Alltagsheldin

Den Mutigen gehört die Welt: Wie eine alleinerziehende Mutter internationale Teams leitet

Anja G. war 18 Jahre lang alleinerziehend und machte schließlich Karriere bei Amazon. Ihr Fall zeigt: Familie mit beruflichem Ehrgeiz zu vereinen, bleibt eine Herausforderung.

Adrian Garcia-Landa
9 Min
Als alleinerziehende Mutter war der Berufseinstieg für Anja schwierig.

Als alleinerziehende Mutter war der Berufseinstieg für Anja schwierig.

© Benjamin Pritzkuleit/Ostdeutsche Allgemeine

Mitte 2024 macht Anja G. eine Müttergenesungskur in einer thüringischen Kleinstadt. In der Kennenlernrunde erklärt sie: „Das habe ich mir verdient. Ich war 18 Jahre lang alleinerziehend und habe nebenbei Karriere gemacht.“ Mit Blick auf die Saale verschlingt sie jeden Tag ein Buch – von Stephen King bis zu Buchpreiskandidaten. Die anderen nennen sie nach ihrem Social-Media-Namen: Pippilotta.

Zwei Jahre nach Ende der Kur sitzt Anja G. im Blumenkleid in einem vietnamesischen Restaurant in Halle an der Saale. Sie ist braungebrannt von einem Italienbesuch mit ihrem Sohn und erzählt voller Energie vom Urlaub: „Ich habe es nicht einmal geschafft zu lesen, so viel gab es zu sehen.“ Es ist 14 Uhr. Normalerweise würde Anja G. bis 17 Uhr ganz in der Nähe im Büro sitzen und sich in Zoom-Meetings mit Kollegen in London, Luxemburg und Mailand austauschen. Für das Interview hat sie sich freigenommen: „Ich habe Überstunden, die ich abbummeln kann.“

So viel Flexibilität kannte sie zuvor nicht. Sie hatte sich die Vereinbarkeit von Kind und Karriere anders vorgestellt, als sie am Ende ihres Kommunikationsstudiums in Bonn schwanger wurde: „Ich bin mit Murmel zur Prüfung gelaufen.“ Nach dem Studium ging es direkt in die Elternzeit. Die Ehe kriselte, die Betreuung blieb an ihr hängen. In den Beruf einzusteigen, war nicht leicht: „Wenn du ein kleines Kind hast und nicht arbeitest, kriegst du keinen Kita-Platz.“ Ohne Job, sagte man ihr, gebe es nur einen Halbtagsplatz – wer Arbeit finde, müsse bis Jahresende auf den Ganztagsplatz warten: „Damit bist du raus aus dem Arbeitsleben.“ Anja G. bestellt ein üppiges Reisgericht und erklärt: „Den Rest nehme ich mit.“

Keine Zeit für Hobbys

Beim Essen erzählt die Mittvierzigerin, wie ihre Ehe in die Brüche ging. PR sei mit einem kleinen Kind nicht vereinbar gewesen: „Bei Public Relations kommt gerne mal ein Kunde am Freitag um fünf und sagt: Ich brauche das bis Montag!“

Im Restaurant wird es voller. Anja G. schlägt vor, im Museum in der Moritzburg weiterzusprechen. Auf dem Weg bleibt Anja G. vor dem Schauspielhaus stehen: „Wenn ich schon hier bin, muss ich auf den Spielplan sehen.“ Sie gehe, erzählt sie, oft und gerne ins Theater und auch in die Oper. Mit und ohne ihren Sohn. Lange hatte sie keine Zeit dafür, generell keine Zeit für Hobbys. Freizeitgestaltung kannte sie nicht. Ihr stellte sich vielmehr die Frage: Was wäre überhaupt ein Beruf, der zu einer Alleinerziehenden passt, einer, bei dem man pünktlich Feierabend machen kann?

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Sie entschließt sich für den Weg zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Die dreijährige Ausbildung schafft sie durch nächtliches Büffeln in nur zwei Jahren. Sie zieht zu ihren Eltern nach Merseburg, um ein soziales Netz zu haben, und fängt in einer Kanzlei an. Nach drei Jahren aber sieht sie als Rechtsanwaltsfachangestellte keine Perspektive: „Ich wollte immer noch weiter, so weit, wie ich halt konnte.“ Eine Motivation ist auch mehr Geld: „Einmal wollte mein Sohn ins Kino, um ‚Kung Fu Panda‘ zu gucken, und ich musste ihm erklären, dass ich mir das nicht leisten kann.“

Überstunden waren gern gesehen

Für eine Stelle als Assistenz der Geschäftsleitung erweisen sich ihre Rechtskenntnisse als nützlich. Sie landet bei der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt. Doch die Arbeit in der Gesundheitsbranche, stellt sie fest, ist nicht immer gesund. Nach zwei Jahren ruft ein Headhunter an. Ob sie Lust hätte, Executive Assistant bei einem internationalen Lebensmittelkonzern zu werden, der unter anderem Schnellrestaurants beliefert?

Sie lässt sich abwerben. Die Stelle ist spannend, das europaweite Agieren bringt ihre Englischkenntnisse auf Vordermann und sie kommt rum – nach Freiburg, Berlin, in das Headquarter in Irland oder die Schweiz. Vereinbarkeit aber bietet die Stelle nicht: Überstunden wurden gern gesehen, Fehlzeiten durch Arztbesuche während der Arbeitszeit müssen nachgearbeitet werden: „Irgendwann habe ich gedacht, ich mache mich krumm.“

Eines Abends öffnet sie das berufliche Onlinenetzwerk LinkedIn. Ein Stellenangebot bei Amazon poppt auf – für eine Stelle am Leipziger Standort. Leipzig ist für den Onlinehändler zentral. Sie klickt auf Bewerben, ganz ohne Anschreiben. Ist es so leicht, eine Stelle beim Onlinehändler zu bekommen, wie etwas zu bestellen? Eher nicht. Es folgen sechs Interviews. Mittlerweile arbeitet Anja G. von Halle aus für internationale Teams. Einer der Gründe für ihre Einstellung: „In Mitteldeutschland war es nicht einfach, jemanden zu finden, der fließend Englisch spricht.“

Im Museum geht Anja G. zielstrebig in den dritten Stock zu einer Bank mit Panoramablick. Sie zeigt in die Ferne: „Da hinten liegt Merseburg.“ Dort ist sie aufgewachsen. Von dort aus pendelt sie nach Halle. Der Umzug in ihre Geburtsstadt hat sich gelohnt. Früher sei ihr Sohn oft bei den Großeltern gewesen. Ihre Eltern hätten ihn zur Schule gebracht und danach betreut: „Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.“

Aber auch die Menschen in ihrem Mehrfamilienhaus unterstützten sie: „Da lebten viele junge Leute.“ Einmal musste sie beruflich über Nacht weg und ihr Sohn wollte allein bleiben. Da war er zehn. Sie fragte ihn, ob er sich das echt zutraue: „Er hat ja gesagt.“ Die Nachbarin wusste Bescheid. „Und dann schrieb er nachts, er rede mit der Katze.“ Sie lacht. „Oh Gott, dachte ich.“ Bereut hat sie es nicht: „Das war so dieses – ja, ich kann das. Das war wichtig für ihn.“ Sie aber merkte: Der Dauerstress geht nicht länger gut.

Bei Amazon sei vieles anders. Sie kann gehen, wenn sie muss – zum Arzt, zum letzten Schultag ihres Sohnes: „Das kannst du mit Geld nicht bezahlen, so viel Flexibilität.“ Und sie kann bleiben, ohne dass es eintönig wird, findet immer wieder Herausforderungen. Mehrmals hat sie Teams gewechselt: „Wenn ich in ein neues komme, ist das fast wie ein neuer Job.“

Heute betreut sie als Executive Assistant drei Teams mit jeweils einem Manager: „Einer der Manager ist fachlich genial – aber das Team auf emotionaler Ebene zusammenzubringen, ist mein Job.“ Das wisse er auch – und das schätze sie. Bei Amazon könne sich jeder mit dem einbringen, was er kann: „Jeder soll Vorschläge für Produkt- oder Prozessverbesserungen machen.“ Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Es ist so eine deutsche Sache, dass Menschen maulen, aber nichts ändern – wenn man was ändert, kann man nicht mehr maulen.“

Amazon kommt in der deutschen Öffentlichkeit selten gut weg. Seit Jahren streikt Verdi in den Versandzentren für einen Tarifvertrag, Beschäftigte berichten von Leistungsdruck und Überwachung. Darauf angesprochen meint Anja G.: „Ich kenne die Kritik.“ Ihre Amazon-Welt ist eine andere: Sie arbeitet in der Verwaltung. Sie erklärt, es gebe eine inoffizielle Zweijahresgrenze: „Entweder man geht – oder man bleibt.“

Sie ist geblieben und identifiziert sich so mit ihrem Arbeitgeber, dass sie von „wir“ spricht: „Die machen viel für ihre Mitarbeiter.“ Intern ist sie Co-Chair einer Gruppe zu Frauengesundheit. In diesem Frühjahr organisierte sie eine Veranstaltung zur Menopause: „Kein Randthema. Es beeinträchtigt die Arbeitsfähigkeit.“

Heute ist Anjas Sohn erwachsen und sie hat Zeit, sich ehrenamtlich um junge Menschen zu kümmern, die eine Ausbildung oder einen Job suchen.

Heute ist Anjas Sohn erwachsen und sie hat Zeit, sich ehrenamtlich um junge Menschen zu kümmern, die eine Ausbildung oder einen Job suchen.

© Benjamin Pritzkuleit/Ostdeutsche Allgemeine

Das lange Sitzen auf der Bank ermüdet. Anja G. fackelt nicht lange: „Ich kenne ein Café mit selbstgemachtem Kuchen.“ Beim Verlassen der Moritzburg erzählt sie, dass sie mittlerweile über Amazon viele Freunde gefunden habe – in Italien, in Spanien, in England. Jedes Frühjahr fährt sie mit ihrem Sohn zu einer ehemaligen Mentorin nach Norditalien.

Auch zuvor hat sie sich oft mit Kolleginnen angefreundet: Zwei in ihrer vorigen Stelle waren es, die sie Pippilotta tauften: „weil ich auf einer Wanderung das Pippi-Langstrumpf-Lied gesummt habe und sie fanden, dass ich auch so stark bin.“ Die Pippi-Bücher von Astrid Lindgren hat Anja G. bis heute nicht gelesen. Sie grinst: „Muss ich mal machen.“

Hätte sie die Bücher gelesen, würden ihr sicher Parallelen zu der Kinderbuchheldin auffallen. Ihr Haus aber ist nicht so groß und wild wie die Villa Kunterbunt, eher „ein Bungalow, keine Etagen, kein Keller“. Anja G. ist pragmatisch: „Was will ich auch damit? Ganz allein?“ Ihre Mutter habe 2019, als sie das Haus in Merseburg kaufte, gesagt, sie sei sehr mutig gewesen, das zu wagen. Anja G. zuckt mit den Schultern: „Den Mutigen gehört die Welt.“

Im Café am Marktplatz kommt sie auf ihr Ehrenamt zu sprechen. Jetzt, da ihr Sohn 18 ist, sind Erschöpfung und Überforderung passé. „Da wollte ich noch etwas Sinnstiftendes machen.“ Über Ehrenamtsprogramme ihrer Firma lernt Anja G. die „Joblinge“ kennen – einen Verein, der jungen Erwachsenen mit holprigem Bildungsweg zu Ausbildung oder Arbeit verhilft. Sie wird gefragt, ob sie nicht Mentorin werden wolle. Seitdem unterstützt sie in der Freizeit: „Ich hatte auch keine gerade Laufbahn. Es ist okay, wenn man Brüche drin hat. Hauptsache ist, nicht aufzugeben.“ Das zeigt sie ihrer aktuellen Betreuten, die sie „Mentee“ nennt. Bei der 19-Jährigen „ist viel im Hintergrund passiert“, aber darüber reden sie nicht: „Bei mir kann sie einfach die junge Frau sein, die einen Job sucht – und nichts anderes.“

Ein zweites Ehrenamt fand sie über eine Schulfreundin: einen Ornithologenverband – „ein eingeschworener Verein mit vielen alten Männern“. Anja G. schlug vor: Wie wäre es mit Instagram, raus aus der Blase? Ihre PR-Kenntnisse und Organisationskraft setzt sie jetzt ein, um neue und jüngere Mitglieder zu gewinnen: „Das ist total spannend.“

Anja G.s Handy klingelt. Ihr Sohn. Sie hört ihm zu und sagt dann: „Ich bin stolz auf dich.“ Sie legt auf und erzählt, er sei gerade für Australien zugelassen worden – Work and Travel. Dass er so weltoffen sei, liege sicher auch an den vielen Reisen. Bis heute reisen sie regelmäßig ins Ausland. Sie lächelt: „Und neulich hat er gesagt: Guck mal, wo wir hingekommen sind!“

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