Ein Scherz. Das ist die erste Reaktion, wenn man hört, dass im Admiralspalast ab Freitag Theater gespielt werden soll. Falls, ja falls die Bau- und die Feuerpolizei heute das Gebäude frei gibt. Sie ist nur der Sicherheit von Mitarbeitern und Publikum verpflichtet. Wenn die Fluchtwege zu eng sind oder die Rauchabzüge nicht funktionieren, wird die Premiere der "Dreigroschenoper" platzen - auch wenn der Produzent vorsorglich laut nach Entschädigung ruft.Überall zeigt sich der immense Zeitdruck, unter dem das Projekt leidet. Entstanden ist er auch wegen einiger großspuriger Ideen, die der Baugeschichte des ganzen Admiralspalastes widersprechen. Der Berliner Architekt Heinrich Schweitzer entwarf den Bau 1911 als Eistanz- und Vergnügungspalast mit Café, Kino, Schwimmbad für Damen und für Herren im vierten Stock. Dauernd wurde die Anlage dem Zeitgeschmack und neuen Geschäftsideen angepasst: 1922 entstand in der Eistanzhalle der heutige Theatersaal im Neurokoko-Stil, 1930 wurde er umgestaltet im Art-Déco-Stil, 1939 durch den Theaterarchitekten Paul Baumgarten in neuklassizistische Formen gebracht. Und die DDR ließ für Walter Ulbricht eine Herrscherloge mit Goldbaldachin einbauen.Jetzt entstand neben dem sorgsam bewahrten Eingangsfoyer mit seinen runden Deckenlampen und den zart glänzenden Steinoberflächen ein Treppenhaus, das erstmals alle Geschosse in einem Zug verbindet. Bisher konnte jeder Rang nur einzeln erreicht werden. Doch das war den neuen Theaterunternehmern um Falk Walter zu sehr Ausdruck unterschiedlicher Gesellschafts- und Preisklassen. "Lichthof" ist ihr kühnes Wort für den Schacht, in dem sich die Spindel massig hochstemmt. Alles wurde sehr theaterhaft auf Oberfläche hin gebaut: Die Betonarbeiten an der Treppe wären anderswo möglicherweise bei einem Kuhstall akzeptiert worden, so grob war die Schalung, so sehr quoll das Material durch die Fugen der Holzbretter. Erst Schleifmaschinen, Putzschichten, Rigips in Massen und Farbe machen alles erträglich. Angeblich soll die Treppe silberfarben gestrichen werden, um sich abzuheben von den historischen Interieurs. Das dürfte leider gelingen.Erfreulicher sind die Tischlerarbeiten im Foyer mit geschwungenen Tresenöffnungen und mattschimmernden Holzwänden, hinter denen sich die neue Technik verbirgt. Darüber klaffen immer noch große Löcher in den Rabitzdecken, hängen Kabel heraus. Vier Tage hat man noch Zeit.Ein solch großes Bauprojekt in die in einem Jahrhundert gewachsene Baukonstruktion des Admiralspalastes zu fügen, das kostet Geld und Zeit. An vielen Stellen hat man die Ahnung, dass von beidem nicht genug da war und ist. Der avisierte neue Vergnügungspalast ist allenfalls in Ansätzen sichtbar. Die Diskothek unter dem Hof ist eine Müllhalde, das neue Bad anstelle des alten Damenbades unter dem Dach eine Ruine, in die hoffentlich die bei der Denkmalpflege eingelagerten Mosaiken wieder eingebaut werden können. Das einstige Herrenbad ist kein Veranstaltungssaal, sondern nur ein sauberer, sehr leerer Dachboden.Verschwunden sind hier die zarten Stuckaturreste von 1911. Auch der Vorbau der Herrscherloge im großen Saal wurde nun mit Einwilligung der Denkmalpflege abgebrochen, nur ihr Hinterraum mit seinen peinlichen Tapeten existiert noch. Das Foyer darf ausgeweitet werden, vielleicht werden sogar die Fenster zur Planckstraße hin wieder aufgebrochen, wenn die kostbare expressionistische Fassade endlich gesichert und vorsichtig restauriert wird. Die Zugeständnisse der Denkmalpflege sind also erheblich. Aber immer noch besser, als den Bau dem abrisswilligen Berliner Finanzsenators zu überlassen.Zwar bekennen sich die Architekten des Büros Gewers, Becker & Kühn ausdrücklich zu einem rücksichtsvollen Umgang mit dem Denkmal. Und tatsächlich blieb selbst das Mattgelb im großen Saal so staubig wie gekannt. Ein wenig Erfrischung hätte hier nicht geschadet. Aber das kostet. Die Rücksicht auf das Alte ist wohl doch, wie das Treppenhaus oder das Herrenbad zeigen, eher der Not als der Leidenschaft zu danken. Andererseits gehört genau dieses Herumwursteln zur baulichen Tradition des Admiralspalastes. Es wird auch das kommende Abenteuer prägen: Die Sanierung bei laufendem Publikumsbetrieb. Solche Projekte haben den Geruch einer wahnwitzigen, erregenden Zukunft.------------------------------(KORREKTUR - Im Artikel von N. Bernau über den Admiralspalast blieb gestern eine Bildunterschrift unaktualisiert. Nicht die Rückfassade, sondern der Innenhof des Haues war zu sehen. Die Architekten heißen Gewers, Kühn & Kühn. Die Herrscherloge wurde entgegen den Angaben der Denkmalpflege nicht für Ulbricht, sondern 1941 für Hitler eingebaut. - 09.08.2006)------------------------------Foto: Die Fassade an der Planckstraße - das Beste, was Berlin an expressionistischer Architektur zu bieten hat.
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