Ekel macht Grieben. Lippenherpes, tatsächlich. Abscheu stresst das Immunsystem. Noch sieht mein Mund nicht schlimmer aus als gewöhnlich. Klopfe auf Holz.
Aber von vorn: Die Kampagnenorganisation Campact schrieb an „rund 90 relevante Unternehmen“ und stellte „einige Fragen zu Ihrer Werbepraxis“. Man habe entdeckt, dass Spots dieser Firmen vor gewissen Online-Videos liefen.
Beigefügt war eine Aufstellung von 62 YouTube-Kanälen. Darunter durchaus einige Kanäle veritabler Extremisten, aber auch von konservativen, meinetwegen alternativen, jedenfalls dezidiert nicht linken Medien wie Kontrafunk, Weltwoche, Nius, Tichys Einblick oder Apollo News: „Alle aufgeführten Kanäle unterstützen indirekt oder direkt die rechtsextreme AfD und/oder hetzen gegen Minderheiten.“
Bizarr: Neugierige Podcasterin auf der Sperrliste
Zu den solcherart Verfemten gehörte sogar die stets um Vorurteilsfreiheit bemühte, scheuklappenscheue und neugierige Podcasterin Jasmin Kosubek. Bizarr. Gekrönt wurde die Liste durch eine fristbewehrte Aufforderung zur Stellungnahme und die Frage, ob die Unternehmen an der Nähe zu „Hass- und Hetz-Inhalten“ festhielten.
YouTube spielt Reklame automatisiert aus. Der Brief regt unmissverständlich dazu an, alle inkriminierten Content-Creators auf eine Werbe-Sperrliste zu setzen und an der wirtschaftlichen Wurzel zu packen. Die elegante Antwort der Adressaten, unabhängig von ihrer Entscheidung, wäre: „Sehr geehrte Zuträger*innen, vielen Dank für die Information. Sie sind wachsame Kundschafter unserer Demokratie. Hoffentlich werden zum Dank eines Tages Kreisverkehre und Funklöcher nach Ihnen benannt. Dennoch glauben wir, Ihnen über unser Marketing keine Rechenschaft zu schulden.“ Nur, das muss man sich leisten können.
Letzten Herbst zeigte Campact den Delinquenten die Instrumente. Ein Unternehmerverband hatte mit einem AfD-Politiker reden wollen. Der Chef der Drogeriekette dm hatte dies für minderschlimm befunden. Zu einer offenen Gesellschaft gehöre, miteinander im Gespräch zu bleiben. Daraufhin forderte Campact dm auf, sich unverzüglich „zur Brandmauer zu bekennen“ und soufflierte der Kundschaft für den Fall der Zuwiderhandlung: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich nicht mehr ein, wenn ihr weiter mit Rechtsextremen sprecht.“
Vor diesem Hintergrund duftet der aktuelle Brief noch stärker nach: „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“ Schon kurz nach Versand der Gesinnungsabfrage jubelte Campact: Jedes dritte Unternehmen habe die Kanäle gesperrt oder zumindest eine Prüfung zugesichert. Einerseits lässt sich nachvollziehen, wenn ein Waschmittelkonzern seinen Kuschelweichspüler nicht neben Filmchen mit Ulrich Siegmund feilbieten will. Oder ein Melissengeistbrauer sein Beruhigungsmittel.
Obwohl, genau genommen wäre diese Platzierung gar nicht so unpassend. Ohnehin sind viele Unternehmen überzeugt, in politisch polarisierten Umfeldern wenig gewinnen zu können. Wahrscheinlich zu Recht. Das nennt sich Brand Safety. Markenschutz. Imagepflege.
Andererseits kann man sich gegen einen kaum kaschierten Nötigungsversuch doch wenigstens ein bisschen wehren, selbst wenn man sich aus freien Stücken genauso verhalten hätte. Ich meine, man muss doch nicht gleich Vollzug melden. Das hat mit Würde zu tun. Mir erscheint die Melange aus denunziatorischer Anmaßung und ausgestellter Beflissenheit unappetitlich. Der Anblick des Vorgangs taugt zur Dschungelprüfung. Statt Maden.
Um das Sittengemälde zu vollenden, inspirierte im Gegenzug die Junge Freiheit Boykottaufrufe von der anderen Seite, mittels einer „Liste der Unternehmen, die nun vor der linken NGO einknicken“. Der übliche Irrsinn. Zum Beispiel gegen dm, das sich diesmal – so behauptet jedenfalls Campact – unverzüglich kooperativ gezeigt haben soll.
AfD-Funktionärin Erika Steinbach kündigte an, nicht länger Audi zu fahren. Haha. Das hatte sie bereits vor fünf Jahren feierlich gelobt, damals auch aus politischen Gründen. Nein, die Nummer ist keineswegs „typisch links“. Genre-Klassiker sind die um 1950 bei US-Medien kursierenden schwarzen Listen voller Künstler, die sich partout nicht zum Antikommunismus bekennen wollten. Gingen bundesdeutsche Rechte an der Macht grundsätzlich anders vor? Kann sein. Nichts ist unmöglich. Allerdings würde ich maximal zwei Feigwarzen darauf verwetten.
145.000 Menschen finden Campact-Kampagnen so gut, dass sie regelmäßig Geld dafür spenden. Meine These: Bei mindestens ebenso vielen Mitbürgern führt es zu Lippenbläschen, wenn hintenrum missliebige Medien ausgehungert werden sollen. Petze, Petze ging in ’n Laden. Das Verfahren dürfte aufs Konto derer einzahlen, gegen die es sich richtet. Insofern unterstützt auch Campact die AfD. Diese Behauptung ist, ich weiß, nicht sonderlich originell. Sie kann es aber werden, wenn das auch den Aktivisten auffällt. Dann schreiben sie sich selbst einen Brief.
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