehen war.
Phil und seiner Crew haben wir versprochen, unsere Erlebnisse zum Anlass zu nehmen, um mehr Öffentlichkeit zu schaffen, für die so sehr unterschätzte Paläontologie. Sie gehört zur Grundlagenforschung und ist meines Erachtens genauso wichtig, wie eine Landung auf dem Mond.
Die Mongolei ist ein Land, das viel zu wenig Beachtung findet, trotz seiner freundlichen, intelligenten und aufgeweckten Einwohner, seiner außergewöhnlichen Geschichte, seines Potenzials, seiner Bodenschätze und seiner strategischen Lage.
Dinosaurier der Wüste Gobi Russland in der Kreidezeit, die sich über 79 Millionen Jahre vom Ende der Jurazeit vor 145 Millionen Jahren bis zum Beginn des Paläogens erstreckt.
© Gemini Collection/imago
Fossilien-Diebstahl ist ein Problem
Während der Exkursion haben wir einen Tagestrip nach Altan Uul gemacht, wo eine sowjetische Forschergruppe vor einem Dreivierteljahrhundert einen regelrechten Dinosaurier-Friedhof freigelegt hatte, ungefähr so groß, wie ein Fußballfeld.
Dort findet man u. a. auch fossilisierte Abdrücke von Dinosaurier-Haut, einem Schwerpunkt der Forschung eines australischen Teilnehmers, Phil Bell. Man findet hier Fläschchen von Sekundenkleber, ein untrügliches Zeichen von „poaching“, Fossilien-Diebstahl, denn mit Sekundenkleber werden kleine Teile der versteinerten Funde zusammengefügt und dann entwendet. Die Untersuchung und Protokollierung solcher Diebstähle in Zusammenarbeit mit den Behörden ist mittlerweile fester Bestandteil jeder Expedition.
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Wäre es nicht eine interessante Herausforderung für das Naturkundemuseum in Berlin, eine Lizenz für diesen Fundort zu erwerben und damit einen Beitrag zu leisten, dass er erhalten bleibt und wissenschaftlich ausgewertet werden kann, statt langsam zu verfallen?
Die Mongolei ist näher und einfacher zu erreichen als der Süden Tansanias. Dort, am Tendaguru, hatte das Museum bis zum Ersten Weltkrieg Ausgrabungen durchgeführt. Der Brontosaurus in der Eingangshalle stammt aus diesem Gebiet.
Auch aktuell wird dort wieder geforscht. Wie wäre es mit einem weiteren Standbein? Die Verbindungen lassen sich leicht herstellen. Eine internationale Kooperation fördert auch das friedliche Zusammenleben unserer eigenen, konfliktanfälligen Art. Wünschenswert wäre es also aus vielen Gründen.
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